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Schenefeld : Eine lesbische Liebe, ein Mord und die „Emma“

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Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Warum ein Prozess gegen eine Frau aus Schenefeld Alice Schwarzer einst dazu ermutigt hat, die Frauenzeitschrift „Emma“ zu gründen.

shz.de von
erstellt am 05.Nov.2014 | 12:00 Uhr

Schenefeld | Alice Schwarzer: lange Zeit die Ikone der Frauenbewegung in Deutschland. Die Feministin. Die Aktivistin. Die Journalistin. Die Frau, die Frauen in der Zeitschrift „Emma“ ab 1977 eine Stimme gab. Die „Emma“: Zur Gründung dieser Zeitschrift hat Schwarzer vor allem ein Prozess vor dem Itzehoer Landgericht bewogen.

Auf der Anklagebank saß 1974 eine Frau aus Schenefeld. Die damals 35 Jahre alte Marion Ihns. Es ging um einen Mord, um eine lesbische Liebe und ein Strafverfahren, das in der Bundesrepublik für Schlagzeilen sorgte. Schwarzer war dabei, berichtete unter anderem für die Zeitschrift „Konkret“. Später sprach sie von einem wahren Hexenprozess, der mit der Frauenliebe abgerechnet habe. „Das war die Zeit, in der jedes Gespräch, jedes Treffen von Kolleginnen irgendwann immer mit dem verträumten Satz endete. Wenn wir nur unsere eigene Zeitung hätten.“

Der Schenefelder Mordfall: Der Däne Deny Pedersen erschlug am 20. Oktober 1972 den Schenefelder Gemüsehändler Wolfgang Ihns im Keller seines Schenefelder Ladens. Im Schlaf. Marion Ihns und ihre Geliebte, die Dänin Judy Andersen, damals 35 Jahre alt, hatten den Mord an Marions Ehemann in Auftrag gegeben. Das Landgericht Itzehoe verurteilte beide Frauen am 1. Oktober 1974 zu lebenslanger Haft. „Die beiden Angeklagten haben heimtückisch und aus niederen Beweggründen gehandelt“, sagte der Vorsitzende Richter Manfred Selbmann. Pedersen wurde in Kopenhagen zu 16 Jahren Haft verurteilt.

Der Prozess: Homosexualität irritierte Mitte der 1970er Jahre nicht nur das gemeine Volk, sondern auch seine Richter. Die Folge: die totale Öffentlichkeit. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik durfte zunächst mitten in der Sitzung ungehemmt fotografiert werden. Die Zuhörer wurden auch nicht ausgeschlossen, als die Angeklagten über ihre sexuelle Entwicklung aussagten. Das Verfahren geriet schnell zum Spektakel. Schwarzer warf der „männerdominierten Presse vor, aus dem Mord-Prozess einen Lesben-Prozess zu machen“.

Frauen protestieren im Gerichtssaal

Es kommt im Gerichtssaal zu Protesten: Zwei Dutzend junge Frauen, angereist aus Frankfurt, Hamburg und Berlin, sprangen plötzlich während der Verhandlung auf und formierten sich mit bemalten T-Shirts zum lebenden Transparent: „ Gegen geile Presse – für lesbische Liebe“ und dazu riefen sie: „Lesbische Liebe ist schön.“ Auch am Tag der Urteilsverkündung gab es massive Proteste vor dem Landgericht.

Für Schwarzer stand damals schnell fest. Nach dieser öffentlich zelebrierten Abrechnung mit der lesbischen Liebe sollten Frauen endlich eine politische Stimme erhalten. Im Januar 1977 erschien die erste offizielle Ausgabe der „Emma“. Doch im Zuge des Itzehoer Prozesses gab es „Emma“ bereits in Form von Flugblättern, die während des Strafverfahrens veröffentlicht wurden.

Im September 2011 präsentiere Schwarzer ihre Biografie unter dem Titel „Lebenslauf“: Darin berichtet sie auch über den Itzehoer Prozess, den Mord in Schenefeld: „In dieses flirrende Klima platzt nun der Prozess gegen Marion Ihns, 35, und Judy Andersen, 25. Die beiden Frauen hatten eine Liebesbeziehung und ließen Marion Ihn’s Mann umbringen, weil er ihnen im Weg stand. Doch beleuchtete man die Hintergründe, kam vieles zusammen, was den letztendlich zu lebenslänglich Verurteilten „mildernde Umstände“ hätte bescheren müssen. So waren beide schon als Kinder vielfach missbraucht worden und der Ehemann von Ihns hatte seine Frau über Jahre geschlagen , vergewaltigt, zur Abtreibung gezwungen.“

Weiter schreibt Schwarzer: „Trotz dieser tragischen Umstände wird der Prozess zum voyeuristischen Spektakel und zum warnenden Exempel in Sachen lesbischer Liebe. Im Gerichtssaal in Itzehoe geht es keineswegs nur um das Verbrechen zweier Individuen, sondern vor allem um ein Verbrechen namens Frauenliebe.“

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