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Ehemaliger St.Pauli-Spieler : Ein Tor für die Geschichtsbücher

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Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Der Schenefelder Wolfgang Kulka besiegte im Oktober 1977 mit St. Pauli den HSV, war auf dem Weg zum Nationalspieler – doch dann riss das Kreuzband.

shz.de von
erstellt am 04.Dez.2013 | 12:00 Uhr

Wolfgang Kulka bestellt eine Cola. „Nach der Reha habe ich immer Durst.“ Er nimmt einen Schluck. Wir sitzen in einem Restaurant im Schenefelder „Stadtzentrum“. Das Rehazentrum, in dem er sich seit Wochen quält, in Sichtweite. Im März wurde der 58-Jährige erneut am Knie operiert. Diese Schmerzen waren nie ganz weg seit jenem Samstag im Oktober 1977. Der Tag, an dem aus dem Fußball-Helden Wolfgang Kulka im Frankfurter Waldstadion ein tragischer Held wurde. Der Tag, als dem Schenefelder im Trikot des FC St. Pauli nach einem Zusammenprall mit Torwart Jupp Koitka im rechten Knie das hintere Kreuzband riss. Der Anfang vom Ende aller Fußballträume. 1978 wird aus einem aufstrebenden Fußballprofi, der einst für Blau-Weiß 96 die Schuhe schnürte, ein tieftrauriger Sportinvalide. Mit 23 Jahren. „Das Knie ist immer instabil geblieben, auch nach der Operation damals“, sagt der Ex-Profi.

50 Jahre Bundesliga: Kulka hat nur zwölf Bundesligaspiele bestritten, dabei vier Tore erzielt. Das eine verfolgt den Schenefelder bis heute. „Tune-Hanse kam von links, schoss aufs Tor. Der Ball prallte von Kargus ab. Direkt vor meine Füße. Ich habe ihn mit der Innenseite reingeschoben.“

Bei Derbys klingelt sein Telefon

Das 2:0 in der 87. Minute. Für den Aufsteiger, den kleinen FC St. Pauli, beim großen HSV mit Kaltz, Keegan, Magath und Volkert im mit 48 000 Zuschauern besetzten Volksparkstadion – im ersten Hamburger Stadtderby der Bundesligageschichte. Der 3. September 1977 bot reichlich Stoff für die Geschichtsbücher. Dennoch ist der Name Kulka – im Gegensatz zum 1:0-Torschützen Franz Gerber – fast in Vergessenheit geraten. Zu schnell folgte auf den Triumph das endgültige sportliche Aus. Nur wenn das Stadtderby ansteht, wird der Held von einst von der Hamburger Journaille wieder ausgegraben. Dann klingelt sein Telefon. Dann darf er seine Sieges-Geschichte erzählen.

Fußballprofi: „Ja, das war mein Traum“, sagt Kulka. Er ist ein echter Schenefelder Jung. Hier geboren und aufgewachsen, bis heute in der Stadt verwurzelt. Er kickte bei Blau-Weiß und absolvierte eine Lehre als Technischer Zeichner bei dem Unternehmen Lange. Seine Eltern leben in Schenefeld. Sein Bruder auch. Bei Blau-Weiß sorgte er als Stürmer für Furore. „Mein Vater bot mir für jedes Tor eine Mark“, erinnert sich Kulka an seine Jugend zurück. „Ich erzielte in einer Saison 77 Tore.“ Er grinst. Die Anekdote erzählt er gern.

Der schnelle Stürmer schaffte den Sprung in die Hamburger Auswahlteams. Bei Lehrgängen stach er hervor. 1974 lockte ihn der damalige Zweitligist FC St. Pauli ans Millerntor. Im Juli 1976 bekam er seinen ersten Profivertrag. Doch über die Joker-Rolle kam das Talent zunächst nicht hinaus. „Ich sollte verkauft werden. Doch mein Trainer Diethelm Ferner glaubte an mich, traute mir den Sprung in die Bundesliga zu. Ich wollte mich durchbeißen.“

Er biss – und wie: Ferner machte aus dem Stürmer einen offensiven Mittelfeldspieler. Für Kulka 1977 der Durchbruch im Bundesligateam der Kiez-Kicker. Beim 3:1-Saisonauftaktsieg gegen Bremen spielte er 20 Minuten. „Beim 0:1 gegen Braunschweig mit Paul Breitner stand ich erstmals in der Startelf.“ Das war am dritten Spieltag. Kulka machte seine Sache so gut, dass er beim Stadtderby Felix Magath ausschalten sollte. „Nie mehr gegen Kulka, hat der nach dem Spiel gesagt. Ich renne ihm zu viel.“ Ein bisschen Stolz schwingt in seiner Stimme noch mit.

Auf Lehrgang bei Bundestrainer Helmut Schön

Der Schenefelder war auf dem Höhepunkt seiner so jungen Karriere. Bundestrainer Helmut Schön wurde auf den torgefährlichen Mittelfeldspieler aufmerksam, lud ihn zu einem Lehrgang ein. Sechs Wochen später kam das Spiel in Frankfurt. Kulka ist keiner, der lamentiert, der jammert, der sich seines Lebenstraumes beraubt fühlt. „Es ist, wie es ist“, sagt er lakonisch. „Ich kann es nicht ändern.“ Hätte, Wenn und Aber haben in seinem Kopf wenig Platz. Nur ganz selten fragt er sich, wie sein Fußballmärchen ohne Verletzung weiter gegangen wäre. Wie es wäre, im heutigen Event-Fußball Profi zu sein. „Da bekommt doch jeder, der dreimal die Außenlinie hoch und runter läuft einen Millionenvertrag. Das ist irgendwie schon bitter.“

Kulka musste sich mit 23 Jahren eine neue Existenz aufbauen. Erst ein Bürojob. Dann kam er in einem Baumarkt in Norderstedt unter. Zunächst als Aushilfsfahrer. Heute ist er in der Holzabteilung tätig. Seit 30 Jahren hält er dem Unternehmen die Treue. Vom Fußball hat er sich weitgehend verabschiedet. Er fotografiert gern.

Doch im Dezember wird er wieder die Weihnachtsfeier des FC St. Pauli besuchen. Mit ein paar alten Helden-Kollegen über alte Zeiten reden, über die Bundesliga quatschen. Vielleicht erzählt er den Jüngeren seine Geschichte, die des tragischen Helden, des Vergessenen, der aber immer ein Stück St. Pauli-Historie bleiben wird. 1:0: Es dauerte 34 Jahre bis St. Pauli den HSV im Volkspark wieder besiegen konnte. Kulka sah zu, als der neue St.Pauli-Held Gerald Asamoah traf.

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