Schenefeld : Mütter klagen: Inklusion an die Wand gefahren

Patricia Holtschneider (v. l.) und Birgit Rogge (beide Schulelternbeirat) schlagen gemeinsam mit Ramona Jagusch, Claudia Pritzkow und Angelika Plenge Alarm. An der Gemeinschaftsschule ist die Inklusion ein großes Problem.
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Patricia Holtschneider (v. l.) und Birgit Rogge (beide Schulelternbeirat) schlagen gemeinsam mit Ramona Jagusch, Claudia Pritzkow und Angelika Plenge Alarm. An der Gemeinschaftsschule ist die Inklusion ein großes Problem.

An der Gemeinschaftsschule fehlen seit Monaten Schulbegleiter. Eltern, Lehrer und Kinder leiden. Brief an Ministerin ohne Wirkung.

shz.de von
13. Mai 2015, 10:00 Uhr

Schenefeld | Prügel, Mobbing, Ausgrenzung: An der Schenefelder Gemeinschaftsschule ist das Inklusionsmodell nach Aussage von drei Müttern von autistischen Kindern gescheitert. Vor allem,  weil die dringend benötigten Schulbegleiter für die Jungen und Mädchen mit besonderem Förderbedarf nicht zur Verfügung stehen. Laut Schulelternbeirat leiden alle unter der Situation: Kinder, Lehrer und Eltern.

Fast zwei Jahre auf der Gemeinschaftsschule Schenefeld: Für Louis (12), Leon (13) und Marco (13) eine unendlich scheinende Leidenszeit. Die drei Jungen werden gemobbt, gehänselt, geschlagen. Die drei Jungen sind Autisten. Sie brauchen besondere Betreuung und Förderung. Sie müssen die Regelschule besuchen. So will es das Schulgesetzt in Schleswig-Holstein. Die Förderschulen im Land wurden abgeschafft. Inklusion soll in der Schule gelebt werden. In Schenefeld ist das Projekt bisher gescheitert.

Was Angelika Plenge, Claudia Pritzkow und Ramona Jagusch – die Schenefelder Mütter der drei I-Kinder – aus dem Alltag berichten, ist erschreckend. „Mein Sohn wollte sterben. Er war drei Monate in der Jugendpsychiatrie“, sagt Plenge. Mit den Nerven ist sie längst am Ende. Für ihren Sohn wünscht sie sich inzwischen nur noch eines: eine Förderschule oder eine Privatschule, die er besuchen kann.

Schlaflosigkeit. Herzrasen. Schweißausbrüche: Pritzkow leidet seit Monaten. „Wir Eltern werden komplett allein gelassen. Es hilft dir keiner“, sagt die Schenefelderin. Auch Lehrer sind überfordert mit der Situation. „Den Schulen wurde etwas übergestülpt. Es gibt aber kein Konzept“, kritisiert Patricia Holtschneider vom Schulelternbeirat. „An normalen Unterricht in den I-Klassen ist manchmal gar nicht zu denken“, ergänzt ihre Kollegin Birgit Rogge. Behinderte oder nichtbehinderte Kinder: Die Folgen seien für alle fatal.

Zu wenig Schulbegleiter

Ein Knackpunkt im Inklusionsmodell: Den I-Kindern stehen sogenannte Schulbegleiter zu. Sie sind im Unterricht dabei, helfen, unterstützen. Ebenso in den Pausen, in denen es oft zu Übergriffen auf behinderte Kinder kommt. „Sie sind ganz wichtig für unsere Kinder“, sagt Pritzkow. Doch es gibt viel zu wenig Schulbegleiter. An der Schenefelder Gemeinschaftsschule mussten Eltern und Kinder teilweise monatelang ohne Schulbegleiter den schwierigen Alltag meistern. Pritzkow: „Unsere Kinder sind dann oft Freiwild.“

Schulbegeleitung: Laut Sozialgesetzbuch ist der Kreis Pinneberg für diese Aufgabe verantwortlich. Er arbeitet mit verschiedenen Trägern zusammen. Das Problem ist in der Kreisverwaltung bekannt. „Die Arbeitsbedingungen sind schwierig und die Bezahlung auch nicht üppig“, formuliert es Kreissprecher Oliver Carstens noch vorsichtig. Konsequenz: Personal sei auch für die Träger nur schwer zu finden. Laut Carstens zahle der Kreis zurzeit im Jahr gut zwei Millionen Euro für die Schulbegleitung. 187 Jungen und Mädchen im Kreis seien auf einen Schulbegleiter angewiesen.

Fehlendes Geld: Das macht die Betroffenen Mütter richtig wütend. Auch sie wollen nur das Beste für ihre Kinder – und bekommen es in diesem System nicht. Sie kämpfen inzwischen an allen Fronten – auch mit dem Jugendamt und den Trägern. Plenge und Pritzkow haben einen Rechtsanwalt eingeschaltet, um überhaupt einen Schulbegleiter zu erhalten, der ihnen rechtlich zusteht. „Wir wurden hingehalten und abgewimmelt“, beschreibt Pritzkow die für sie untragbare Situation.

Brief an die Bildungsministerin

Der Schulelternbeirat hat sich mit einem mehrseitigen Schreiben direkt an Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Britta Ernst gewandt, auf die massiven Probleme beim Inklusionsmodell hingewiesen. Die Anwort ließ Rogge und Holtschneider enttäuscht zurück. Die Ministerin verweist darauf, dass die Schenefelder Gemeinschaftsschule zu den Schulen im Kreis gehört, die mit 33 Kindern eine große Zahl von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf inklusiv beschult. Die Schule erhalte deshalb Unterstützung durch Kollegen vom Förderzentrum in Höhe von 66,5 Lehrerwochenstunden. Die Situation der Schule entspreche damit der an anderen Gemeinschaftsschulen im Kreis Pinneberg, die inklusiv unterrichten.

Das ist die Theorie: In der Praxis in Schenefeld wurde eine Klassenfahrt abgesagt – wegen eines behinderten Kindes. Wegen des zusätzlichen Betreuungsbedarfs. Wegen der Überforderung. Die Folge: Wut, Trauer, Tränen. Das ist die Inklusions-Praxis im Jahr 2015.

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