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Schenefelder Tageblatt

15. Dezember 2017 | 01:48 Uhr

Schenefeld : Durch die Spiel-Hölle gegangen

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Aktionstag Glücksspielsucht: In Schenefeld gibt es seit 2003 eine Selbsthilfegruppe. Awo verteilt Info-Flyer in Spielhallen.

shz.de von
erstellt am 25.Sep.2014 | 10:00 Uhr

Schenefeld | Es gibt einen Weg zurück aus der Hölle. Stefan (37) und Dietmar (49) haben ihn gefunden – und sind ihn gegangen. Er ist steinig, beschwerlich, gefährlich. Die beiden Schenefelder sind spielsüchtig. Halt finden sie in der Selbsthilfegruppe der Arbeiterwohlfahrt. „Sie ist fester Bestandteil meines Lebens geworden“, sagt Stefan.

Seit drei Jahren war er nicht mehr in der Spielhalle. Früher, in seiner „heißen Phase“, ging er täglich in die „Zocke“. Er fütterte die Automaten mit Geld. Stunde um Stunde. Bis er nichts mehr hatte. „In sechs Wochen habe ich 10.000 Mark verspielt“, sagt der 37-Jährige. Über 20 Jahre war er in der Spiel-Hölle gefangen. Er hat gegen die Automaten gekämpft, versucht, sie zu überlisten. Er hat den Adrenalin-Kick gesucht. Brauchte immer mehr davon.

Dietmar hat 30 Jahre lang gespielt. „Es hat etwas Rauschhaftes. Man denkt an nichts mehr“, beschreibt der Kaufmann seine Spielwelt. Er hat den Wert eines Einfamilienhauses verzockt, war jahrelang hoch verschuldet.

Marin Witte ist heute, am Aktionstag gegen Glücksspielsucht, unterwegs. Der Koordinator der regionalen Fachstelle für Glücksspielsucht im Kreis Pinneberg verteilt in Schenefelder, Rellinger und Halstenbeker Spielhallen Info-Flyer, um auf die Gefahren des Glücksspiels und die Schenefelder Selbsthilfegruppe hinzuweisen.

„Spielsucht entwickelt sehr schnell etwas Zerstörerisches. Das betrifft die Familie, den Arbeitsplatz, das soziale Umfeld“, sagt Witte. 57 Spielsüchtige hat die Fachstelle – landesweit gibt es sieben – im Kreisgebiet 2013 betreut. Abhängige Spieler gibt es Schleswig-Holstein zwischen 3500 und 10.000. „90 Prozent unserer Klienten spielen an Automaten“, sagt Witte.

Auch Stefan und Dietmar trieb ihre Sucht in die Spielhallen. Es blinkt. Es funkelt. Es klimpert. Die Geschwindigkeit des Spiels ist atemberaubend. Der Macht der Maschine waren die beiden gnadenlos ausgeliefert. „Es ging gar nicht mehr ums gewinnen“, sagt der 49-Jährige. Oft war er bis 5 Uhr morgens in der Spielhalle, ging von dort direkt zur Arbeit. Kontrollverlust und Zwang: Zwei Kriterien, die Sucht ausmachen.

Spielen war als Sucht lange gar nicht anerkannt. Das ist heute anders. Spielhallen sind über die Steuer Einnahmequellen für die Städte und Gemeinden. Die „Daddelautomaten“ hängen auch in Kneipen. 310 Einwohner kommen in Schleswig-Holstein auf ein Spielgerät. Bundesweit Platz zwei. Zum Vergleich: In Brandenburg kommen 672 Einwohner auf ein Spielgerät.

„Die Spieler werden immer jünger“, hat Witte beobachtet. Laut der Hamburger „Schulbus-Erhebung“ berichten zehn Prozent der Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren von regelmäßigem Spielen mit Geld.

Spielsucht zieht laut Witte die höchste Kriminalitätsrate nach sich. „Ich habe geklaut, gelogen und betrogen, um an Geld zu kommen“, sagt Stefan. Der Spieler sah damals nur einen Ausweg, um seiner persönlichen Hölle zu entkommen: Suizid. „Die Rasierklinge hatte ich an meinem Arm schon angesetzt.“ Der beherzte Faustschlag eines Freundes hat ihn gerettet.

Stefan hat reagiert. Sechs Wochen war er in der Suchtklinik, danach in der stationären Nachsorge. Die Schenefelder Selbsthilfegruppe besucht er jeden Mittwoch. Er spielt nicht mehr, ist raus aus dem Teufelskreis. Dennoch: Stefan weiß um die Gefahr eines Rückfalls. „Die Sucht“, sagt Witte, „steckt tief in einem drin. Man bleibt bis zu seinem Lebensende süchtig.“

Die Schenefelder Selbsthilfegruppe „Spiel-Hölle“ trifft sich jeden Mittwoch von 19 bis 20.30 Uhr in den Räumlichkeiten der Awo-Suchtberatung im Papenmoorweg 2. Es ist eine offene Gruppe. Die Teilnahme ist ohne Anmeldung möglich. Suchttherapeut Martin Witte von der Fachstelle Glücksspielsucht der Arbeiterwohlfahrt ist unter der Nummer 0160-96500546 erreichbar.
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