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Schenefelder Tageblatt

20. November 2017 | 08:56 Uhr

Mystischer Ausflug an die Küste

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Lesung Gwildis brilliert mit dem „Schimmelreiter“

shz.de von
erstellt am 02.Okt.2017 | 15:36 Uhr

Wenn mehr Deutschlehrer so hinreißend vorlesen könnten wie der Hamburger Musiker Stefan Gwildis am Freitagabend im Schenefelder Forum, hätten wohl mehr Literatur-Fans den Weg in die Veranstaltungsstätte gefunden. So waren die Reihen nur zur Hälfte gefüllt.

Zugegeben: „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm aus dem 19. Jahrhundert ist für viele Schüler eine lästige Pflichtlektüre – staubiges Image inklusive. Doch wie gekonnt Gwildis die Novelle um den ehrgeizigen Deichgrafen Hauke Haien und seinem Schimmel neues Leben eingehaucht hat, war großes Kino – wenn auch nur zum Hören.


Tragik der Naturgewalten


Doch dies tat dem Unterhaltungswert keinen Abbruch. Die Textauswahl konnte sich ebenso sehen lassen wie die Interpretation der einzelnen Charaktere. Und es zeigte sich, wie bewegend das Schicksal des Grafen und die Tragik der Naturgewalten für den Menschen auch 200 Jahre nach dem ersten Erscheinen noch sind. In Zeiten des Klimawandels sind Bilder von Häusern, die in den Fluten verschwinden, leider keine Seltenheit. Und auch die Themen der Novelle sind aktuell: Gegen den Starrsinn vieler kann sich der Deichgraf nur schwer durchsetzen. Veränderungen machen die Menschen misstrauisch und ängstlich.


Authentische Aussprache


Besonders stark war Gwildis, wenn er die norddeutsche Aussprache so authentisch rüberbringen konnte als wäre er selbst ein alter, kauziger Seemann, der seine letzten Tage in der Dorfkneipe verbringt. Mit seiner mal laut und eindringlichen und dann wieder sanften und leisen Stimme erwachten nicht nur der Deichgraf, sondern auch die liebevolle Ehefrau Elke oder ein griesgrämiger Dorfbewohner zum Leben. Zur spannenden Atmosphäre trug auch die musikalische Untermalung der nordfriesischen Schauersage bei. Die Begleitung von Tobias Neumann am Klavier und Hagen Kuhr am Cello waren ein weiterer Genuss für die Zuhörer.

Die Neuinterpretation der Theodor Storm-Novelle stammt aus der Feder von Sonja Valentin. Gwildis gab als Einstieg und zum Ausklang des Abends auch noch passende Songs zum Besten.

Der Hamburger katapultierte die Zuschauer in Schenefeld ebenso erfolgreich in die heimelige Stube des Deichgrafen wie an das Wochenbett der Ehefrau, zum Treffpunkt der Bewohner, als auch auf den hohen Deich, hinter dem das Meer tobt und die unendliche Kraft der Natur spürbar wird.

Nach eineinhalb Stunden war der spannende und bwegende Ausflug an die nordfriesische Küste leider schon wieder vorbei und der Heimweg stand bevor. Der ausdrucksstarken und angenehmen Stimme des Musikers hätte man gern noch länger gelauscht.

Die Zuschauer bedankten sich mit tosendem Applaus. Gwildis tourt bis Mitte November weiter durch den Norden. Wer ihn in Schenefeld verpasst hat, kann beispielsweise die Vorstellung am Freitag, 26. Oktober, in Norderstedt besuchen.

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