Hans Gebert ermittelt nicht mehr

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25. Januar 2013, 01:14 Uhr

Schenefeld | Es gibt Geschichten, die kann man sich nicht ausdenken, die schreibt das Leben. Hans Gebert machte sich vor 44 Jahren auf den Weg von Schenefeld nach Eutin - mit seinem kleinen Motorrad. Der 16-Jährige wollte Polizist werden und musste die Aufnahmeprüfung ablegen. Er hat Pech. Panne: Die Zündkerze sorgte für Ärger. Doch er kriegte das Krad wieder zum Laufen. Weil er viel Zeit verloren hatte, gab er etwas zu viel Gas - und raste in eine Polizeikontrolle. Aus der Traum vom Polizistenleben? Gebert erzählte seine Geschichte. Die Polizisten drückten beide Augen zu. "Fahr weiter haben sie gesagt und mir sogar noch alles Gute für die Prüfungen gewünscht", erinnert er sich an die entscheidenden Minuten in seinem Leben.

44 Jahre später packt Gebert in seinem Dienstzimmer im ersten Stock der Schenefelder Polizeistation seine persönlichen Sachen in einen Karton. Der Oberkommissar und stellvertretende Stationsleiter geht in Pension. Mit 60 Jahren.

Schenefelds Rekord-Polizist sagt Tschüs: 40 Jahre lang hat er in Schenefeld für Recht und Ordnung gesorgt. Kein Polizist war länger im Dienst. Gebert wollte in der Stadt arbeiten, in der er geboren wurde, in der er aufgewachsen ist, in der seine Freunde leben.

40 Jahre bei der Polizei: "Ich habe noch auf einer alten Schreibmaschine angefangen", sagt Gebert. Der Einzug des PC in den 80er Jahren hat ihn in Verzweiflung gestürzt. Keine Schulung, keine Einweisung. "Texte verschwanden einfach. Das war dramatisch, grausam." Heute shoppt der Leiter des Ermittlungsdienstes wie selbstverständlich bei Ebay. Büroarbeit und Schreibkram bestimmten täglich seinen Arbeitsalltag. "Aber am liebsten war ich draußen, auf der Straße, bei den Bürgern."

40 Jahre bei der Polizei: Gebert hat die Jahre unbeschadet überstanden. Seine Pistole musste er immer wieder mal zücken - geschossen hat er nie. Einmal hatte er den Finger am Abzug. "Nach einem Streit ging ein Betrunkener mit einer abgebrochenen Flasche auf mich los. Er schleuderte sie knapp an mir vorbei." Adrenalin pur.

Einsatz, rausfahren, nie wissen, was einen erwartet: Auch das ist der Alltag eines Polizisten. Gebert hat schreckliche Bilder gesehen. Er war am Tatort, als in Schenefeld ein Mann seine Frau und seine beiden Kinder erstochen hat. "Ich habe den Täter kurze Zeit später festgenommen und verhört."

Eine Extremsituation hat er schon als junger Schutzmann erleben müssen. Als im September 1971 auf der Autobahn 7 bei Hasloh ein Flugzeug notlandet, ist auch Gebert vor Ort. Leichen, Verletzte, Schaulustige, Schreie, Qualm: Es sind Stunden, die Gebert nie vergessen wird. Es sind Momente, die sich in sein Hirn einbrennen. "Ich konnte nach diesem Einsatz jahrelang nicht fliegen." Psychologische Betreuung? Gebert lacht. "Die gab es damals noch nicht."

Später achtet er auf seine Kollegen. Schaut genau hin, wie es ihnen nach einem Einsatz geht. Bietet Hilfe an.

Polizeibeamter: Keine Frage, Gebert würde den Weg noch einmal gehen - und als Einstellungsberater empfiehlt er den Beruf immer noch. "Wir arbeiten mit Menschen. Das ist interessant und abwechslungsreich." Gebert, der Ordnungshüter: Einmal beschlagnahmte er in Schenefeld auf einen Schlag 350 indizierte Videofilme in einer Videothek. "Der Besitzer hatte die Auflagen nicht erfüllt." Da verstand der Polizist keinen Spaß.

Das neue Leben nach dem Dienst bereitet ihm keine Sorgen. "Ich falle in kein Loch." Gebert sammelt und repariert alte Grammophone. Er reist gern. Er hat mit seiner Frau zusammen ein kleines Ferienhaus in Niedersachsen - und er spielt leidenschaftlich Keyboard. Er träumt sogar von kleinen Auftritten als Entertainer. Schenefelds Rekord-Polizist schlägt ganz neue Töne an.

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