zur Navigation springen
Schenefelder Tageblatt

18. November 2017 | 09:30 Uhr

„Als Fischfutter zu enden, wäre okay“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Interview Der Hamburger Till Raether liest zum Finale der Krimitage am 3. November / Beim Schreiben blickt er in eigene Abgründe

shz.de von
erstellt am 28.Okt.2017 | 16:21 Uhr

Das Finale der Schenefelder Krimitage steht an: Der Hamburger Till Raether liest am Freitag, 3.  November, im Juks aus seinem neuen Schmöker „Neunauge“. Für Ermittler Adam Danowski geht es zurück an die Schule: In den Kellern werden mumifizierte Leichen entdeckt. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet Raether, warum sich Schenefeld für eine Entführungsgeschichte bestens eignen könnte, und wie er seinen eigenen Tod inszenieren würde.

Frage: Was erwartet die Zuhörer bei der Lesung dieses Jahr?

Till Raether: Es geht um den gleichen Kommissar, Adam Ganovski. Letztes Jahr war er an der Nordsee, dieses Jahr spielt die Geschichte in Hamburg und Umgebung an Schulen. Es werden in verschiedenen Kellern Leichen gefunden. Die Schwierigkeit ist, nicht zu viel zu verraten. Ich möchte die Atmosphäre rüber bringen und über die Entstehung des Buches erzählen.

Wie würden Sie Ihren eigenen Tod in einem Buch inszenieren?

Das ist schwierig zu beantworten. Es ist ja auch ein bisschen peinlich, wenn man so hilflos und unattraktiv aussieht. Aber ich glaube, ich fände eine Leiche, die kaum noch zu erkennen ist, gut (lacht). Es ist wirklich makaber. Ich hab’ mich auch mit Mumifikation beschäftigt. Wenn dann die Haare so rötlich werden und die Haut bräunlich zusammenschrumpelt, ist das auch nicht so das Wahre. Ich finde die Vorstellung, von den Fischen angenagt zu werden, also so als Fischfutter zu enden, okay.

Wie sind Sie auf den aktuellen Plot gekommen?

Meine Kinder gehen in die Schule, das weckt Erinnerungen in mir an meine eigene Schulzeit. Ich hatte vom Literaturhaus eine Einladung bekommen, gemeinsam mit einer Schulklasse in Tondorf einen Roman zu schreiben. Das war eine tolle Erfahrung für mich, weil es eine Herausforderung war, eine Schulklasse zu unterrichten. Die Generation ist ganz anders als meine.

Inwiefern ist die Generation anders?

Die Jugendlichen waren wahnsinnig fantasievoll. Aber die Ideen kamen, was logisch ist, aus der Computerwelt mit Computerspielen. Es ging um Hacker angriffe, Viren, Youtuber. Es war eine völlig andere Erlebniswelt, aus der die Ideen kamen. Zu meiner Zeit kamen die Ideen aus Büchern, Nachrichten, Fernsehen. Die Gesamtschüler waren wahnsinnig konstruktiv und aufgeschlossen. Als wir in dem Alter waren, war ich so: „Boa ey – no future“ und bloß mit keinem reden. Alles war total scheiße. Man hat ja immer das Gefühl, die Kinder hängen nur vor dem Smartphone und werden verpestet von dem ganzen Internet. Aber ich hatte das Gefühl, die wachsen mit einer ganz anderen Neugier auf. Ich denke, die werden mit so viel Input konfrontiert, dass die gar nicht anders können, als aufgeschlossen und interessiert darauf zu reagieren.


Sie sind Journalist und Autor. Was ist der Größte Unterschied für Sie beim Schreiben?

Man kann das eigentlich gar nicht vergleichen. Beim Roman arbeitet man Monate lang an einer Geschichte und denkt sich Einiges aus. Für mich steht die Zeit still. Man fällt für einige Wochen oder Monate aus der Welt raus. Ich recherchiere zuerst und danach verschwinde ich in meiner eigenen Welt. Während ich das Buch schreibe, rede ich auch mit keinem darüber. Die journalistische Arbeit ist eigentlich das genaue Gegenteil. Da kommen zehn Prozent von mir und 90 Prozent von anderen Leuten mit denen ich arbeite. Man führt eher Sachen zusammen und findet etwas heraus. Das Komische am Schreiben als Krimiautor ist, dass man in einer Welt verschwindet, die nur aus einem selber rauskommt.

Wenn Sie sich bei der Kriminalpolizei bewerben würden, welche Vorzüge würden Sie anbringen?

Ich wäre tatsächlich früher gern Journalist, Lehrer oder Kriminalpolizist geworden. Mein Onkel war Kriminalpolizist. Ich habe bestimmt einige Eigenschaften nicht, die man als Kriminalpolizist braucht, die würde ich dann verschweigen. Aber ich glaube, Journalisten und Kriminalpolizisten haben die Eigenschaft gemeinsam, dass sie Sachen, die scheinbar nicht zusammenpassen, zusammenfügen und Verknüpfungen herstellen. Und länger über Sachen nachzugrübeln und zu überraschenden Schlüssen zu kommen. Die Dienstzeiten, Gefahren und eventuelle körperliche Auseinandersetzungen wären nichts für mich.
Wo in Schenefeld könnte einer Ihrer Kriminalromane spielen?

Tatsächlich habe ich scherzhaft mal gesagt: Der nächste Krimi könnte in Schenefeld spielen. Ich denke über eine Entführungsgeschichte nach und die Zwischenposition, die Schenefeld hat, einer der wenige Teile wo Hamburg und Schleswig-Holstein vom Stadtbild zusammenwachsen, ist spannend. Ich spiele in einer Band mit und letztens waren wir bei jemandem, der in Schenefeld ein Tonstudio hat. Ich fand das sehr inspirierend, weil es ein kleines abgelegenes Haus war. Für mich wäre es ein idealer Ort, wo ein Entführungsopfer versteckt wird. Schenefeld ist eine eigene Welt, die aber doch räumlich der Großstadtwelt nah ist. Für den Krimi sind Welten, die den Übergang darstellen, ideal.
Wie recherchieren Sie, um die Polizeiarbeit darzustellen?

Mit Polizisten aus meiner Verwandtschaft habe ich mir Sachen erklären lassen. Die Pressestelle der Polizei beantwortet einem Detailfragen und ich arbeite auch viel mit Fachliteratur. Um allem ein bisschen einen realistischen Rahmen zu geben, lese ich Fallanalysen.

Ist Ihr Ziel, nah an der Realität sein ?

Nein. Das wäre ein Anspruch, dem ich nicht gerecht werden möchte. Ich versuche, so viel zu recherchieren, dass die Geschichte nicht unrealistisch wird und nicht darunter leidet, dass sie völlig ausgedacht ist. Aber ich kann das nicht alles realistisch wiedergeben. Mein Cousin, der Polizist ist, meinte, wenn man das alles realistisch wiedergeben wollen würde, dann würde die Arbeit der Polizisten zu 90 Prozent aus Aktenbesprechungen und langweiliger Büroarbeit bestehen.

Wie erzeugen sie Spannung?

Ich schreibe immer aus unterschiedlichen Blickwinkeln und versuche so zu erzählen, dass der Leser dadurch immer ein bisschen mehr als die Figur weiß, bei der er gerade ist. Ich arbeite auch schamlos mit Cliffhangern. Zum Beispiel, wenn jemand gerade Bewusstlos geschlagen wurde, fängt das nächste Kapitel damit an, dass zwei Personen Kaffee zusammen trinken.

Wieviel von Ihnen fließt in die Figuren ein?

Überall fließt ein bisschen ein, weil man über Sachen schreibt, die man kennt. Und die Figuren können Dinge tun, die man sich selbst im normalen Leben nicht so traut. Der Kommissar zum Beispiel neigt immer zu so einer Gereiztheit. Und das lasse ich im Alltag nicht so wirklich raus, weil ich ein erträglicher, angepasster, freundlicher Mensch bin. Es ist auch so ein Ausleben von den eigenen Wunschvorstellungen oder Fantasien. Es gibt viele Eigenschaften der Bösen, bei denen ich als Autor auch in meine eigenen Abgründe gucke.


Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen