„Die Natur hat immer die Hosen an“

Katja Just genießt das Halligleben zwischen Ebbe und Flut.
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Katja Just genießt das Halligleben zwischen Ebbe und Flut.

Interview: Die Münchenerin Katja Just lebt seit fast 20 Jahren auf Hallig Hooge / Lesung am 31. Mai in Schenefeld

shz.de von
14. April 2018, 16:00 Uhr

Wie ist es, auf einer Hallig zu leben? Mit etwa 100 Bewohnern, die stürmische Nordsee vor der Tür und Scharen von Zugvögel, die Rast machen im Wattenmeer. Katja Just kann viel darüber erzählen. Am Donnerstag, 31. Mai, liest die 43-Jährige in der Schenefelder Stadtbücherei aus ihrem Buch „Barfuß auf dem Sommerdeich“. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet sie von ihrem Leben auf Hallig Hooge, den Problemen nach ihrem Umzug aus München und den Vorzügen dieses besonderen Alltags.

Frage: Wie sind Sie zum ersten Mal mit der Nordsee in Berührung gekommen?
Katja Just: Als Kind. Wir haben hier früher selbst Urlaub gemacht, da war ich sechs oder sieben Jahre alt. Wir haben die ganzen Sommerferien auf der Hallig verbracht.


Hatten Sie damals schon die Idee, dort zu leben?
Ja, als Kind habe ich das schon gesagt. Ich fand es so toll hier, das war im Grunde genommen ein großer bunter Bauernhof. Dann zog aber zuerst meine Mutter mit meinem Stiefvater vor 25 Jahren her, weil es sich so ergeben hatte. Ich bin dann im Oktober 2000 nachgezogen. Ich habe meine Eltern mit meinem damaligen Lebenspartner zusammen besucht. Dadurch ist der Plan entstanden. Er wollte eine Familie gründen, dachte ans Heiraten. Ich habe gesagt: Ja, gern, aber nicht in München, sondern auf der Hallig.


Wie hat sich Ihr Leben verändert, seitdem Sie auf die Hallig hingezogen sind?
Ich bin fast 20 Jahre hier. Ich habe die intensivere Zeit oder die lehrreichere Zeit auf der Hallig verbracht. Die ersten 25 Jahre habe ich in München gelebt, als Kind und Jugendliche, und das war toll und aufregend. Ich bin ins Berufsleben eingestiegen, aber heute habe ich ein ganz anderes Leben als selbstständige Vermieterin. Damit hatte ich vorher überhaupt keine Berührungspunkte.


Was haben Sie vorher gemacht?
Ich war bei der Lufthansa Technik AG im Flughafen als kaufmännische Angestellte. Ich war dort für die technischen Auszubildenden zuständig. Mein Arbeitsplatz war wesentlich größer als mein heutiger Lebensmittelpunkt. Allein rein flächenmäßig ist der Münchner Flughafen riesig.

Wohnen Sie nun mit Ihrem Mann und Kindern auf der Hallig?
Nein. Mein Partner hat sich damals anders entschieden. Der Plan war eigentlich perfekt. Kurz vor knapp hat er aber gesagt, dass er doch nicht mitkommt, sondern in München bleibt. Deshalb habe ich mich entschieden, alleine zu gehen. Meine Eltern sind, nach und nach, nach Husum gezogen und ich habe den Betrieb und das Haus komplett übernommen. Ich wohne seitdem alleine in meinem Haus.

Mit welchen Problemen hatten Sie damals zu Beginn zu kämpfen?
Das war eigentlich nur das emotionale oder die emotionale Last. Mich von dem sogenannten perfekten Plan zu lösen, das was wir uns gedanklich aufgebaut hatten, davon loszulassen, das war eigentlich meine größte Schwierigkeit. Das Thema Kinder war für mich erstmal ad acta gelegt. Alles andere hat sich zurecht geschaukelt.

War die Eröffnung Ihres Betriebs als Selbstständige nicht ziemlich risikoreich?
In gewisser Weise ja. Das ist auch immer noch so, weil ich von zwei Ferienwohnungen lebe. Manch einer mag vielleicht sagen, das war naiv, von einem festen Angestelltenverhältnis in die Selbstständigkeit zu wechseln und sich auf zwei Ferienwohnungen zu konzentrieren. Aber auf der anderen Seite gewinne ich eben sehr viel Lebensqualität. Das ist für mich der Ausgleich, auf den es ankommt.

Warum ist die Lebensqualität auf der Hallig so viel höher?
Die Welt der Halligen ist tatsächlich einzigartig. Das ist nicht nur ein Schnack, sondern das ist tatsächlich so. Es gibt nur noch weltweit zehn Halligen und die sind hier. Außerdem kann ich hier im größten Chaos sein, im größten emotionalen Stress sein oder viel Anstrengung um mich herum haben, sobald ich rausgehe, fängt mich die Natur wieder ein. Das kenne ich sonst nur von den Bergen.

Was schätzen Sie besonders an dem Leben auf der Hallig?
Die Selbstständigkeit in einem einzigartigen Lebensraum.


Man spricht ja manchmal von dem Inselkoller, hatten Sie den schon?
Dadurch, dass wir eine Hallig sind und keine Insel, können wir den Inselkoller gar nicht haben. Aber selbst den Halligkoller habe ich nicht. Es gibt das ein oder andere, was ich gern mal spontan machen wollen würde. Ein kulturelles Angebot, Freunde treffen, mal in die Berge fahren, irgendwie so was. Das fehlt mir, mal mehr mal weniger. Natürlich geht mir auch der ein oder andere Nachbar mal auf den Keks. Mir fehlen auch Igel im Garten. Aber das ist nichts Existenzielles. Dass ich wirklich das Gefühl habe, ich muss hier weg, das habe ich noch nie gehabt.

Haben Sie ein anderes Verhältnis zur Natur entwickelt?
Ich hatte zum Glück immer schon ein enges Verhältnis zur Natur, weil das bei uns in der Familie auch so war. Es war immer schon Tierkontakt da und die Liebe zu Gartentieren, also auch zu Vögeln aller Art. Das hat sich verstärkt. Ich bin mir dessen bewusster geworden, was hier für Vögel durchziehen, rasten und brühten. Da habe ich sehr viel dazu gelernt. Ich bin noch mal für die Natur sensibilisiert worden und für das, was es bedeutet, in dieser Umgebung leben zu dürfen. Aber auch dadurch, zu erfahren, dass die Natur letztendlich, Gott sei Dank, immer die Hose an hat, nicht der Mensch.

Haben Sie schon eine Sturmflut erlebt?

Die letzte große Sturmflut war Xaver, das war vor vier Jahren. Das ist schon sehr beeindruckend. Erstmal ist es anstrengend. Die Vorbereitung, darauf zu achten, dass wirklich alles sicher und fest ist. Wie sieht es mit den Bäumen ums Haus herum aus? Wie sieht es mit den Dachpfannen auf den Nachbarhäusern aus? Und die Ruhe nach dem Sturm zu erleben, das ist auch beeindruckend.

Wie unterscheidet sich der Menschenschlag auf der Hallig?
Ich entdecke eher Parallelen als große Unterschiede. Ich erlebe bei den Bayern und bei den Friesen ganz genauso, die Heimatverbundenheit. Beide können sehr stur sein und zunächst sehr zurückhaltend. Aber wenn man einen Weg gefunden hat, dann passt es.

Empfinden Sie die Touristenmassen auch mal als anstrengend?
Klar, natürlich. Ich habe im Grunde genommen jeden Tag Gäste im Haus, zum großen Teil fremde Menschen, direkt über mir in der ersten Etage. Wenn man sich zu bestimmten Zeiten auf der Hallig mittags an Orten aufhält, zum Beispiel dem Anleger oder der Hanswarft, da rauschen 500  Menschen vorbei. Aber man darf halt nie vergessen: Wir, oder eher ich, leben vom Tourismus. Das sind meine Kunden.

Sind Sie selbst auf die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben?
Ich hätte niemals den Mut gehabt, ein Buch herauszubringen. Der Verlag ist über michgestolpert und hat mich angesprochen, weil die Geschichte interessant ist und sie gerne ein Buch mit mir machen wollten.

Was erwartet die Zuhörer der Lesung in Schenefeld?
Ein kleines Stück Auszeit. Ein Spaziergang über den Sommerdeich, währenddessen man etwas über das Halligleben erfährt, über das Halligleben und die Hallig an sich. Auch einen Moment der Stille. Sich überhaupt damit auseinanderzusetzen. Wann habe ich das letzte Mal wirklich Stille erlebt und was bedeutet Stille für mich.


Wie sehen Ihre weiteren Planungen aus?
Große Schritte mache ich gedanklich nicht. Ganz bewusst nicht. Wenn ich zu viel darüber nachdenke, wie sich das weiterhin entwickeln kann in den nächsten zwanzig Jahren, von zwei Ferienwohnungen zu leben, dann sieht das gar nicht so dolle aus. Das macht auch manchmal Sorge bis Angst. Und deshalb habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden, gar nicht mehr in großen Schritten zu denken, sondern wirklich, soweit es geht, von heute auf morgen das zu genießen, was ich habe, was ich lebe und was ich leisten kann. Langfristig ist es aber schon der Plan, auf Hooge zu bleiben. Und wer weiß, vielleicht bekomme ich auch irgendwann noch mal die Chance, ein zweites Buch raus zu bringen. Das ist eine tolle Motivation und trägt dazu bei, dass ich das Leben hier leben kann.





















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