„Der Weg ist das Ziel“

Am Sonne-Mond-See in Taiwan (von links): Minh Nguyen, Nathalie Repenning und Ophelia Loree.
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Am Sonne-Mond-See in Taiwan (von links): Minh Nguyen, Nathalie Repenning und Ophelia Loree.

Die 25-jährige Nathalie Repenning berichtet über ihre beeindruckenden Erlebnisse in Japan, Taiwan und der Mongolei

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31. August 2018, 16:37 Uhr

Die Schenefelderin Nathalie Repenning berichtet in ihrer Reisereportage von ihren kürzlichen Erlebnissen während eines Auslandssemesters in Asien. Derzeit schreibt die 25-Jährige ihre Masterarbeit. Mittelfristig möchte sie aber wieder zurück nach Asien.

23. Februar 2018, Taipei: Millionenstadt im kleinen Land Taiwan am anderen Ende der Welt, heftiger Regen, gefühlte Außentemperatur 15 Grad, im 24-Stunden Supermarkt 7-Eleven am Roosevelt Boulevard versagen meine zwei Kreditkarten. In dem Moment ist alles zu viel – entsetzt und fassungslos kann ich die Situation nicht begreifen. Ich will nicht verstehen, weshalb Taiwan, das doch mein grandioses Auslandssemester sein sollte, so hart zu mir ist. Ich habe noch umgerechnet 5 Euro Bargeld bei mir und die Deadline, bis 17 Uhr eine Internetgebühr zu zahlen, um meinen Studentenausweis der National Taiwan University (NTU) zu erhalten. Im Strom der Verzweiflung ist die junge Verkäuferin ein rettendes Boot – sie leiht mir nicht nur genug Geld für die Gebühr, sondern noch mehr für Essen bis Montag. Später an diesem Samstagnachmittag schaffe ich es dank Whatsapp und Freunden, das Kreditkartenproblem zu lösen.

Unwissende Vorbereitungen Januar 2017, Hamburg. Sechs Jahre sind vergangen, seit meinem Working Holiday Jahr in Kanada. Jetzt zog es mich wieder in die Ferne. Die Zusage für ein Auslandssemester fällt auf Taiwan. Meine Freude riesig, als die Zusage der NTU kommt.


Staunend in Japan

10. Februar 2018, 14:35 Uhr, Flughafen Hamburg, Start des Emirates-Fluges EK060. Mein Abenteuer beginnt. Am 12. Februar, 18:30  Uhr lande ich am Flughafen Tokio-Narita. Hier treffe ich eine Freundin, die mich eingeladen hat, bei ihr zu wohnen. Zusammen und mit ihren Ratschlägen erkunde ich das südliche Japan: der majestätische Mount Fuji, die Millionenstadt Tokio mit ihren Parks, Manga-Vierteln, Wolkenkratzern und Katzencafés, das dagegen traditionell anmutende Kyoto, wo Geishas im Kimono auf Plateauflipflops über die Straßen trippeln und ich im Hostel mit Vincente um 22  Uhr Misosuppe esse. In Nara die Rehe vom Tempel streicheln, hinter der Küstenstadt Enoshima am Strand entlanggehen und den großen Buddha in Kamakura bewundern. Japan zeigt sich vielfältig, im Februar noch winterkalt, doch sonnig und einladend. Das Essen ist ein Traum. Zehn Tage verfliegen.

Verliebt in Taiwan

Am 22. Februar 2018 Abflug nach Taipei, das mich mit heftigstem Regen empfängt. Bis ich es vom Flughafen zum Studentenwohnheim geschafft habe, sind drei Stunden vergangen. Nass, verschwitzt und erschöpft, muss ich erst noch Papiere ausfüllen und eine Matratze kaufen, bevor ich nach einer Dusche ins Bett falle. Rückblickend war ich im ersten Monat hauptsächlich damit beschäftigt, mich zurechtzufinden und anzukommen. Erst das Erlebnis des Lantern Festivals in Taipei am 27.März mit zwei japanischen Freudinnen und der anschließende gemeinsame Ausflug in den Yangmingshan National Park stellen den Wendepunkt dar. Ab da geht es stetig aufwärts. In meiner Spring Break reise ich per Zug über den Sonne-Mond-See und der alten Hauptstadt Tainan bis zum Lotussee in Kahosiung und erfahre mehr über die Kultur des Aytal-Stamms bei einem Camp in Wulai. Ich lerne Menschen kennen, von denen einige Freunde und Bekannte werden, erlebe mit Freunden Orte wie die magischen Klippen in Hualien, Sonnenaufgang am Elefantenfelsen und blaues Meeresleuchten unterm Sternenhimmel auf den Matsu-Islands. Herrliches Essen, noch schöner ob der Gesellschaft, zum Beispiel mit Gossip Girl-Nostalgie mit Chinesen oder Europapolitik-Debatten mit Briten und US-Amerikanern. Seltsam dagegen mutet es mir an, als ich meiner Thai-Freundin den deutschen Nationalsozialismus erkläre, um ihr bei einer Seminararbeit zu helfen.

So sind es nicht nur diese besonderen Momente, auch der Alltag in Taiwan ist anders. Oder bin ich es nur? Natürlich ist der Status als Austauschstudent ohne akute Geldsorgen privilegiert, dennoch, ich bin glücklich hier, glücklich wie nie zuvor. Hitze, Schwüle, Regenfälle, stärkere Luftverschmutzung von hunderten Motorrädern und die stete Geschäftigkeit und Geräuschkulisse, mein Glück umfasst auch diese Bestandteile. Ich habe das Gefühl, wie Hermes Flügel an den Fersen entwickelt zu haben, stärker zu sein, bin verändert durch Taiwan und die Erlebnisse hier.
Schneller als gedacht, kommen die Endexamen und schon ist der Tag der Abschiedsessen und –fotos gekommen. Nervosität setzt ein. Mein nächstes Abenteuer steht an: Reiten in der Mongolei.


Unvergessliche Mongolei

Ich lande am 29. Juni 2018 um 22 Uhr Ortszeit in der Mongolei. Das Land zwischen Russland und China empfängt mich mit einer herrlich frischen Luft, einem goldenen Mond, dreimal so groß wie bisher gesehen. Am nächsten Nachmittag Kennenlernen der anderen Teilnehmer der organisierten Tour: Britta, Amandine, Natalie und unseren Guide Handa, offen, fröhlich und entspannt. Tags darauf geht es hinaus aus der Stadt und am Abend schlagen wir unsere Zelte auf. Wir begegnen dem Rest des Teams: den beiden Fahrern Dembre und Nara, dem Koch Batra sowie Tume und Tomco, zwei „Horsemen“ und acht Pferden. In den nahezu unberührten Weiten der grünen mongolischen Steppe, wo es keine Zäune oder Mauern gibt. Tanzen und Singen am Lagerfeuer, Kartenspiele und manchmal einfach nur Gespräche und gegenseitiges Fotobetrachten. Statt eines Weckers blöken morgens Schafe und ich schlafe ein und höre fernes Hufgetrappel. Es ist Friede und Lebendigkeit, einfach und doch so besonders. Zehn Tage sind im Windhauch vorbei und die Rückkehr nach Ulaanbaatar mit Wifi und Strom mutet beinahe einem Kulturschock an. Am nächsten Tag noch ein gemeinsamer Besuch des Nadaam-Festivals, pünktlich zum traditionellen Pferderennen. Es ist eine einzigartige Erfahrung und, wie Britta treffend zusammenfasst: Wir sind wegen der Pferde und dem Nadaam-Festival gekommen und am Ende sind es die Menschen, die uns am nachhaltigsten beeindruckt haben. Und wenn ich mich auch in Taiwan verliebt habe, ist das Highlight meiner Reise die Mongolei, die für mich fortan unvergessen und golden bleibt.

Entspanntes Bali

Mein abschließender Bali-Aufenthalt besteht aus weißem Strand und Meer, herrlichen tropischen Früchten und Inselausflügen.

Verändert nach Deutschland 23. Juli 2018, 7 Uhr, Dubai International Airport, Knotenpunkt für Fernflüge. Am Gate B35 startet ein Flug nach Tokio. Mein Herz ist gespalten im Vermissen der zurückliegenden 128 Tage, einer Zeit, so intensiv und prägend, dass sie einen Wendepunkt in meinem Leben markiert, und gleichzeitig in Glück und Dankbarkeit für all die schwierigen und schönen Momente und Erlebnisse. Ich bin weiter gegangen, als je zuvor und habe mehr gefunden, als ich je erwartet hätte. Jetzt ist es Zeit, zurück zu kehren, die Masterarbeit wartet. Eine Stunde später Abflug vom Gate B35 nach Hamburg. Vorfreude auf Deutschland und Freunde. Die Gewissheit, nach meinem Universitätsabschluss nach Asien zurückzukehren. Frei nach Konfuzius: „Der Weg ist das Ziel.“

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