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Lesung in Schenefeld : „Keiner sollte neben einem Judenkind sitzen“

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Marianne Wilke berichtet am 11. November von ihrer Jugend im Nationalsozialismus

shz.de von
erstellt am 09.Nov.2017 | 17:30 Uhr

Schenefeld | Sie wollen erinnern an eine dunkle Zeit deutscher Geschichte und gleichzeitig aufrütteln: Die Schenefelderinnen Hanna-Maria Engel (79) und Marianne Wilke (88) wollten gemeinsam eine Lesung am Sonnabend, 11. November, im Ratssaal in Schenefeld veranstalten. Nun fällt Engel aus gesundheitlichen Gründen aus. Wilke wird die Veranstaltung allein gestalten. Sie wird von ihrer schwierigen Kindheit als Halbjüdin in der Zeit des Nationalsozialismus in Hamburg erzählen. Der Eintritt für die Veranstaltung in Kooperation mit der Volkshochschule ist frei.

Der Zeitpunkt für die Lesung ist bewusst gewählt. Am 9. November jährt sich die Reichsprognomnacht. 1938 zogen organisierte Schlägertrupps durch jüdische Geschäfte und Gotteshäuser und setzten sie in Brand. Die Zerstörungskraft von Antisemitismus und Rassismus wurde mehr als deutlich.

Obwohl diese Zeit schon lange her ist, erinnert sich Wilke noch lebhaft an die Probleme, die sie plagten. Ihr Vater war Jude, deshalb galt sie als Halbjüdin. „Die Nazi-Ideologie war in allen Schulstunden spürbar“, berichtet die Schenefelderin. Am Schimmsten habe sie den Biologieunterricht empfunden. Die Nazis erklärten die Arier zum menschlichen Ideal und zur Herrschaft über die anderen Rassen.

Die Lehrer hätten zwischen ihr und den anderen Kindern „eine gläserne Wand aufgebaut“, erinnert sich die 88-Jährige. „Spielt nicht mit den Lehmann-Kindern, haben sie gesagt.“ Das habe sie durch die Kindheit begleitet. Nur eine Lehrerin habe ihre Hand schützend über das Mädchen gehalten. Wenn sie gefragt wurde, ob es jüdische Kinder in der Klasse gab, habe sie dies unterschlagen.

Trotzdem wurde Wilke gemobbt. „Ich musste immer allein in der Bank sitzen. Keiner sollte neben einem Judenkind sitzen müssen.“ Es habe einen Erlass gegeben, dass dies den Mitschülern nicht zuzumuten sei, berichtet sie. Später musste sie runter von der Schule. Drei Wochen vor Kriegsende kam noch der Bescheid, dass sie deportiert werden soll. Nur das Ende des Kriegs konnte dies verhindern. Heute berichtet Wilke regelmäßig in Schulen.

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