zur Navigation springen

Vor Gott gibt es keine Altersgrenze : Letzter Arbeitstag von Pastor Paul Otterstein

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

shz.de von
erstellt am 13.Okt.2015 | 16:10 Uhr

Schenefeld | So lange hat es wohl noch nie gedauert, um aus der Paulskirche herauszukommen. Eine halbe Stunde nach Ende des Gottesdiensts standen die meisten Besucher immer noch geduldig in der Schlange. Denn jeder wollte an der Schwelle erst einmal Halt machen, Pastor Paul Otterstein lange die Hand schütteln und in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen, an diesem, seinem letzten Arbeitstag. Nach 21 Jahren wurde der 65-Jährige offiziell in den Ruhestand verabschiedet.

So viele Geschichten über Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, so viele Anekdoten von lustigen Begebenheiten wurden ausgetauscht.

Ehefrau Pastorin Kerstin Otterstein versuchte mit List, die Menge schneller ins Freie und weiter in den Gemeindesaal zu bugsieren, wo die Ehrengäste warteten: „Kommen Sie doch erstmal zum Anstoßen, ehe der Sekt warm wird. Danach können Sie ihm genauso gut die Hand schütteln“, lockte sie. Vergebens. Erst als sie einige Zeit später ihren Mann mit einem entschlossenen „Jetzt musst du aber kommen“ am Arm packte, ließ er sich abführen, mit den restlichen Wartenden im Schlepptau. So endete die Zeremonie seiner „Entpflichtung“. Einen eindrucksvolleren Beweis seiner Beliebtheit hätte der 65-Jährige sich nicht wünschen können.

Der „Dachabdecker“ der Paulskirche

Dabei hatte Probst Thomas Drope, der die offizielle Amtshandlung vornahm, vor den zahlreichen Gästen in der Kirche bereits verkündet, dass der Pastor aus Kalifornien den Schenefeldern nicht verloren gehe. „Du musst nicht mehr, aber Du darfst bis an Dein Lebensende als Pastor dienen“, hatte er das Wesen der Entpflichtung zusammengefasst. Und Ehefrau Kerstin hatte verraten, ihr Mann habe noch viel vor in der Gemeinde. Bürgervorsteherin Gudrun Bichowski (SPD) ging in ihrer Rede ebenfalls darauf ein, dass es vor Gott keine Altersgrenze gebe.

Für das, was er in 40 Berufsjahren in vielen Gemeinden diesseits und jenseits des Atlantiks getan hatte, schuf der scheidende Pastor in seiner Abschiedspredigt eine neue Berufsbezeichnung: „Dachabdecker“. Und zwar so wie die vier Männer aus dem zweiten Kapitel des Markusevangeliums, die ein Dach aufbrachen, um einen Gelähmten zu Jesus zu bringen. Den Leuten, die sonst keine Hoffnung haben, den Weg zum Erlöser öffnen, ungeachtet aller Widrigkeiten, das sei seine Aufgabe. Der widme er sich auch an diesem Tag und die legte er in bewegenden Worten allen seinen Zuhörern ans Herz. Dass „Dachabdecker“ seine Berufung sei, habe er spät erfahren, als er als Vikar arbeitete, verriet Otterstein.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen