Hungern, Betteln, Leben

Stöbern  in alten Alben: Peggy Evers-Hartig (von links), Bürgermeisterin Christiane Küchenhof, Irmgard Lallemand, Chronik-Verfasser Günther Wilke und Ilse Lindemann.
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Stöbern in alten Alben: Peggy Evers-Hartig (von links), Bürgermeisterin Christiane Küchenhof, Irmgard Lallemand, Chronik-Verfasser Günther Wilke und Ilse Lindemann.

Nachkriegs-Kindheit in Schenefeld: Schwestern berichten dem Chronisten Günther Wilcke von ihren Erfahrungen

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24. November 2018, 16:56 Uhr

Der Magen ist leer, die Kleidung dünn. Und draußen liegen die Temperaturen wochenlang deutlich unter null Grad. Die Nachkriegszeit in Deutschland war für viele Menschen geprägt von Mangelernährung und Kälte. Nach der Angst vor den Bomben folgten weitere Entbehrungen. So auch bei den gebürtigen Schenefelderinnen Irmgard Lallemand (81), Ilse Lindemann (80) und Peggy Evers-Hartig (76). Die Schwestern meldeten sich bei Chronik-Schreiber Günther Wilke. Er hatte unter anderem mit Hilfe unserer Zeitung nach Zeitzeugen für die Jahre 1940 bis 1955 gesucht. Die Resonanz sei enorm gewesen, so Wilcke. 33 Personen interviewt der Chronist derzeit – ausreichend, um ein umfassenderes Bild zu bekommen.

Zu dieser Gruppe Freiwilliger gehören auch die Schwestern Peggy-Evers, Lindemann und Lallemand. In dieser Woche kamen sie auf Einladung von Bürgermeisterin Christiane Küchenhof (SPD) im Rathaus zusammen, um mit Wilcke ein erstes Gespräch zu führen. Lallemand hatte sogar den weiten Weg aus Genf auf sich genommen, um dem Chronisten Frage und Antwort zu stehen. Lindemann lebt heute in der Nähe von Kiel, Evers–Hartig in Halstenbek.

„Die Dokumentenlage ist außerordentlich schlecht. Die Nazis haben viel verbrannt“, erläuterte Wilke. Die drei Frauen berichteten von ihrer Kindheit an der heutigen Hauptstraße im Dorf. Drei Jungs, sechs Mädchen sowie Vater und Mutter lebten auf engstem Raum in einer Wohnung in Schenefeld – bis sie schließlich 1952 nach Sülldorf übersiedelten. Das Haus stand gegenüber von der heutigen Bäckerei Drave, damals Meyer. Der Hunger war ein ständiger Begleiter der Kinder. „Das war schon primitiv. Ohne Heizung, ohne Toiletten“, sagt Lallemand. „Wir waren außerdem alle sehr dünn.“ Zum Glück zeigte sich der damalige Bäcker Meyer der Familie gegenüber hilfsbereit, so dass die Kinder teilweise altes Brot und Kuchen mitnehmen durften. Zudem konnte die Familie in der Backstube Wäsche trocknen und im Backofen Speisen erwärmen. Zu sechst schliefen die Familienmitglieder in einem Zimmer. Aufgrund der Mangelernährung habe Lindemann unter Geschwüren gelitten. Die Kälte tat ihr Übriges: „Unser Vater hat Stoff auf Holzplatten genagelt, damit wir Schuhe hatten.“

Lindemann erinnert sich auch noch gut an ihre Einschulung 1944. Die Angst vor Bomben sei allgegenwärtig gewesen. Evers-Hartig weiß noch, wie sie als kleines Kind in der Nacht in den Keller getragen wurde, um Schutz zu suchen. „Auch in der Schule heulten dauernd die Sirenen. Unterricht war da gar nicht möglich.“ Als die britischen Alliierten nach dem Krieg die Grundschule für sich als Stützpunkt übernahmen, wurde provisorisch in privaten Räumen Unterricht gegeben. „Es gab kein Material. Ich weiß nicht, wie unsere Lehrerin das gemacht hat, aber sie hat uns viel beigebracht“, sagt Lindemann. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Da sind sich die Geschwister einig. „Eigentlich sind wir alle sehr traumatisiert worden. Die Erinnerungen sind gespeichert“, führt Lindemann aus.

Chronist Wilke zeigte sich dankbar über die Offenheit der Frauen. In Gesprächen will er noch mehr erfahren. Das Ziel ist, ein möglich umfassendes Bild von der Zeit nachzeichnen zu können.

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