zur Navigation springen

Lesung in Schenefeld : Eine Jugend in der Nazi-Zeit

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Zeitzeugin Marianne Wilke erinnert an Ausgrenzung und Verfolgung.

shz.de von
erstellt am 13.Nov.2017 | 13:00 Uhr

Schenefeld | „Meine Mutter sagt, ihr seid Juden“, diesen Satz des Nachbarsjungen empfand Marianne Wilke als merkwürdig: „Was sind wir?“. Die Siebenjährige wusste nichts damit anzufangen. Im Rückblick markiert dieser Satz den Beginn von Ausgrenzung, Demütigung und Angst. Marianne Wilke, 1929 geboren, ist in der Zeit des Nationalsozialismus aufgewachsen. Sie fühlte genau, dass sich ihre kleine Kinderwelt im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel verändert: An ihrer Schule an der Telemannstraße unterwanderte die Nazi-Ideologie jedes Schulfach: „Wir mussten Nazi-Gedichte lernen. In Erdkunde ging es darum, ob die anderen Länder deutschfreundlich sind oder nicht. Und im Sport haben wir Handgranaten-Weitwurf geübt.“

Aber das schrecklichste Unterrichtsfach sei Biologie gewesen: „Wir haben gelernt, dass es jüdisches und deutsches Blut gibt“, sagt Wilke. „Und dass die beiden Blutsorten niemals gemischt werden dürfen.“ Sie hörte das erste Mal das Wort „Rassenschande“: „Ganz allmählich wurde mir klar, dass sie meine Eltern meinen. Sie verstießen gegen das neue Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, weil mein Vater Jude war.“ Wilke erinnert sich an die angstbesetzte Atmosphäre, als zwei uniformierte Männer in der heimischen Küche standen und ihre Mutter bedrohten: „Lassen Sie sich scheiden, sonst wird es Ihnen und Ihren Kindern schlecht ergehen.“

Auch auf der Straße nahm die Ausgrenzung Form an: „Wenn wir spielen gegangen sind, haben wir die Litfaßsäulen mit Plakaten gesehen. Da stand: Verkehrt nicht mit Juden. Juden sind unser Unglück“, berichtet Wilke. Und die Bänke im benachbarten Park hatten neuerdings Hinweisschilder: „Nur für Arier“. Theater, Kino, Freibäder, Radio, öffentliche Verkehrsmittel, Fahrräder und Schreibmaschinen waren für Juden tabu. Die Großeltern mussten ein enges, dunkles Zimmer in einem Judenhaus beziehen. Später erfolgte durch den Judenstern die öffentliche Stigmatisierung. Das Kinderleben von Marianne und Helmut veränderte sich drastisch: Die Spielkameraden nahmen Abstand, weil die Mütter ihnen „aber nicht mit den Lehmann-Kindern spielen“, hinterherriefen. Marianne und Helmut blieben in der Wohnung und lasen.

Die heute 88-Jährige weiß alles noch ganz genau. Und das ist gut, ist sie doch als NS-Zeitzeugin unverzichtbar, weil sie ganz pur über ihr damaliges Empfinden als Kind in der NS-Zeit spricht und in Zuhörern Bilder und Gefühle entstehen lässt. Wilke und ihr Mann Günther sind 65 Jahre verheiratet und haben sich ganz der Zeitzeugen-Arbeit verschrieben: „Etwas Sinnvolleres können wir in unserem Alter nicht mehr tun“, sagt Günther Wilke (87), der einst ein Klassenkamerad von Mariannes Bruder Helmut war und die Ausgrenzung der Familie Lehmann hautnah mitbekommen hat.

Das Ehepaar spricht in Schulen und Erinnerungsstätten und lädt auch zu Veranstaltungen ein – wie am vergangenen Sonnabend im Schenefelder Ratssaal – gemeinsam mit Musikerin Katja Kaye. Dort kam es in der Pause zu einer rührenden Begegnung zwischen Wilke und Casper (11). Der Gymnasiast hatte „Das Tagebuch der Anne Frank“ gelesen und sich getraut, die Zeitzeugin darauf anzusprechen. Der Junge und die Seniorin waren ganz vertieft in ihr Gespräch – einen besseren Geschichtsunterricht gibt es nicht.

Nach dem Ende der NS-Zeit hatten die Wilkes große Hoffnungen in eine bessere Welt. „Aber die alten Nazis bekamen an anderen Orten wieder gute Posten und über die Verbrechen wurde nicht gesprochen“, so das Paar. Sie wollen ihre Erinnerungen für junge Menschen bewahren: „Wenn die AfD stärker wird, ist mit der Gedenkkultur Schluss“, befürchten sie – und machen weiter.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen