Urbaner Lebensraum : Immer mehr Wildtiere in Schenefeld

Schnee und Eis erschweren den Wildtieren die Futtersuche. Doch auch in der warmen Jahreszeit gehen sie gern in heimischen Gärten auf Nahrungssuche.
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Schnee und Eis erschweren den Wildtieren die Futtersuche. Doch auch in der warmen Jahreszeit gehen sie gern in heimischen Gärten auf Nahrungssuche.

Hase und Reh finden mehr Futter in der Stadt. Mehr Artenvielfalt in Grünanlagen als auf Feldern.

shz.de von
24. Januar 2018, 12:30 Uhr

Schenefeld | Verkehrslärm, betonierte Flächen und viele Menschen: Eigentlich scheinen Städte nicht besonders geeignet als Lebensraum für Wildtiere. Jedoch zwingt sie die Nahrungssuche mittlerweile dazu. Und so sind auch in Schenefeld immer häufiger Rehe, Hasen und Marder zu finden. Ein Hasenpärchen lebt beispielsweise seit Monaten unbeschwert in der Schenefelder Siedlung – und fühlt sich dort offensichtlich wohl. Seit einem Jahr wandern die Tiere von Garten zu Garten.

Der ehrenamtliche Naturschutzbeauftragte des Kreises Pinneberg, Hans-Albrecht Hewicker, bestätigt das Phänomen. Die Gründe seien vielfältig. „In den Gärten und Grünanlagen gibt es mittlerweile eine reichere Artenvielfalt als in der Feldflur“, erläutert der Experte. „Hingegen werden auf riesigen Flächen nur noch Mais, Raps oder ein bis zwei Grassorten angebaut. Das ist für Wildtiere uninteressant.“ Auch Hasen finden kaum noch geeignetes Futter. „Sie nehmen ganz gezielt Kräuter und Gräser für ihre Gesunderhaltung auf. Deshalb spricht man auch von der Hasenapotheke“, schildert Hewicker. Dort, wo nicht intensiv gemäht wird, sei die Chance auf diese Gräser größer. Zudem fänden sie durch Bäume und Sträucher ausreichend Deckung im Wohngebiet – anders als in der freien Natur.

Randstreifen werden seltener

Randstreifen eines Feldes gebe es heute nur noch selten. Dabei befände sich dort eine große Vielfalt an Wildkräutern. Fehlen diese Pflanzen, gibt es auch keine Insekten mehr, die lebensnotwendig für Jungvögel sind – beispielsweise für Rebhühner und Fasane. Ohne das tierische Eiweiß verenden sie, so Hewicker. Doch bei den riesigen, professionell bewirtschafteten Feldern fehlten heute diese Trennstreifen, erläutert der Naturschutzbeauftragte. „Aus Sicht der Tiere sind das monotone Wüsten.“

In den bebauten Siedlungen sei das anders. „Die Wildtiere erobern diese Bereiche zurück. Das beobachten wir seit vielen Jahren“, sagt Hewicker. Das führt allerdings auch zu Problemen. Rehe suchen nachts nach Futter und beißen die Knospen an Rosensträuchern ab – zum Missfallen der Besitzer. „Das ist eine sehr häufige Klage im Kreis Pinneberg.“ Auch Füchse, Marder und Waschbären seien mittlerweile in Städten zu finden. Und es gebe die höchste Fuchsdichte in Großstädten. „Wir haben ein vielfältiges Leben im besiedelten Bereich. Das Nahrungsangebot ist verlockend für die Tiere“, erläutert Hewicker.

Problematisch sei die Enge in den Städten nicht, sagt auch Nils Fischer, Förster im Klövensteen. Rehe seien beispielsweise Kulturfolger. Sie gewöhnen sich an den Menschen. Der Futtermangel sei bei ihnen eher zu vernachlässigen. Dass sich mehr Rehe in den heimischen Gärten aufhalten, liege daran, dass die Tiere nach Revierkämpfen im Wald verdrängt werden. Deshalb wandern sie schlicht aus. Wildtiere in der Stadt seien mittlerweile normal. „Von Maus bis Reh gibt es alles. Demnächst sicher auch Wildschweine“, glaubt Fischer. Wer sich darüber ärgert, zum Beispiel weil die Rosen angefressen werden, kann um sein Grundstück einen Zaun ziehen. „Man sollte nicht versuchen, die Tiere selbst wegzutreiben.“ Die Verletzungsgefahr bei der Flucht sei sehr hoch. „Die Rehe können sich in Zäunen verfangen“, sagt der Förster. „Man sollte sich einfach an den Tieren freuen.“

Der richtige Umgang mit verletzten Tieren

Wer ein verletztes oder hilfloses Wildtier gefunden hat und sich nicht sicher ist, ob es gegebenenfalls Hilfe benötigt, kann sich an die Wildtierstation Hamburg/Schleswig-Holstein wenden. Besonders bei Jungtieren ist das richtige Verhalten entscheidend. Sehr häufig können durch falsche Erstversorgung irreparable Schäden entstehen.Die Einrichtung in Klein Offenseth-Sparrieshoop ist zwischen 9 und 17 Uhr erreichbar unter Telefon (04121) 4501939. Nicht jedes Tierbaby braucht tatsächlich Hilfe. Rehkitze und junge Feldhasen sind oft allein anzutreffen, da diese von ihren Müttern nur kurz und höchstens dreimal täglich versorgt werden. Auch eine junge Eule, die vom Baum gefallen zu sein scheint, kann sich in der Regel selbst helfen. Das Gerücht, man dürfe ein junges Wildtier nicht anfassen, da sonst das Muttertier dieses verstoßen würde, ist falsch, betonen die Tier-Experten. Der Mutterinstinkt sei stärker als die Furcht vor einem potenziellen Fremdgeruch.

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