Schenfeld : Nach dem Brand in der Seniorenresidenz

Zurück im Alltag: Tochter Inge Koch gratuliert ihrer Mutter Hannelore Ristau zum 90. Geburtstag. Sie lebt seit sieben Jahren in der Seniorenresidenz Rüpcke.
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Zurück im Alltag: Tochter Inge Koch gratuliert ihrer Mutter Hannelore Ristau zum 90. Geburtstag. Sie lebt seit sieben Jahren in der Seniorenresidenz Rüpcke.

Nach dem Feuerdrama in der Seniorenresidenz Rüpcke: Der schwere Weg zurück zur Normalität. Die Sanierung hat begonnen.

shz.de von
14. Juni 2014, 10:00 Uhr

Schenefeld | Hannelore Ristau kann wieder lachen. Sie freut sich über die Blumensträuße. Über den Besuch der Bürgermeisterin, die ihr zum 90. Geburtstag gratuliert. Heute wird in der Seniorenresidenz Rüpcke gefeiert. Der Alltag hat wieder Einzug gehalten im Pflegeheim Achterndiek. Doch der Schrecken ist noch allgegenwärtig. „Es hat gebrannt“, erzählt Ristau. „Drei Menschen sind tot.“ Die Seniorin hat in den Tagen danach viel geweint. Ihre Tochter Inge Koch war am 30. Mai vor Ort, als ein implodierender Fernseher in einer Wohnung im zweiten Stock das Feuerinferno auslöst. „Wir haben viel über das Unglück gesprochen. Das hilft“, sagt die Schenefelderin.

Der Springbrunnen plätschert. Im Foyer erinnert nichts mehr an das Feuerdrama. Der Traueraltar mit den Bildern der Verstorbenen Frauen und dem Kondolenzbuch wurde nach zehn Tagen abgebaut. „Die Unterstützung und die Anteilnahme waren groß. Das hat uns allen viel Kraft gegeben“, sagt Hans-Jürgen Rüpcke. Der Geschäftsführer war in den vergangenen zwei Wochen fast rund um die Uhr gefordert – als Tröster, als Ansprechpartner, vor allem als Krisenmanager. „Nach dieser Katastrophe mussten wir schnell wieder ein Stück Normalität für die Bewohner und Mitarbeiter schaffen“, betont der 53-Jährige.

Rüpcke selbst bleibt kaum Zeit zum Trauern, zum Innehalten. Er muss funktionieren. 13 Wohnungen unbewohnbar. Der Speisesaal unter Wasser. Die Schwesternrufanlage defekt. Schon am Unglückstag kommt der Elektriker. Am Tag danach acht Mann von der Brandsanierungsfirma. Am Sonntag sind zwei Psychologen im Haus, kümmern sich um traumatisierte Mitarbeiter. Rüpcke stellt für jeden Tag eine Prioritätenliste auf – für die Pflege, die Hauswirtschaft und die Technik. Er ist Projektmanager, wickelt diese Mammutaufgabe rational wie ein Projekt ab – und achtet immer darauf, in Würde mit der Tragödie umzugehen. Er hat gute Tage. Er hat schlechte Tage. Er bedankt sich am Dienstabend der Wehr persönlich bei den Einsatzkräften. Trinkt ein Bier mit alten Schulfreunden. „Ein guter Moment“, sagt Rüpcke.

Am 5. Juni kommt Pastor Michael Mattern zu einem Gottesdienst ins Heim. Auch viele Angehörige sind da. „Der Zusammenhalt innerhalb unseres Hauses ist noch größer geworden“, sagt Rüpcke. Am morgigen Sonntag beginnt um 11 Uhr ein Gedenkgottesdienst in der Stephanskirche.

Rüpcke kann immer noch nicht fassen, wie schnell sich das Feuer ausgebreitet hat. „Die Bewohnerin hatte Kunststoffblumen gebastelt. Die waren im ganzen Zimmer verteilt. Das ist wie Benzin.“ Als die ersten Einsatzkräfte eintrafen, herrschte im Flur schon eine Temperatur von 800 Grad.

Die Bilder des Unglückstages wird Rüpcke so schnell nicht los. „Das Allerschlimmste war für mich, drei Schutzbefohlene nicht beschützen zu können“. Seine Stimme ist leise, brüchig. Der Geschäftsführer der Seniorenresidenz macht sich keine Vorwürfe, ihn plagen keine Schuldgefühle. „Aber das Verantwortungsgefühl lastet auf mir. Und es fällt mir schwer, damit umzugehen.“ Draußen räumen Mitarbeiter der Sanierungsfirma die betroffenen Wohnungen leer. Die Dachdecker malochen über der Wohnung, in der das Feuer ausgebrochen ist. Rüpcke geht voran, hoch in den zweiten Stock. Die Kripo hat die Brandstelle längst freigegeben. Die Bauarbeiter können den Bereich nur mit Atemschutzmasken betreten. Chemiker, Statiker, Bauingenieur: Rüpcke benötigt noch einige Gutachten, dann möchte er sofort mit der Sanierung starten. Die Polizei geht von einem Schaden in Millionenhöhe aus. Der Geschäftsführer hofft, dass seine Bewohner in drei bis vier Monaten die betroffenen Wohnungen wieder nutzen können. Das Feuerinferno hat drei Menschen das Leben gekostet. Den Menschen Hans-Jürgen Rüpcke hat es für immer verändert. „Diese Katastrophe hat mich geerdet. Meine Sicht auf die Dinge, die im Leben wichtig sind, hat sich verschoben. Heute betrachte ich vieles anders als vor dem Feuer.“

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