Premiere der Paulskirchengemeinde : Schenefelder Kinderchöre führen Musical über das Rauhe Haus auf

Seit Weihnachten probten die 50 Darsteller ihr Musical: „Amanda und die Distelkinder“.
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Seit Weihnachten probten die 50 Darsteller ihr Musical: „Amanda und die Distelkinder“.

Der Schwiegervater der Komponistin arbeitete bei der christlichen Stiftung. 200 Besucher bei der Premiere.

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05. März 2018, 13:45 Uhr

Schenefeld | Als Johann auf die Knie sinkt und die kleine Schachtel aus der Tasche holt, um seiner Amanda einen Antrag zu machen, da platzen zwei Straßenkinder in den innigen Moment. Lottes Ziehmutter, Frau Gerhardt, liegt tot am Hafen, das Mädchen singt ein trauriges Lied: „Wo soll ich jetzt hin?“ Als Lotte und ihre Freundin Marie spitz kriegen, dass in Johanns „Rettungshaus“ für arme Kinder auch Mädchen einziehen dürfen, wenn er mit Amanda eine Frau in sein Team holt, feuern sie die Frau allerdings an: „Ja, Frau Böhme sagen Sie Ja!“

Natürlich tut sie das, die Hochzeit wird im Chor mit viel Gesang, Gelächter und Blütenblättern gefeiert, Johann Wichern und Amanda Böhme können ihr gutes Werk gemeinsam fortführen: In den 1830er Jahren gründete Wichern in Hamburg ein Haus, in dem er arme Kinder aufnahm. Bis heute ist es als christliche Stiftung für Benachteiligte aktiv: das Rauhe Haus. Die Geschichte dazu erzählten am Wochenende 50 Kinder mit viel Musik in der Schenefelder Paulskirche. „Amanda und die Distelkinder“ heißt das Musical, das sie am Sonnabend und Sonntag aufführten, allein zur Premiere kamen rund 200 Besucher.

Lieder mit Ohrwurmqualität

„Lasst uns geh’n“, „Zusammen sind wir stark“: Vor allem im großen Chor sangen die Kinder Lieder mit Ohrwurmqualität. Das Besondere daran: Sie wurden allesamt von der Kirchenmusikerin Henrike Gebauer geschrieben. Gebauer hat auch den gesamten Text verfasst: „Komponieren und Texten ist mein Hobby“, erläuterte sie nach der Uraufführung. Im fünften Jahr führte sie mit ihren Chören in Schenefeld ein Musical aus eigener Feder auf. Das interessiert die Kinder offenbar, die Chöre in der Paulskirchengemeinde wachsen. „Sie sind schon alle heiß darauf“, beschrieb Gebauer die Stimmung unter den jungen Sängern.

„Wir sind Gangster“, singen die Jungen aus Carls Bande: „Wir rülpsen … und wir bleiben lange auf.“ Aber als sie dann in Wicherns sauberes Rettungshaus kommen, wo sie Gemüse anbauen und ihre Betten selbst schreinern, da stellt Carl fest: „Hier werde ich nicht weglaufen.“ Dabei gibt es nicht einmal Zäune, wie Lotte bemerkt: Wichern baut auf Liebe statt Strafe und Fesseln.

Straßenkinder sammeln Spenden

Passend in ihren Kostümen stellten sich die Darstellerinnen der beiden Straßenkinder Lotte (Hannah Martens) und Marie (Carla Maßmann) nach der Vorstellung mit Körben an die Kirchentüren, um Spenden zu sammeln. Die gehen in die Ausrüstung: „Wir haben viel angeschafft“, erläuterte Gebauer und verwies auf jüngst gekaufte Scheinwerfer.

„Ohne große Mittel zu haben oder berühmt zu sein“ habe Wichern sein Rettungshaus aufgebaut, das imponiert Gebauer. Ihr Schwiegervater hat dort gearbeitet, das gab für sie den Anstoß, beim Thema ihres jüngsten Musicals erstmals den biblischen Themenkreis zu verlassen. Als Live-Band und für die Technik spannte sie Eltern und Geschwister ein, Mütter nähten die Kostüme. Die Proben starteten erst nach Weihnachten: „Das war jetzt sportlich“, meinte die Regisseurin selbst. Aber nach zwei Chor-Wochenenden zur Vorbereitung lief es ganz gut, auch wenn sich die Darsteller immer wieder bei den erwachsenen Helfern vergewisserten mussten, wer welches Mikrofon bekommt. Mit klobigem Mikro in der Hand ein Springtau zu schwingen ist ja auch nicht so einfach.

„Morgen wird es lockerer“, sagte Gebauer nach der Premiere voraus: Dann wird auch ihr eigenes Lampenfieber nachgelassen haben.


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