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Schenefelder Tageblatt

21. August 2017 | 10:52 Uhr

Ein Quäntchen Glück am Sterbebett

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ehrenamt Die Pinnebergerin Anja Beeck engagiert sich beim Hospizdienst / Aktuelle Betreuung im Seniorenheim in Schenefeld

Sterben gehört zu den letzten Tabuthemen. Mit der eigenen Vergänglichkeit wollen die meisten Menschen lieber nicht konfrontiert werden. Warum entscheidet sich dann jemand dafür, Sterbende oder ihre Angehörige ehrenamtlich zu begleiten?

Die Pinnebergerin Anja Beeck (48) hilft seit 13 Jahren Menschen, den letzten Weg zu gehen. Zurzeit betreut die Sterbegleiterin einen Schenefelder. Der schwerkranke Mann kann nicht mehr sprechen. Trotzdem freut er sich über die wöchentlichen Besuche in der Seniorenresidenz. Die Kommunikation sei zunächst schwierig gewesen. „Mittlerweile kann ich seine Stimmung aber ganz gut einschätzen“, berichtet Beeck. Er reagiere sehr sensibel auf die Umwelt. So habe sie gelernt, seine Mimik richtig zu deuten. Meistens liest sie ihm Krimis vor. Der Fall in Schenefeld sei jedoch nicht typisch für eine Sterbebegleitung, sie ähnele eher einem Besuchsdienst, da unklar ist, wie lange sich sein gesundheitlicher Zustand noch hält.

In den meisten Fällen unterstützt Beeck Menschen, die nur noch wenige Wochen oder Monate zu leben haben. Auch Angehörige nehmen ihre Dienste in Anspruch. Eine gleichzeitige Betreuung sei aber nicht möglich. „Da kann es schnell Interessenskonflikte geben.“ In diesem Fall müsse ein weiterer Betreuer her.

Zum ersten Mal in Kontakt mit der Sterbebegleitung kam die zahnmedizinische Verwaltungshelferin, als ihre Mutter an Krebs erkrankte und Beeck die Begleitung selbst in Anspruch nahm. „Mir hat das damals gut getan, dass sich jemand meine Sorgen angehört hat. Keiner sollte in dieser Situation allein sein.“ Sie sei vom nahenden Tod der Mutter überfordert gewesen, habe durch die Gespräche gelernt, damit umzugehen. „Ich habe die Hand meiner Mutter gehalten, als sie starb. Ich habe gefühlt, wie die Wärme aus ihrer Hand glitt.“ Dadurch habe sie den Tod ganz anders realisiert. „Das halbe Jahr war insgesamt eine sehr intensive Begleitung. Wir konnten uns bewusst verabschieden und ich hatte das Gefühl, sie nun gehen lassen zu können.“

Nach einem Jahr der Trauer beschloss sie, die Ausbildung als Sterbebegleiterin, organisiert von der Hospizdienst Pinneberg und Uetersen, zu absolvieren und anderen zu helfen. Ein bis zwei Betreuungen übernimmt sie jährlich. Zwischen den Begleitungen pausiert Beeck. „Um aufzutanken“, wie sie sagt. Eine Pause nach einem Trauerfall sei notwendig, um genügend Abstand zu bekommen und innere Stärke zu entwickeln, sagt die Pinnebergerin.

Jede Begleitung sei anders. „Es gibt da keine Standards.“ Manchmal werde sie akut gerufen, andere Fälle betreut sie über Monate. „Manchmal wollen die Patienten über das Sterben reden. Oder über Ängste, die sie haben. Andere haben keinen Kontakt zu ihrer Familie und wollen sich aussprechen. Dann motiviere ich sie, das auch zu tun.“ Vielen Sterbenden helfe es, sich mit einer außenstehenden Person auszutauschen. „Sie wollen die Angehörigen nicht damit belästigen oder die sind zu nah dran.“

An einen ihrer ersten Fälle erinnert sich die 48-Jährige noch genau. Eine Frau lag im Sterben. „Die ganze Familie war da und es war eine unglaubliche Unruhe in dem Raum. Ich habe mir erstmal viel Zeit für die Frau genommen. Dann kehrte Ruhe ein.“ Die Sterbende erläuterte der Begleiterin, was sie noch alles erledigen müsse. „Ich sagte ihr, sie müsse gar nichts. Sie solle in sich hinein horchen und das tun, was ihr gut tut.“ Die ganze Nacht blieb Beeck bei der Sterbenden, bis diese ihre Augen für immer schloss. „Hinterher war ich von mir selbst beeindruckt, wie souverän ich mit der Situation umgegangen bin. Es gelang mir, meine Empfindungen und meine eigene Meinung zurückzuhalten.“ Solche Erfahrungen seien zwar bewegend, aber doch anders als bei einem nahestehenden Menschen. „Eine gewisse Distanz ist wichtig.“

Entscheidend bei den Begleitungen sei, auf die Bedürfnisse der Sterbenden einzugehen. „Dann kann man ihnen noch ein Quäntchen Glück mitgeben.“ Wenn jemand eine Currywurst essen oder eine Zigarette rauchen will, sollte man diese Wünsche erfüllen.

Das Schwierigste an ihrer Tätigkeit? „Ich finden daran gar nichts schwierig“, sagt sie nach einem kurzen Schweigen. Angst vor dem Tod habe sie keine. „Es ist für mich ein Kreislauf, der sich wieder schließt. Es gibt kein Leben ohne Sterben.“ Im Umgang mit der Sterblichkeit sei sie viel offener geworden. „Dinge, für die ich kein Verständnis hatte, finde ich jetzt schön.“ Bespielsweise wenn die Toten liebevoll gewaschen und Blumen in die Hände gelegt werden.

Früher seien die Toten noch zu Hause aufgebahrt worden, heute sei das Sterben anonymer, häufig im Krankenhaus oder im Heim. „Keiner kann das Sterben verhindern, aber man kann das Drumherum gestalten.“ Beeck würde sich wünschen, dass der Umgang mit Tod und Schmerz offener wird. Im Trauercafé in Pinneberg, wo sie auch mithilft, habe sie oft erlebt, dass Freunde und Angehörige den Kontakt zu Trauernden scheuen. „Mir wurde berichtet, dass Nachbarn sogar die Straßenseite gewechselt haben.“ Dabei gebe es für die Dauer der Trauer kein Rezept. „Manche meinen, nach drei Monaten muss es auch gut sein.“ Das stimme aber nicht. Vielen würden Gedanken an die Verstorbenen helfen. „Die Erinnerung ist ein Fenster, durch das ich jemanden sehen kann, wann ich will. Ich denke gern an meine Verstorbenen. Das tut mir gut“, hat Beeck festgestellt. „Viele scheuen sich heute davor, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Dabei muss das jeder – irgendwann.“

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www.hospizdienst-pinneberg.de

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erstellt am 22.Feb.2017 | 16:25 Uhr

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