Erinnerungen an ein Musik-Genie

Alte Familienfotos von Leonard Bernstein (Mitte) und seiner Ehefrau Felicia Montealegre wurden per Beamer an die Wand des Forums geworfen.
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Alte Familienfotos von Leonard Bernstein (Mitte) und seiner Ehefrau Felicia Montealegre wurden per Beamer an die Wand des Forums geworfen.

Sebastian Knauer und Jamie Bernstein präsentieren gemeinsam Klavierminiaturen von Leonard Bernstein (1918-1990) in Schenefeld

shz.de von
20. August 2018, 00:00 Uhr

Wie nähert man sich einem Genie an, das weltbekannte Orchester dirigiert, in seinem Leben drei Symphonien, zwei Opern, fünf Musicals, mehrere Ballettaufführungen und zahlreiche andere Stücke komponiert hat? Leonard Bernstein (1918−1990) gilt als eine der facettenreichsten Künstlerpersönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts. Als Komponist, Dirigent und Pianist hat er die Musikgeschichte geprägt.

Am Donnerstagabend erzählte seine Tochter Jamie Bernstein (geboren 1952) den Zuhörern im Schenefelder Forum Geschichten aus dem Leben des Ausnahmekünstlers. Im Fokus des Beitrags im Zuge des Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) standen die sogenannten Aniversaries, Klavierminiaturen, in denen Bernstein Freunde und Familienangehörige musikalisch porträtierte. Diese setzte Sebastian Knauer (kleines Foto) gekonnt, gefühlvoll und beeindruckend auf dem Klavier um. Von leichtfüßig bis euphorisch – Knauer hatte alles drauf.

Bürgermeisterin Christiane Küchenhof (SPD) merkte während der Begrüßung an, dass Knauer ein alter Bekannter sei. Er habe seine Karriere im Orchester in Schenefeld 1983 begonnen – für ihn war es sozusagen ein Heimspiel. Sie selbst habe etwas „Herzklopfen“, gab die Rathaus-Chefin zu. Auch, weil SHMF-Gründer und Bernstein-Freund Justus Frantz anwesend war.

Jamie Bernstein wirkte auf der Bühne entspannt und berichtete konzentriert von den vielen Menschen, die ihrem Vater am Herzen lagen. Angefangen bei seiner Ehefrau, seinem späteren Lebenspartner, bekannten Komponisten und anderen Wegbegleitern. Die Amerikanerin wirkte zunächst sehr zart und zurückhaltend in ihrem blumigen Sommerkleid. Doch in ihren Ausführungen wurde rasch deutlich, dass hier eine sehr selbstbewusste und intelligente Frau spricht, in deren Leben klassische Musik eine tragende Rolle spielt. Mit viel Charme gab sie die Beschreibungen von Star-Komponisten wie George Gershwin und Aaron Copland zum Besten – und das auf Deutsch. Das gelang ihr überraschend gut. Wenn Bernstein doch einmal ein Wort nicht auf Anhieb aussprechen konnte – wie beim in der Tat schwierigen Wörtchen „leichtfüßig“ – korrigierte sie sich lächelnd und fuhr fort. Aus dem Konzept bringen ließ sie sich nie. Die Kombination des sanften Knauer und der feinfühligen Bernstein passte perfekt.

Es blieb jedoch in weiten Teilen ein Abend für Insider. Denn bei den vielen Aniversaries, die gespielt wurden, blieb schlicht zu wenig Zeit, um all den Menschen, denen sie gewidmet waren, gerecht zu werden und ihnen wirklich näher zu kommen. Wunderschön waren die Darbietungen der Westside-Story-Klassiker „I Feel Pretty“, „Maria“ und „Somewhere“.

Die Tochter zeichnete ihren Vater als ehrgeizigen und liebevollen Menschen, der abends „zu viele Zigaretten rauchte“, und sich dabei den Kopf über neue Werke zerbrach. Zum Ende hin wurde der Mensch Bernstein etwas greifbarer. Laut der Tochter sagte Bernstein einmal: „Meine größte Schwäche ist die Liebe zu den Menschen.“ Er könne keinen Tag allein sein, ohne in Depressionen zu verfallen. Solche Zitate waren die kleinen, aber feinen Höhepunkte des Abends. Jedoch blieb der Vater der Vorleserin in großen Teilen weiterhin ein Mysterium. Aber vielleicht haben das Genies so an sich.

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