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Schenefeld : Dorothea Wunderlich schreibt über ihre bewegte Vergangenheit

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Kindheit und Jugend in Ostpreußen, Flucht, Ankunft in Schenefeld: Dorothea Wunderlich hat ihre Erinnerungen aufgeschrieben.

Schenefeld | Der Ranzen anfangs viel größer als der Rücken stapfte sie jeden Tag mehr als eine Stunde zur Schule – hin und zurück. „Das machte uns nichts“, erzählt Dorothea Wunderlich und lacht. Überhaupt seien sie viel zu Fuß gegangen, damals in Ostpreußen – und zwar gern. Im Winter durch den Schnee. Dann wurden die nassen Schuhe und Strümpfe in der Schule vor den großen Ofen gestellt, „und für den Rückweg waren sie wieder trocken“.

Das Leben im kleinen ostpreußische Dorf Corjeiten, das nur zehn Kilometer von der Ostsee entfernt lag. Wo alle Männer auf dem Gutshof arbeiteten. Und wo „kein böses Wort“ fiel, wenn die Kinder den Weidenzaun zerschnitten, um die Rodelbahn zu verlängern: Wenn die 86-jährige Schenefelderin von ihrer ersten Heimat erzählt, wird’s spannend.

Das findet auch ihre Enkelin Janina, die der Großmutter besonders gern zuhört. „Du erzählst das alles so schön. Das darf nicht vergessen werden, schreib es auf“, riet sie ihr. Wunderlich tat’s – und schrieb. Erst in Kladde, dann in Reinschrift. Etliche Blätter, dichtbedruckte Schreibmaschinenseiten kamen dabei heraus. Detailgenaue Schilderungen der Kindheit und Jugend in Ostpreußen. Und noch einmal packende Geschichten über Umstände und Erlebnisse der Flucht.

Die Enkelin nahm die Blätter als Anschauungsmaterial mit in den Unterricht. „Soll dir ’nen schönen Gruß vom Lehrer bestellen. Er sagt: eins“, meldete sie zurück. „Da hab ich mich riesig drüber gefreut“, sagt Wunderlich und lacht.

In Schenefeld kam Wunderlich am 1. November 1946 an – knapp 18 Jahre alt. Eltern und Bruder waren bereits da. Sie lebten in einem Zimmer in der Blankeneser Chaussee. „Als Flüchtling, wenn du nichts hast und nichts kannst, war’s schon hart am Anfang“, erzählt sie. Dicke Bretter mussten sie durchbohren, viel Geduld aufbringen, viel arbeiten, um Kontakt zu den einheimischen Schenefeldern zu bekommen. „Nachher dann hatten wir aber sehr guten Kontakt.“

Weil es keine Landfrauenschule gab, fing Wunderlich in der Baumschule an. 25 Pfennig die Stunde, 56 Stunden die Woche: „Damit man die Karte und Fleisch bekam.“ Ihren Mann lernte sie auf dem Handballplatz kennen. Sie interessierte sich für den Sport, wollte ihn vielleicht anfangen, er stand verletzt am Rand. Wunderlich lacht bei dem Gedanken an die erste Kontaktaufnahme.

1949 heirateten die beiden. Durch ihren Mann, einen Einheimischen, habe sie als Flüchtling noch besser Anschluss gefunden. Schenefeld war damals ein Dorf, erzählt Wunderlich. Da gab’s noch kein Hochhaus, keinen Kreisel, kein Stadtzentrum. Doch sie betont: „Die Veränderungen sind zum Guten.“ 1975 starb ihr Mann. Heute lebt Wunderlich mit Lebensgefährtem, Tochter und Schwiegersohn unter einem Dach. Ihr Rezept: „Wir haben noch nie Streit gehabt, weil wir einander akzeptieren.“

Erinnerungen aufschreiben, das fiel der Ostpreußin nicht schwer. Denn die 86-Jährige hat bereits Erfahrung im Dokumentieren: 30 Jahre war Wunderlich im Vorstand des Schützenvereins tätig. Hier verfasste sie eine Chronik. Und auch für den Campingplatz, den sie seit 50 Jahren besucht, schrieb sie auf, wie alles begann.

Drei Kinder, vier Enkel – alles Schenefelder: Wunderlich ist in der Stadt nicht nur gut angekommen. Sie ist hier seit langem verwurzelt.

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erstellt am 20.Sep.2014 | 10:00 Uhr

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