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Schenefelder Tageblatt

18. Oktober 2017 | 06:17 Uhr

Schenefeld : Sie ist der Kultur-Engel

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Hanna-Maria Engel blickt mit Wehmut zurück und voller Optimismus nach vorn: Seit mehr als 25 Jahren liest die 75-Jährige in ihrem „Atelier“.

shz.de von
erstellt am 04.Sep.2013 | 17:00 Uhr

Der Blick in die Vergangenheit ist mit Wehmut gefüllt. „Es war wie ein Traum“, sagt Hanna-Maria Engel. In Gedanken wandert die 75-Jährige zurück. In ihre Dachgeschosswohnung im Husbargen, in ihr „Atelier Engel“. Bei einer Lesung drängten sich dort bis zu 60 Kulturliebhaber. Kein Stuhl blieb frei. „Einer holte sich einen Eimer aus der Küche, drehte ihn um und setzte sich hin“, erinnert sich Engel. Andere lagen auf den Betten.

Musik, Literatur, Kunst: Das Atelier, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Knut, dem Grafiker und Maler, 1986 gegründet hatte, wurde damals schnell zum Geheimtipp. Vor allem Hamburger Kulturfans schätzten diese ganz besondere Atmosphäre, die Intimität des Zirkels. Junge Künstler vom Hamburger Konservatorium kamen nach Schenefeld, um sich auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln.

Engel schüttelt die Wehmut ab, springt in die Gegenwart. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer. In ihrem „Bücherzimmer“. Ihr Blick wandert zu den Regalen, die kein Ende nehmen wollen. „Es sind inzwischen wohl 10 000 Bücher“, sagt sie. Klassiker steht neben Klassiker. Ein paar seltene Exemplare sind auch dabei. „Die Klassiker vermitteln auch heute noch wichtige Moralvorstellungen, aber auch Momente voller Heiterkeit.“ Sie liebt Fontane, verehrt Mann, bewundert Rilke und Heine. Götz George, das Tatort-Rauhbein, mag sie – als Mensch und als Schauspieler. „Er ist auch Krebs. Zum 75. Geburtstag habe ich ihm gratuliert. Er hat geantwortet“, erzählt die Schenefelderin ein wenig gerührt.

Das Lesen als Schauspiel: Engel hat es perfektioniert. „Ich liebe es, alle diese verschiedenen Rollen zu spielen.“ Sie will die Menschen berühren. Wer ihre Lesungen besucht, der muss zuhören, der muss sich auf die Geschichte, auf das Schauspiel, einlassen. Engel weiß, dass sie gegen den Zeitgeist anliest. In der schnellen Welt der Bytes und Klicks bleibt nicht viel Platz für die Kultur der alten Schule.

Genau die hält Engel, 1938   in Neu-Sammit in Mecklenburg-Vorpommern geboren, hoch. Ihr geliebtes Atelier, ihre Kultur-Werkstatt, musste sie nach Streitigkeiten mit dem Hausbesitzer 2008 verlassen. Nach einem kurzen Gastspiel im JUKS fand sie unter dem Dach der Stephanskirche eine neue Heimat. Für die gläubige Christin ein Glücksfall.

Das Theater liegt ihr im Blut. Schon als kleines Mädchen trommelte sie ihre Schulkameraden für eine Aufführung zusammen. Die kleine Hanna-Maria führte Regie. Doch beruflich ging es später zunächst in eine völlig andere Richtung. Engel wurde zur medizinischen Fachangestellten ausgebildet, hat später viele Jahre in diesem Job gearbeitet. „Gern gearbeitet“, wie sie betont.

Doch ihr Herz, ihre ganze Leidenschaft gehörte immer der Kunst. Dieses Handwerk lernte sie an einer privaten Schauspielschule in Hamburg. Sie arbeitete für den Hörfunk, bekam kleinere Rollen am Theater – und dann ein Kind. Es folgte eine längere Schauspiel-Pause.

Heute ist sie Mutter, Oma und Uroma – und immer noch Schenefelds Kultur-Engel. Sie organisiert unermüdlich Lesungen. Sie bildet Schauspieler aus. Sie gibt Kurse an der VHS. Sie veranstaltet die Sommer- und die Winterakademie. Für ihren Einsatz wurde sie belohnt, erhielt im Jahr 1991 den Ehrenpreis der Stadt Schenefeld.

Es gab auch Rückschläge in ihrer Biografie: Aufgegeben hat sie nie. „Ich bin eine Kämpfernatur“, sagt sie – und lässt den Blick auf den Balkon wandern. Dort hängen die Veranstaltungsplakate an der Wand, alle von ihrem Mann entworfen. Chopin in Schenefeld: „Das war 1992. Da waren 700 Besucher im Bürger- und Kultursaal.“ Da ist sie wieder, die Wehmut.

Noch einmal eine große Lesung, vor großem Publikum – vielleicht im Ratssaal. Das ist ein Wunsch der Schenefelderin. Mehr Zuhörer bei ihren Lesungen. Das ist ihr zweiter Wunsch. Sie arbeitet gerade am Programm für 2014. Die Schauspielerin spielt weiter – für ihr Publikum. Und wenn sie spielt, dann gibt sie alles. „Das ist meine Mission.“

 

 

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