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"Rain Man" in Schenefeld : Großes Kino im Bürgersaal

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Klasse Vorstellung: Klaus Peter Fischer und Gerrit Meyer-Haack glänzen in „Rain Man“-Inszenierung des Theater Schenefelds.

shz.de von
erstellt am 30.Sep.2013 | 00:31 Uhr

Die Bilder mit amerikanischem Auto sowie Tankstelle in Pop-Art-Form verweisen auf den Ort der Handlung: die USA. „Hier geht es um meinen Arsch und nichts anderes“, schreit Gerrit Meyer-Haack als kühl rechnender Autohändler Charlie Babbitt und kommandiert dabei seine Angestellten Lucy (Andrea Krohmer) und Susan (Kaja Lahmann) herum. Schnell wird deutlich: Charlie ist ein Kotzbrocken. Als der coole Egozentriker erfährt, dass sein Vater die üppige Erbschaft seinem autistischen Bruder Raymond (Klaus Peter Fischer) vermacht hat, ist er außer sich.

Die in Folge ihrer Weihnachtsmärchen bekannte Regisseurin Birte Giesel vom Theater Schenefeld wagte sich mit „Rain Man“ erstmals an ein „Erwachsenenstück“. Mit viel Fingerspitzengefühl gelang es Giesel und ihrem 19-köpfigen Team, die Geschichte um den berechnenden Karrieristen und seinen autistischen Bruder auf die Bühne zu bringen. Bei der Premiere von Dan Gordons Stück im Bürger- und Kultursaal wurde deutlich, dass der berühmte mit Dustin Hoffmann und Tom Cruise verfilmte Kinohit aus dem Jahre 1988 auch als Theaterstück funktioniert.

Die beiden Hauptdarsteller Klaus Peter Fischer als Rain Man und Gerrit Meyer-Haack ähnelten nicht nur äußerlich ihren berühmten Kino-Vorbildern, sondern befassten sich intensiv mit den Charakteren des ungleichen Bruderpaares. Klaus Peter Fischer gelang es glänzend, Sprache und Mimik des geistig behinderten Raymond zu verkörpern. Bei dem vorerst in einer Klinik untergebrachten Bruder handelt es sich um einen sogenannten „Prodigious Savant“, einen Inselbegabten, der zwar ein phänomenales visuelles Gedächtnis besitzt, aber Gefühle nicht ausdrücken kann und in der zwischenmenschlichen Kommunikation versagt. Deutlich wird dies auch an Raymonds Aussage „Darauf kannst du deinen Arsch verwetten.“ Denn es gelingt den Brüdern, infolge der Begabungen des Älteren, ein Spielkasino in Las Vegas auszunehmen.

Klaus Peter Fischer spielt mit bewundernswerter Einfühlung Rays auf Zahlen und Zeiten fixierten Zwangscharakter und bezaubert in dieser Rolle durch eine geradezu rührende Komik. Das verkorkst starre Körperbild hält er kontinuierlich durch. Der Autist ist in der Lage Telefonbuch und Fernsehprogramm zu rekapitulieren. Bemerkenswert: Es ist kaum zu glauben, dass Fischer die Darstellung so vollendet gelang, obwohl er kurz nach Probenbeginn einen Herzinfarkt erlitt.

Szenen wie der gemeinsame Tanz mit Charlie zeigen aber auch lichte Momente, beispielsweise erste scheue Gefühlsreaktionen – wenn er den Namen des Bruders flüstert. In manchen Situationen bringt Ray Charlie zur Verzweiflung. So fahren beide über Landstraßen nach Los Angeles, weil Rain Man Angst vor dem Fliegen hat.

Beim Bühnenbild setzt Giesel auf karge Ausstattung und arbeitet getreu dem „Roadmovie“ mit wenig Mobiliar. Am Ende sind Raymond und Charlie nicht mehr Fremde, sondern Brüder und in der Lage, Gefühle zuzulassen. Brillante Protagonisten in einem wandlungsfähigen Bühnenbild: Die Schenefelder Truppe bot Theater-Genuss in Vollendung.

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