Die Bequemlichkeit hat gesiegt : Die Videothek an der Friedrich-Ebert-Allee macht dicht

Alles muss raus: Inhaber Kilian Krause verkauft in dieser Woche den gesamten Bestand.
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Alles muss raus: Inhaber Kilian Krause verkauft in dieser Woche den gesamten Bestand.

Geschäftsaufgabe: Kilian Krause schließt am Sonntag, 2. April, seine Videothek an der Friedrich-Ebert-Allee.

shz.de von
29. März 2017, 13:30 Uhr

Schenefeld | Eine ganze Branche wird in die Knie gezwungen. Seit Jahren sterben die Videotheken bundesweit. Der Gang zum Verleiher um die Ecke gehört für viele Kunden der Vergangenheit an. Heute wird online gestreamt und heruntergeladen. Jetzt hat es auch Schenefeld erwischt: Die Empire-Videothek an der Friedrich-Ebert-Allee öffnet am Sonntag, 2. April, seine Türen zum letzten Mal. Damit steht die Siedlung ohne Post da. Denn dort war auch ein DHL-Shop ansässig.

Laut dem Interessenverband des Video- und Medienhandels Deutschland ist die Zahl der Videotheken bundesweit von 4173 im Jahr 2007 auf 936 im Jahr 2016 gesunken. Auch in Schleswig-Holstein ist der Trend eindeutig: Im Jahr 2007 gab es noch 139 Videotheken, 2016 waren es nur noch 41.

Bis dahin wird abverkauft. Für die Hälfte des Preises oder weniger. Überall in den Gängen stehen Kisten mit DVDs und Blu-Rays. Der Hamburger Kilian Krause (52) und sein Team versuchen, möglichst, alles unter die Leute zu kriegen. Der Rest soll online und auf Flohmärkten verkauft werden. Krause hat die Videothek vor sechs Jahren übernommen. Zudem betreibt er in Hamburg den Filmgarten. Dort hat er ein Club-System aufgebaut. Für einen festen monatlichen Betrag kann man dort Filme leihen. So will er dem Videothekensterben trotzen. Die Branche sei in den vergangenen Jahren immer härter geworden, berichtet der Hamburger.

„Wenn man nicht selbst im Laden steht, ist das ein Verlustgeschäft“, sagt er. In den vergangenen sechs Jahren sei der Umsatz in Schenefeld jedes Jahr um 20 Prozent gesunken. Obwohl täglich laut Krause etwa 300 Kunden – auch wegen der Post – vorbeischauen, reicht der Umsatz nun nicht mehr aus. Krause arbeitet hauptberuflich in der Computerbranche. Für den Cineasten war die Videothek eine Herzensangelegenheit. Eine Herzensangelegenheit, die sich nicht mehr lohnt in Zeiten von Amazon Prime, Sky und Netflix. Angefangen habe die Krise durch die illegalen Streamingportale. Dann kamen die legalen Plattformen dazu. „Die Power-User, die sofort die neuesten Filme sehen wollen, sind alle abgewandert. Und das macht etwa 50 Prozent des Umsatzes aus“, sagt Krause. „Die zahlen online genauso viel, manchmal sogar mehr, brauchen aber nicht mehr loszulaufen.“ Diese Bequemlichkeit habe schon etlichen Videotheken das Geschäft verhagelt. Jetzt trifft es ihn.

Für Krause hat aber auch die Politik versagt. Es sei möglich, illegale Streaming-Seiten zu sperren. In Frankreich werde dies erfolgreich in der Praxis umgesetzt. Nur in Deutschland sei die Politik zu zaghaft, setze sich nicht durch. „Das hat den Videobereich kaputtgemacht. Der Staat hat nicht aufgepasst.“ Die Industrie trage aber auch dazu bei. Er schlägt vor, Filme nur drei Monate zu streamen, um das Geschäft vor Ort zu stärken.

Krause geht davon aus, dass in ein bis zwei Jahren die meisten Videotheken geschlossen werden. „Das hängt immer von der Dauer des Mietvertrags ab“, sagt Krause trocken. „Dass die Videotheken schließen, ist nicht nur für mich schlimm, sondern bedeutet auch das Ende des guten Films“, glaubt der Betreiber. Er sagt der Filmbranche dieselbe Entwicklung voraus, die auch die Musikbranche ereilt hat. Wie bei den Tonträgern werde der Verkauf von DVDs sinken. „Gehen Sie doch mal zu Media Markt oder Saturn. Da gibt es kaum noch ein Angebot.“ Die Tantiemen beim Streamen seien deutlich geringer. Die Folge sei, dass deutlich weniger Art-House-Filme produziert werden. Die Branche werde sich auf Blockbuster konzentrieren, die sicher Geld in die Kassen spülen. „Die Videotheken trifft es zuerst. Aber das wird weitergehen“, prophezeit der Hamburger. Wer die Geschäfte vor Ort nicht unterstützt, trage generell dazu bei, dass das Angebot im Bereich Einzelhandel und Dienstleistungen sinkt. „Wir müssen uns als Menschen überlegen, ob wir noch shoppen oder online gehen wollen.“ Für den DHL-Shop in der Siedlung gibt es derzeit noch keinen Nachfolger. Laut Pressesprecher Martin Grundler ist die Post auf der Suche nach einem neuen Partner. Sobald jemand gefunden ist, werde dort dann auch ein Briefkasten aufgestellt.

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