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Schenefelder Tageblatt

21. August 2017 | 22:15 Uhr

Mit Schwarzbrot Leben erleichtern

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Interview Der Schenefelder Tafel-Chef Mathias Schmitz berichtet im Gespräch von Armut, Schamgefühlen und Dankbarkeit

Mathias Schmitz (67) ist nicht nur Grünen-Chef, sondern auch seit der Gründung vor fünf Jahren Tafel-Chef in Schenefeld. Im Frühjahr 2012 kam das Projekt ins Rollen, im Herbst desselben Jahres wurden das erste Mal Lebensmittel ausgeteilt. Heute hat die Einrichtung 250 Mitglieder. 90 Helfer sorgen zweimal pro Woche dafür, dass 330 Kunden satt werden. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet Schmitz von den Sorgen alter Menschen und alleinerziehender Mütter. Zudem erläutert er, warum die Tafel das Problem der Armut nicht löst.

Mit welchen Herausforderungen hat die Tafel aktuell zu kämpfen?
Mathias Schmitz: Derzeit mit keinen wirklichen. Es läuft alles. Wir würden uns räumlich gern vergrößern. Das ist die einzige Herausforderung. Denn wenn man 330    Menschen mit Nahrung versorgen und diese vorsortieren muss, braucht man Platz, damit mehrere Helfer gleichzeitig arbeiten können. Sonst kommen wir mit der Zeit nicht hin. Deshalb sind wir daran interessiert, uns zu vergrößern. Ob hier oder anderswo, das wird sich zeigen. Aber das ist ein Projekt, das wir mit Geduld und Muße angehen.

Gibt es auch Lebensmittel, die keiner haben will?
Schwarzbrot. Unsere Flüchtlinge wollen alle Toastbrot. Die Amerikaner haben es geschafft, Toastbrot bis in die hintersten Winkel der Mongolei zu bringen. Wenn man denen ein richtiges schönes Mischbrot zeigt, gucken die einen nur komisch an. Ich mach mir einen Scherz daraus, ihnen ein Schwarzbrot zu geben. Ich sage dann: „Toastbrot ist ein Kinderbrot. Du brauchst ein Männerbrot.“ (lacht) Die ersten greifen auch langsam zu. Das ist aber ein Gewöhnungsprozess. Auch viele Gemüsesorten kennen die Flüchtlinge gar nicht und Schweinefleisch essen die Wenigsten. Aber da haben wir andere Kunden, die solche Lebensmittel nehmen.

Wieviele Flüchtlinge kommen zur Tafel?
150 sind es bestimmt.

Gibt es da eine Neiddebatte unter den Tafelkunden?
Nein. Wieso auch? Die Nahrungsmittel reichen für alle. Darüber sind wir sehr froh. Niemandem wird etwas genommen. Alle erhalten etwas von uns.

Bekommen Sie genug Spenden?
Wir freuen uns über jede Spende, besonders freuen wir uns über direkte Nahrungsmittelspenden. Da gibt es eine ganze Reihe Privatpersonen, die das lieber machen als Geld zu spenden. Eine Familie bringt uns Berge von Konserven. Das ist traumhaft. Langlebige Nahrungsmittel sind immer willkommen und eine wunderbare Spende, die direkt ankommt.

Gibt es ein gewisses Klientel, das mehr kommt? Mehr Frauen oder Ältere?
Bedürftigkeit hat viele Facetten und man findet sie alle bei der Tafel: Ältere zumeist alleinstehende Menschen. Bei den älteren Menschen überwiegen die Frauen. Flüchtlinge haben im vergangenen Jahr stark zugenommen. Das sind überwiegend junge Männer, aber auch Familien mit Kindern. Wir freuen uns immer, wenn Kinder mitkommen. Die bringen so eine Lockerheit hier rein und hellen die Stimmung auf. Einige Kinder machen auch den Familieneinkauf.

Was sind die Gründe dafür, zur Tafel zu kommen?
Viele Wege führen in die Bedürftigkeit: Alter und Krankheit. Arbeitslosigkeit und die Klippen des Lebens, alleinerziehende Mütter mit Kindern mit geringen Chancen auf auskömmliche Erwerbstätigkeit. Flucht ist eine wachsende Ursache. Es kommen eine ganze Reihe alter Menschen wöchentlich zur Tafel. Überwiegend Frauen, die ihren Mann verloren haben und jetzt mit einer zu kleinen Rente dasitzen. Eng wird es auch, wenn eine schwere Krankheit im Alter dazukommt. Wenn teure Medikamente bezahlt werden müssen, reichen auch 1000 Euro verfügbares Einkommen manchmal kaum mehr aus. Wir haben Kunden, die auf Grund chronischer Krankheiten monatliche Gesundheitskosten von bis zu 600    Euro hatten. Da gibt es eine Vereinbarung mit der Stadt, dass alle Kunden akzeptiert werden, die eine Bedürftigkeitsbestätigung der Stadt vorzeigen. Lange Krankheiten können auch in jüngeren Jahren in die Armut führen. Krank, dann Arbeitslosigkeit. Am Ende Hartz IV. Da geht die Spirale nach unten. Und da kommt man so schnell nicht mehr wieder raus. Und es gibt dann noch die große Gruppe von alleinerziehenden Müttern. Viele sind überfordert und finden kein ausreichendes Auskommen. Die Tafel ermöglicht dann zum Beispiel eine Klassenreise, weil die Frauen bei den Lebensmitteln sparen können. Man darf nicht vergessen, dass ein Drittel der Hartz-IV-Bezieher Kinder sind. Zwischen einem Viertel und einem Drittel bei der Tafel sind auch Kinder.

Eine Studie aus Hamburg hat ergeben, dass viele Kunden die Tafel als „Ort der Scham“ sehen und sie zur Stigmatisierung beitrage. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Da muss man genau hinschauen. Hamburg hat ein anderes Konzept. Die Tafel agiert da wie ein Großhändler und bekommt die Lebensmittel Lkw-weise. Die wiederum geben das an Ausgabestellen weiter, die nicht zur Hamburger Tafel gehören. Das sind Institutionen von kirchlichen und sozialen Einrichtungen. Und alle werden unterschiedlich organisiert. Da kann ich mir vorstellen, dass die Ansprache anders ist als bei uns. Wir haben den großen Vorteil, dass wir uns vor dem Start intensiv mit der Wedeler und der Uetersener Tafel auseinandergesetzt haben. Die haben uns gezeigt, wie sie das machen. Ein Vorteil ist, dass wir ein Verein sind. Der Handlungsspielraum ist größer, denn wir müssen uns nicht mit einem Träger abstimmen. Wir haben uns zudem Regeln gesetzt. Eine ist, dass wir unseren Kunden auf Augenhöhe begegnen. Respekt wird in der Kundenansprache groß geschrieben. Dieses Schamgefühl spielt bei unseren Kunden deshalb nicht so eine große Rolle. Anders ist das bei den Menschen, die wir nicht erreichen. Ich sehe einige Menschen in Schenefeld, die sich etwas aus den Mülleimern fischen und habe sie deshalb angesprochen. Aber die sieht man hier eher selten. Wenn sie einmal hier sind, überwiegt die Dankbarkeit. Das ist ganz rührend. In der Vorweihnachtszeit bekommen wir von manchen Flüchtlingen etwas gebacken oder sie bedanken sich ganz herzlich bei uns. Da merkt man schon, dass die begriffen haben, was wir hier machen. Einige denken aber auch, dass das hier ein staatliches Angebot ist. Ist es aber nicht! Wir haben von den Uetersenern gelernt, dass es sinnvoll ist, die Kunden in feste Gruppen von etwa 30 Personen einzuteilen. Die Pläne werden ausgehängt. So ist generell klar, bis auf zehn Minuten, wer wann dran ist. Sieben Personen können gleichzeitig bedient werden. Da kann man sich ausrechnen, wie viele Menschen draußen warten. All diese negativen Effekte vom Schlangestehen wie Frust, weil nach zwei Stunden Warten nichts mehr da ist, und Gedränge – das haben wir hier nicht.

Müsste nicht jeder Mensch soviel Geld haben, dass die Tafel überflüssig wird? Ist es nicht Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen?
Ich glaube, das kann jeder unterschreiben. Klar. Das ist so. Als wir die Tafel gegründet haben, war so ziemlich mein erster Satz an die Mitglieder: Wir lösen hier kein Problem. Das Problem liegt woanders, und lässt sich hier nicht lösen. Wir können nur versuchen, den Menschen, die von Armut und Bedürftigkeit betroffen sind, das Leben zu erleichtern. Aber die grundsätzliche Problematik der Armut ist eine politische Aufgabe.

Man könnte aber die Energie, die in die Tafel investiert wird, dafür verwenden, auf die Politik einzuwirken und dort etwas zu bewegen.
Den Vorwurf hatte mir auch jemand bei der Tafelgründung gemacht. Ich habe dann gelächelt. Jeder weiß, dass ich in Schenefeld extrem engagiert bin. Ich setze aber hier auf eine pragmatische Lösung für ein Problem, das man im Grundsatz momentan nicht lösen kann. Wir können auch alle die Hände in den Schoß legen und auf den Sozialismus warten. Vielleicht kommt der, oder auch nicht. Oder wir packen mit an und helfen im Rahmen der Möglichkeiten, es den Menschen leichter zu machen. Tafel ist kein Instrument, um Armut zu lösen. Ja, wir operieren an Symptomen. Aber wir erleichtern Menschen hier und jetzt das Leben.

Die Hamburger Tafel will die Menschen selbstständiger machen und gibt deshalb Kochkurse. Wäre das eine Idee für Schenefeld?
In großen Tafeln kann man da eine Menge machen. Wir haben das auch diskutiert, ob wir unser Angebot erweitern. Aber dafür sind wir zu klein und zu beschränkt. Wir haben hier zum Beispiel keinen Platz für eine Küche und bräuchten dann auch mehr Personal.

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erstellt am 08.Apr.2017 | 16:37 Uhr

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