Auftritt im Forum : Henning Venske auf Abschiedstour in Schenefeld: Kohl, Merkel und der Humor

Henning Venkse (links) und Frank Grischek. Letzter untermalte den Auftritt mit seinem hervorragenden Akkordeonspiel.
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Henning Venkse (links) und Frank Grischek. Letzter untermalte den Auftritt mit seinem hervorragenden Akkordeonspiel.

Der bissige Kommentator des Weltgeschehens ist mit seinem Programm „Summa Summarum“ auf Abschiedstour.

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09. März 2018, 12:30 Uhr

Schenefeld | „Nicht die Politik verdirbt den Charakter, sondern miese Charaktere verderben die Politik“, ist Henning Venske überzeugt. Der bissige Kommentator des Weltgeschehens ist mit seinem Programm „Summa Summarum“ auf Abschiedstour. Am Mittwoch gastierte der 78-Jährige im fast ausverkauften Forum und erhielt viel und anerkennenden Applaus.

„Mit mir auf der Bühne ist meine persönliche Big Band“, sagte Venske gut gelaunt, bevor Frank Grischek seiner Trompete eine Sequenz der wuchtigen Eröffnungsfanfare zu „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss entlockte.

Moral der Verantwortlichen

„Die Moral der Verantwortlichen lässt zu wünschen übrig“, schimpfte der intellektuell agile Künstler, bevor er den „Diskurs über die Notwendigkeit einer Diskussion“ anregte und an Grischek gerichtet sagte: „Frank, bitte eine Ouvertüre.“ Dem kam dieser umgehend nach und ließ sein Akkordeon den „Libertango“ von Astor Piazzolla tanzen. Diese beiden Bühnenmenschen, der eine im schwarzen Anzug, der andere lässig und mit konzentriertem Ausdruck unterm Hut, waren ein kongeniales Duo.

Grischek verstand sich prächtig auf sein Akkordeonspiel, es machte Spaß, ihm zuzuhören, wenn er die scharfen Wortkaskaden Venskes mit Tango-Rhythmen, französischem und russischem Liedgut virtuos flankierte und damit die Herzen der Zuschauer erreichte.Venskes Liebe gehört dem bissigen Kommentar, das wurde immer wieder deutlich. „Toleranz ist nur eine bequeme Ausrede für Leute, die sich nicht zwischen ja und nein entscheiden können.“

Humor? Fehlanzeige

Wo andere Kabarettisten sich mitunter hinreißend komisch eine kluge politische Analyse mit philosophischen Betrachtungen würzen, war Humor bei Venske Fehlanzeige. Seine Rhetorik war messerscharf, doch manchmal an diesem Abend nervte die zur Schau gestellte Arroganz des Über-Moralisten. Dennoch: Eine geistreiche und kurzweilige Mischung war es allemal, die Venske und Grischek servierten.

Venske sinnierte viel über die Moral der Verantwortlichen. Und immer wieder schlug er einen Bogen zurück in die Nachkriegszeit. „Die Russen montierten fast alle Industriebetriebe und bekamen den Sozialismus.“ Kohl bezeichnete er als „Saumagenanbeter“. Er sei mit Volldampf auf der Stelle getreten, in seinem Mantel, in dem er aussah wie ein „zugehängtes Kettenkarussell“. Merkel und Kohl bekamen ihr Fett weg,. Beide hätten alle Parteifreunde beseitigt. Merkel immerhin besitze jede Menge Humor.Manchmal wurde Venske nachdenklich. Etwa, wenn er sagte: „Eine Episode ist wie ein Wimpernschlag.“

Scharfsinnige Analyse

Bundespräsidenten seien „Männer mit der Ausstrahlung eines Animateurs an der Käsetheke von Edeka – sie geben Sicherheit“. Scharfsinnig analysierte er die Ursachen für die 68-er Revolution. „Sie hat geholfen, die Welt zu verändern.“ Indes, nicht alle im Publikum hielten seine Verbalattacken aus. Manch einer hätte sich mehr Lockerheit gewünscht, mehr Humor. Den meisten Besuchern schien aber genau das zu gefallen, dass Venske auch nach 57 Bühnenjahren noch ein Kabarettist der alten Schule geblieben ist.

So kam wohl bei dem einen oder anderen Venske-Verehrer etwas Wehmut auf, denn Kabarettisten, die – manchmal bis an die Schmerzgrenze gehend – aufrütteln, sind in der heutigen Zeit rar geworden.

Zum Schluss appellierte Venske ans Publikum für mehr Toleranz und eine offene Gesellschaft. „Neues ist immer möglich.“ An dieser Stelle ließ Venske tatsächlich so etwas wie verhaltenen Optimismus durchschimmern.

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