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Schenefelder Tageblatt

25. November 2017 | 10:30 Uhr

Gefangen in der eigenen Wohnung

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Behördenärger Schenefelderin klagt Verwaltung an

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2017 | 16:00 Uhr

Dass es zu wenig barrierefreien Wohnraum gibt, ist immer wieder Thema. Welches Leid dieser Zustand auslösen kann, zeigt das Schicksal von Renate Kesel (74). Die Schenefelderin lebt seit 45 Jahren am Osterbrooksweg. Nach zwei Schlaganfällen ist sie auf den Rollstuhl angewiesen und kann ihre nicht barrierefrei gestaltete Wohnung nicht mehr verlassen. Seit einem Jahr sitzt sie darin fest.

Auch den Balkon kann Kesel nicht mehr nutzen – eine Stufe macht dies unmöglich. Nur in wenigen Ausnahmen für ärztliche Termine wurde die Frau mit dem Krankenwagen abgeholt. Besonders verärgert ist Kesel aber darüber, dass sich das Schenefelder Bürgerbüro nicht in der Lage sieht, ihren abgelaufenen Personalausweis zu verlängern – wenn sie nicht persönlich vorbeikommt. Dabei wohnt die Schenefelderin gerade einmal fünf Minuten vom Rathaus entfernt. „Im Zeitalter von Tablet, Smartphone und Laptop muss es doch möglich sein, dass jemand hier vorbeikommt“, sagt Kesel. „Das macht mich so was von traurig, dass man einfach so durchs Raster fällt, weil man nicht mehr laufen kann.“

Den Alltag bewältigt sie nur schwer. Denn die Wohnung ist nicht auf den Rollstuhl ausgelegt. So wird beispielsweise das Kochen jeden Tag erneut zu einer großen Herausforderung und zu einem Sicherheitsrisiko. Eine Helferin vom Freiwilligenforum kauft für die 74-Jährige ein. Den Rest lässt sie sich liefern. Nachbarn bringen ihr die Post hoch. Zudem bekommt sie Unterstützung im Haushalt. Therapeuten und Ärzte besuchen sie zu Hause.

Nur die Stadt rückt von ihrem Standpunkt nicht ab, verweigert einen Hausbesuch. Die Seniorin habe auch die Diakonie und die Sozialberatung gebeten, sich für sie bei der Stadt einzusetzen. Aber auch die hätten nichts erreicht. Die einzige Option sei, dass sich Kesel abmeldet, habe das Bürgerbüro verlauten lassen. Die Antwort macht die Schenefelderin fassungslos. „Das ist für mich eine Bankrotterklärung des Bürgerbüros. Ich hätte dann keinen Ausweis mehr. Das ist so, als wenn man mir sagt: Jetzt kannst du auch sterben.“ Sie fühle sich entmündigt: „Ich bin entsetzt.“

Die einzige Option, persönlich bei der Verwaltung vorstellig zu werden, wäre per Krankentransport. Dieser würde sie aber 280 Euro kosten. „Das kann ich von meiner Rente nicht bezahlen“, sagt Kesel.

Bürgermeisterin Christiane Küchenhof (SPD) bedauert, dass es keine Möglichkeit gibt, den Personalausweis von zu Hause aus verlängern zu lassen. „Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass eine Person selbst den Antrag für den Personalausweis stellt, persönlich unterschreibt und gegebenenfalls ihre Fingerabdrücke abgibt. Eine Vertretung ist rechtlich nicht möglich“, erläutert Küchenhof auf Anfrage unserer Zeitung.
„Aufgrund der schon einige Zeit verwendeten sicheren Online-Übertragung an die Bundesdruckerei geht dieses leider nur an speziell ausgerüsteten und auch mit besonderer Verschlüsselung, Zugangszertifikaten und Lesegeräten versehenen Geräten im Bürgerbüro. Es wäre auch nirgendwo anders im Rathaus möglich.“ Die Unterschrift, die ja auch nachher im Ausweis enthalten ist, erfolge nicht mehr auf Papier, sondern direkt auf einem Lesegerät und werde online erfasst und übertragen. Gleiches gelte für die Fingerabdrücke. Eine Papierantragstellung mit Einscannen wie es sie früher gab, gebe es seit einiger Zeit nicht mehr. „Früher war es möglich, Frau Kesel in einem solchen Ausnahmefall zu Hause aufzusuchen – das ist uns heute leider aus technischen Gründen nicht mehr möglich. Das hat nichts mit mangelnder Flexibilität oder Sturheit zu tun. Es geht einfach leider nicht mehr“, sagt Küchenhof. Insgesamt stelle dies aber aus ihrer Sicht kein Problem dar. Genau für solche Fälle, die sich aufgrund einer Behinderung nicht mehr in der Öffentlichkeit bewegen können, gebe es die Möglichkeit, sich von der Ausweispflicht befreien zu lassen, so Küchenhof. Das ginge mit formlosem Antrag und Attest vom Arzt.

Zumindest hat sich das Wohnungsproblem für die Schenefelderin nach langer Suche erledigt. Mitte Dezember zieht Kesel in eine betreute Wohneinrichtung nach Hamburg.

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