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Vier Leben auf 16 Quadratmetern : Ortstermin in der Flüchtlingsunterkunft in Schenefeld

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Die Räume in der alten Post für 70 männliche Flüchtlinge sind fertig. Zurzeit gibt es 20 Zugänge pro Woche.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2015 | 11:40 Uhr

Schenefeld | Die ersten Neugierigen stehen schon um 16.45 Uhr vor dem Eingang. 15 Minuten zu früh. Das Flüchtlingsthema bewegt Schenefeld und die Schenefelder weiter. Die alte Post am Heisterweg ist die erste zentrale Unterkunft in der Stadt – im Wortsinne, direkt gegenüber des Rathauses, angrenzend ans Wohngebiet, in Sichtweite des „Stadtzentrums“. Zentraler geht nicht.

Das erste Obergeschoss wurde umgebaut. Zirka 200.000 Euro hat die Stadt investiert. Bis zu 70 Männer werden in den kommenden Tagen und Wochen in die alte Post einziehen. Die Verantwortlichen im Rathaus setzen auf Transparenz, laden die Bürger zur Besichtigung ein. Die Treppe hoch. Um 17.15 Uhr drängen sich bereits viele Bürger in dem langen Flur, schauen sich um, fragen nach. Die Bürgermeisterin ist da. Ihr Bürochef. Der Bauamtschef. Der Sozialamtschef. Die Rathausspitze zeigt Flagge.

Katja Kleesattel steht im „Musterzimmer für vier Personen.“ Links an der Wand die beiden noch nackten Bettgestelle, Doppelstock. In der Mitte ein kleiner Tisch mit vier Stühlen. Rechts die Spinde als Kleiderschränke. Leben auf 16 Quadratmetern. Vier Quadratmeter pro Person. Funktional, spartanisch.

„Das sieht alles sehr ansprechend aus“, sagt Kleesattel. Die 51-Jährige lebt seit 30 Jahren in der Nachbarschaft, hat die Diskussion um diese Unterkunft aufmerksam verfolgt. Ob sie sich Sorgen mache, Angst habe? „Meine Ängste und Sorgen sind ganz normal. Hier leben bald 70 Menschen auf engem Raum, die nichts zu tun haben, sich langweilen. Das kann zu Problemen führen – unabhängig davon, dass es sich um Flüchtlinge handelt.“

Probleme: Sicherheit ist natürlich ein Thema, auch im Rathaus. „Er wird einen Wachdienst geben“, sagt Bürochef Melf Kayser. Wie genau er ausgestaltet wird, steht aber noch nicht fest. 70 Flüchtlinge, verteilt auf zwei lange Flure. Pro Flur eine Küche, drei Toiletten, drei Duschen. Die Stadt hat sich entschieden, einen zusätzlichen Sozialraum pro Flur einzurichten. „Eine weitere Ausweich- und Rückzugsmöglichkeit für die Menschen“, sagt Kayser.

Information vor Ort: Viele Bürger nutzten das Angebot der Stadt. (Foto: Brameshuber)
Information vor Ort: Viele Bürger nutzten das Angebot der Stadt. (Foto: Brameshuber)
 

Menschenwürdig: Dieses Wort ist an diesem Abend gleich mehrfach zu hören. Auch aus dem Mund von Susanne Broese (CDU). „Für eine Übergangszeit kann man so leben“, sagt die Vorsitzende des Bauausschusses. Der Umbau der alten Post zur ersten zentralen Flüchtlingsunterkunft war in ihrer Fraktion umstritten. Die Stadt hatte das Postgebäude für 750.000 Euro gekauft. Das Grundstück spielt eine wichtige Rolle für die Schaffung eines echten Stadtkerns.

Im Musterzimmer liegen Flyer und Info-Broschüren aus. 280 Flüchtlinge haben bisher in der Stadt ein neues Zuhause gefunden. Die dezentrale Unterbringung ist angesichts der steigenden Zahlen nicht mehr möglich. „Wir verzeichnen bis zu 20 Neuzugänge pro Woche“, sagt Sozialamtschef Axel Hedergott. Er fürchtet, dass die alte Post noch in diesem Jahr voll besetzt sein wird. Die Vorbereitungen für den Bau von zwei zentralen Flüchtlingsheimen für jeweils 230 Menschen am Hasselbinnen und am Osterbrooksweg laufen bereits.

„Ein bisschen wie in der Kaserne bei der Bundeswehr“, sagt ein älterer Schenefelder, der um 17.34 Uhr die alte Post wieder verlässt. In Schenefeld bestimmt die Not die Unterkunft.

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