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Bilanz-Interview : Schenefelds Bürgermeisterin zehn Jahre im Amt

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Die Verwaltungschefin blickt im Interview zurück und nach vorn.

shz.de von
erstellt am 30.Jan.2016 | 10:00 Uhr

Schenefeld | Frau Küchenhof, mussten Sie Bürgermeisterin erstmal lernen?
Küchenhof:
Das ist ja kein Beruf, den man vorher lernen kann. Man praktiziert ihn am Anfang auch ein bisschen nach dem Prinzip „learning by doing“. Auf das Repräsentieren zum Beispiel bereitet einen keine Verwaltungsschule vor.

Erinnern Sie sich noch an die ersten Tage im Amt?
Als ich anfing, hatte ich gleich einen Arbeitsgerichtsprozess auf dem Schreibtisch. Es folgten aber schnell schöne Ereignisse wie die Unterzeichnung des Städtepartnerschaftsvertrags mit Voisins, die Freigabe des Forums und die 750-Jahr-Feier unserer Stadt.

Sie sind 48 Jahre alt. Können Sie sich vorstellen, bis zur Pension mit 65 Jahren Schenefelds Bürgermeisterin zu sein?
Vorstellen kann ich mir grundsätzlich alles. Ich möchte aber gehen, bevor man mich nicht mehr sehen mag. Ich glaube, man spürt selbst, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Treten Sie auf jeden Fall zu einer dritten Amtszeit an?
Das ist mein Plan. Eine Amtszeit ist zu wenig. Da kann man die Früchte seiner Arbeit nicht mehr ernten. Das ist in der zweiten Amtszeit möglich. In einer dritten kann man sehr wertvoll für die Kommune sein, weil über die Jahre viele Kontakte aufgebaut wurden und man sich ein Netzwerk geschaffen hat.

Sie sind Chefin von 105 Mitarbeitern. Eine Last?
Nein, aber eine Riesenverantwortung.

Mit Ihren Kolleginnen aus Rellingen und Halstenbek hören zwei Bürgermeisterinnen aus gesundheitlichen Gründen auf. Greifen Stress und Verantwortung die Gesundheit an?
Man muss gut auf sich aufpassen. Ich versuche, mir Freiräume zu schaffen. Sport ist für mich ein ganz wichtiger Ausgleich – und meine Familie gibt mir ganz viel Rückhalt.

„Fliehen“ Sie manchmal aus der Stadt, um Ihre Ruhe zu haben?
Nein. Wer sich für diesen Beruf entscheidet, weiß, was auf einen zukommt.

Hat Sie das Amt als Mensch verändert?
Natürlich verändert es einen. Man wird zum Beispiel ernsthafter. Ich glaube aber, dass ich sehr bodenständig geblieben bin.

Was sind für Sie die beiden wichtigsten Eigenschaften, die Sie nach außen leben wollen?
Wir sind Dienstleister für die Bevölkerung. Die Bürger sollen sich mit ihren Anliegen und Problemen ernst genommen fühlen, gern ins Rathaus kommen. Wichtig ist mir Transparenz. Wir kehren nichts unter den Teppich, wir verheimlichen nichts. Wenn wir Fehler machen, geben wir sie zu.

Sind Sie verstärkt als Gestalterin gefordert?
Ja, natürlich. Als Bürgermeisterin muss ich Ideen- und Impulsgeberin sein. Hilfreich ist eine gute Vernetzung in den Kreis und ins Land. Das habe ich mir in den vergangenen Jahren erarbeitet und davon profitiert Schenefeld. Ein Bürgermeister ist im Dreigestirn Verwaltung, Bürger und Politik aber auch als Moderator und Mediator gefragt und sollte daher sehr kommunikativ sein.

Als öffentliche Person stehen Sie auch in der Kritik, und werden zum Teil attackiert. Mussten Sie sich ein dickes Fell zulegen?
Distanz ist manchmal ganz wichtig. Wenn man sich alles zu Herzen nimmt, geht man kaputt und wird krank. Die Kunst liegt darin, ein ausreichend dickes Fell zu haben, ohne dass einem die Sache gleichgültig wird. Das ist manchmal ein Balanceakt, keine Frage. Ich habe gelernt, Kritik nicht persönlich zu nehmen. Ich bin grundsätzlich ein sehr optimistischer und positiv denkender Mensch. Mein Blick geht nach vorn. Ich gucke immer, was ich in Zukunft besser machen kann. Dennoch: Man kann es nie allen recht machen. In der Sache suche ich dabei oft lieber den Kompromiss als die Konfrontation.

Sie sind seit 2015 stellvertretende Landesvorsitzende der SPD. Wie sehen Ihre politischen Ambitionen aus?
Da gibt es zurzeit wirklich keine Pläne. Ich bin sehr gerne Bürgermeisterin meiner Heimatstadt, schaue aber auch gern mal über den Tellerrand. Und für die SPD im Land kann mein Input von der Basis ja auch nicht schaden.

Ist der geplante Stadtkern das Zukunftsprojekt auch für eine mögliche dritte Amtszeit?
Ich habe aus dem Jahr 2015 mitgenommen, dass sich die Bürger einen attraktiven Stadtkern wünschen. Trotz einiger Meinungsverschiedenheiten möchte das die Politik grundsätzlich auch. Wir sollten Kompromisse finden, um gemeinsam etwas zu gestalten. Natürlich muss die Stadt viel Geld in die Hand nehmen. Aber wir bekommen dafür auch sehr viel. Wenn wir diese Chance jetzt nicht am Schopfe packen, wäre das sehr schade.

Hat Sie das große Bürgerinteresse überrascht?
Es zeigt, dass mein Konzept einer aktiven Bürgerbeteiligung aufgeht. Das fing mit dem ersten Bürgerkongress 2011 an. Ich glaube, die Schenefelder nehmen wahr, dass sie sich in dieser Stadt einbringen können. Das ist eine gute Entwicklung.

In der Auseinandersetzung um die Neuaufstellung des Flächennutzungsplans und eine mögliche Bebauung im Landschaftsschutzgebiet gab es Zeiten, da wurde Ihnen vorgeworfen, das Rathaus sei bürgerunfreundlich.
Das war keine schöne Zeit für mich und meine Mitarbeiter. Der Verwaltung, aber auch der Politik, wurden viele Dinge unterstellt, die nicht der Wahrheit entsprachen. Wir haben auch damals auf Aufklärung und Transparenz gesetzt. Leider haben wir viele Menschen aber nicht mehr erreichen können.

Wohnraum ist knapp, Gewerbeflächen rar. Bleiben die Landschaftsschutzgebiete eine Entwicklungsoption?
Wir müssen uns mit diesem Thema auseinander setzen, denn wir benötigen bezahlbaren und barrierefreien Wohnraum in der Stadt. Fakt ist: Junge Familien ziehen nach Schenefeld. Die ältere Generation will Schenefeld nicht verlassen und sich mit dem Wohnraum häufig verkleinern. Von den Flüchtlingen werden einige bleiben und ihre Familien nachholen. Im Stadtkern können wir Wohnbebauung realisieren. In Bezug auf die Landschaftsschutzgebiete muss die Politik eine Entscheidung treffen.

In Hamburg wurde eine Olympia-Bewerbung von den Bürgern verhindert. Wie stehen Sie zu Bürgerentscheiden?
Bürgerbeteiligung ist ganz wichtig. Aber wir haben eine repräsentative Demokratie und die wird durch Bürgerentscheide teilweise ausgehebelt. Das kann für die Entwicklung einer Kommune kontraproduktiv sein. Beim Thema Friedhof die Schenefelder zu befragen, fand ich richtig, weil über Jahre rumgeeiert wurde.

Ein Thema wird die Flüchtlingssituation bleiben.
Wir können nur hoffen, dass sich die Ehrenamtlichen weiter so engagieren wie bisher. Ohne diese Unterstützung würden wir es nicht schaffen.

Bleibt Integration auf der Strecke?
Es wird Probleme und Konflikte geben – wie woanders auch. Wir wollen gute Integrationsarbeit leisten und zum Beispiel für die vielen jungen Männer Ausbildung und Arbeit organisieren. Aber Integration ist keine Einbahnstraße. Angebote müssen auch angenommen werden. Das Allerwichtigste: Menschen, die nach Deutschland kommen, müssen unsere Wertvorstellungen annehmen.

Bisher gab es eine echte Willkommens-Stimmung in der Stadt. Haben Sie nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln und Hamburg die Befürchtung, dass die Stimmung kippen kann?
Bei diesen Vorfällen hört jegliche Toleranz auf. Da gibt es auch keine Willkommenskultur. Solche Menschen sind hier nicht willkommen. Für die gute Stimmung ist mir wichtig, dass es in Schenefeld keine Neid-Debatte gibt, nach dem Motto, Flüchtlinge werden bevorzugt behandelt. Die Einheimischen, die ebenfalls unsere Hilfe brauchen, dürfen wir nicht vernachlässigen. Da sind wir zum Glück alle ganz sensibel.

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