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Schenefeld : Eine Busreise mit Folgen fürs Leben

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Ahmad und Massomeh Farzanegan feiern heute Goldene Hochzeit. Gebürtige Iraner erlebten schwierige Anfangszeit in Deutschland.

von
erstellt am 21.Apr.2015 | 13:00 Uhr

Schenefeld | Zwei Menschen, deren Herzen in einem gemeinsamen Takt schlagen: Das trifft auf Massomeh und Ahmad Farzanegan zu. Die beiden Schenefelder haben den Großteil ihres Lebens miteinander verbracht. Am heutigen Dienstag feiern sie Goldene Hochzeit. Wer dem 79-Jährigen und seiner drei Jahre jüngeren Ehefrau begegnet, muss sich vor Einsilbigkeit nicht fürchten. Beide reden nicht nur gern, sondern haben auch etwas zu erzählen. Eine Geschichte von traditionellen Zwängen und kultureller Neufindung, in der auch der Zufall immer wieder eine bemerkenswerte Rolle spielte.

Schon die Art und Weise, wie sich Massomeh und Ahmad Farzanegan 1963 im Iran kennenlernten, war eher ungewöhnlich. Denn erstmals trafen sich die beiden im Bus. Sie: die lebenslustige Friseurin, die zuvor schon in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington einen kleinen Laden führte, dann aber in ihr Heimatland zurückgekehrt war. Er: der ambitionierte Architekturstudent in spe, der für sich im Iran aber keine Perspektive sah. „Viel zu wenige Studienplätze für viel zu viele Bewerber“, erzählt er. Im Bus stellte sich heraus, dass Massomeh in der selben Stadt geboren wurde wie er, in Rascht, im Norden des Landes. Es war der Bus, in dem die beiden ihre Heimat für immer verließen – und sich ineinander verliebten.

Doch eine gemeinsame Zukunft war noch lange nicht absehbar. „Dazu wäre der Segen unserer Eltern notwendig gewesen. Man konnte nicht einfach alle Traditionen durchbrechen“, erinnert sich Ahmad. In Hamburg angekommen, verloren beide deshalb wieder den Kontakt zueinander, bevor sie sich – purer Zufall – wieder über den Weg liefen. Eine Fügung des Schicksals: 1965 heirateten beide dann doch, sowohl standesamtlich als auch nach persischem Zeremoniell. 1966 und 1967 kamen ihre Kinder zur Welt, die Familie war komplett.

Wenn insbesondere Ahmad an die Anfangszeit in Deutschland zurückdenkt, dann überkommen ihn noch heute Gefühle des Ärgers. Allergrößte Schwierigkeiten habe er gehabt, vor allem bei der Wohnungssuche. „Man wollte damals einfach keine Ausländer in der Nachbarschaft. Uns wurde die Tür mehrfach vor der Nase zugeschlagen“, erinnert er sich. Nur durch die Hilfe eines Freundes, der beim Lebensmittel-Riesen Edeka arbeitete, habe er 1972 die Wohnung in Schenefeld erhalten, in der das Paar bis heute wohnt – die alte Wohnung in der Osdorfer Landstraße in Hamburg war für die vierköpfige Familie längst zu klein geworden.

Job als Bauzeichner

Apropos Edeka: Das Unternehmen entwickelte sich mehr und mehr zu seiner beruflichen Heimat. Schon während seines Studiums in Hamburg arbeitete er dort – zunächst als Kopierer, dann als Bauzeichner. Später, als „fertiger“ Architekt, entwarf er Supermärkte mit. „Den Rewe-Markt in der Friedrich-Ebert-Allee“, sagt er, „habe ich gezeichnet.“ Darüber hinaus ist er dem Unternehmen, von dem er sich Mitte der 1990er Jahre in die Rente verabschiedete, noch heute dankbar, dass es sich vehement für die dauerhafte Aufenthaltsberechtigung ihres Mitarbeiters in Deutschland einsetzte. Die erhielt er Mitte der 1970er Jahre. „Wer nicht betroffen ist, kann sich nicht vorstellen, was es für ein Gefühl ist, in der ständigen Unsicherheit zu leben, abgeschoben zu werden“, sagt er. Mitte der 1980er Jahre erhielten er und seine Frau dann auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Dennoch: Als Deutsche fühlen sich Ahmad und Massomeh, die beruflich bis zur Rente ein Friseurgeschäft in Hamburg führte und in einer persischen Bank arbeitete, nicht. „Vom Herzen her sind wir Perser“, sagt die 76-Jährige. Das heiße aber nicht, dass sie sich in Deutschland nicht wohl fühlen würden.

Im Gegensatz zum rasanten Tempo früherer Jahre lässt es das Paar heute deutlich ruhiger angehen. Die Kinder sind aus dem Haus. Beide haben Hobbys, die sich nicht unbedingt berühren. Während Ahmad seit Jahrzehnten begeisterter Hobbyfotograf ist, geht Massomeh für ihr Leben gern shoppen – ohne ihren Mann. In derlei unterschiedlichen Interessen liegt auch das Geheimnis ihrer langen Ehe. „Liebe bedeutet auch, Freiräume zu lassen“, sagt die 76-Jährige. Ihren heutigen Ehrentag wollen die beiden höchstens im kleinen Kreis feiern. Zur Silberhochzeit vor 25 Jahren war es noch auf große Reise gegangen. „Aber diesen Trubel“, da sind sich beide einig, „brauchen wir jetzt nicht mehr.“

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