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„Brücke passt nicht in heutige Zeit“ : Friederike Pavenstedt von der Arbeitsgemeinschaft Barrierefreiheit erklärt, was Behinderte in Schenefeld stört

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Im Interview berichtet Pavenstedt unter anderem, was sie sich von der Neugestaltung des Stadtkerns verspricht.

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2017 | 13:00 Uhr

Schenefeld | Friederike Pavenstedt hat die Arbeitsgemeinschaft (AG) Barrierefreiheit Schenefeld gegründet, um auf Hindernisse für Behinderte hinzuweisen. Pavenstedt selbst ist an Multipler Sklerose erkrankt und sitzt im Rollstuhl. Im Interview berichtet sie unter anderem, was sie sich von der Neugestaltung des Stadtkerns verspricht.

Friederike Pavenstedt (59) hat die die Arbeitsgemeinschaft (AG) Barrierefreiheit Schenefeld 2006 ins In Leben gerufen. Sie ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Ihre MS-Erkrankung wurde 1997 festgestellt. Die ersten Anzeichen gab es bereits 1988.

In welchen Bereichen erwarten Sie die größten Verbesserungen für Behinderte?
Friederike Pavenstedt: Der Stadtkern in Schenefeld soll neu gestaltet werden. Es wird sicherlich einige Zeit dauern, bis dieses Vorhaben umgesetzt worden ist. Das gibt uns die Chance, darauf hinzuweisen, was der Arbeitsgemeinschaft Barrierefreiheit wichtig ist und die Entwicklung in unserem Sinne zu beeinflussen.

Worauf kommt es Ihnen dabei an?
Es sind alles Kleinigkeiten, die für Rollstuhlfahrer aber schon große Hindernisse sein können. So wünsche ich mir beispielsweise, dass nur Pflastersteine verwendet werden, die keine Stolperfallen für Behinderte sind. Es sollte möglichst alles ebenerdig und glatt sein. Auch für Blinde müssen Vorrichtungen getroffen werden, damit diese sich zurechtfinden. Kleine Stufen oder Blumenkübel mögen gut aussehen, sind für Rollstuhlfahrer und Blinde aber fatal. Automatische Türen erleichtern uns das Leben ebenfalls ungemein. Und gerade bei neuen Gebäuden sollte man darauf achten, dass es Fahrstühle gibt, damit Behinderte die oberen Stockwerke erreichen können. Die Aufzüge müssen außerdem groß genug sein.

Worüber ärgern Sie sich?
Es ist unverantwortlich, im Forum keinen zweiten barrierefreien Fluchtweg einzurichten. Dafür habe ich kein Verständnis. Wenn etwas passiert, haben Behinderte kaum Möglichkeiten, schnell herauszukommen. Bei Vorstellungen hoffe ich deshalb immer, dass alles glatt geht. Für Fußgänger gibt es im Forum dagegen vier Fluchtwege. Skandalös finde ich außerdem, dass Behinderte, die statt eines Elektro-Rollstuhls einen „E-Scooter“ nutzen, damit nicht mehr in Busse einsteigen dürfen.

Inklusion ist in aller Munde. Wie ist die Situation in Schenefeld?
Die Arbeitsgemeinschaft setzt sich damit derzeit auseinander und erarbeitet nach und nach, in welchen Bereichen wir Defizite sehen. Die Ergebnisse geben wir gebündelt an die Bürgermeisterin weiter. Wir beschäftigen uns mit Themen, die Menschen mit körperlichen Behinderungen betreffen. Da bei uns keine Menschen mit Sehbehinderungen vertreten sind, können wir uns zu deren Problemen leider nicht äußern. Damit wir deren Belange ebenfalls vertreten, würde ich mir wünschen, dass Blinde zu unserer Gruppe stoßen. Wenn mehr Menschen mit unterschiedlichen Handicaps dabei sind, können wir uns noch effektiver einbringen und auch deren Interessen vertreten.

Ist Schenefeld eine behindertenfreundliche Stadt?
Ja. Das merke ich daran, wie gut ich in der Stadt zurechtkomme. Viele Menschen sind bemüht, etwas für Behinderte zu erreichen. Politik, Verwaltung, aber auch die normalen Bürger – jeder ist bereit, uns zu unterstützen. Positiv ist, dass auch konkret etwas getan wird. So wird jetzt beispielsweise im Juks ein Fahrstuhl eingebaut. Dadurch können wir in Zukunft unter anderem an den plattdeutschen Lesungen teilnehmen. Die finden im ersten Stock statt. Deshalb waren wir bisher ausgeschlossen. In Schenefeld tut sich für Behinderte aus meiner Sicht unheimlich viel. Wenn ich zum Beispiel an Pinneberg denke, ist es bemerkenswert, was hier passiert.

Was hat die AG bisher erreicht?
Am wichtigsten ist, dass wir überall mit einbezogen werden. Das ist ein gutes Zeichen. So merken wir, dass man uns ernst nimmt. Wie behindertenfreundlich die Stadt Schenefeld wirklich ist, wird sich bei der Neugestaltung des Stadtkerns zeigen. Ich bin gespannt, welche Rolle dabei unsere Belange spielen werden. Ein Beispiel, wie es nicht laufen sollte, ist die Luninez-Brücke über die LSE. Die kann man als Rollstuhlfahrer gar nicht nutzen. Auch Radfahrer werden es vermutlich nicht besonders toll finden, dass sie ihr Rad auf einer Seite hochschieben können, auf der anderen Seite aber die Treppen heruntertragen müssen. Ein solches Bauwerk passt nicht mehr in die heutige Zeit.

Wie ist aus Ihrer Sicht der Umgang mit Behinderten in unserer Gesellschaft?
Ich werde von vielen Menschen einfach so angesprochen, die zum Beispiel Fragen zu meiner Krankheit stellen. Offenbar vermittle ich den Eindruck, dass ich keine Berührungsängste habe. Das freut mich. Für mich ist klar: Wenn ich mit anderen vernünftig umgehe, sind sie auch nett zu mir. Unsicher, wie sie mich behandeln sollen, sind meistens eher Erwachsene als Kinder.

Inwieweit hat die AG Ihnen geholfen, mit Ihrer Behinderung zurechtzukommen?
Die AG Barrierefreiheit hilft mir, mit meiner Erkrankung zu leben. Weil ich etwas Sinnvolles mache, kann ich meine Situation viel besser ertragen. Ich möchte nicht nur in der Ecke sitzen und jammern.

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