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Altersheim in Jevenstedt Schwere Vorwürfe gegen Diakonie wegen geplanter Gebührenerhöhung

Von Lars Friedrich | 03.11.2017, 10:58 Uhr

Bewohner des Seniorenhauses Jevenstedt sollen erneut mehr zahlen. Ex-Landtagspolitiker Günter Neugebauer spricht von einem Skandal.

Die Bewohner des Seniorenhauses Jevenstedt sollen künftig deutlich mehr für Unterkunft und Betreuung zahlen. Der Heimbetreiber, die Diakonie Kropp, plant eine erneute Anhebung der Pflegesätze. Das bestätigte der Theologische Vorstand der Kropper Diakonie, Pastor Jörn Engler, der Landeszeitung. Der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Günter Neugebauer bezeichnete das Vorhaben als „skandalös“ und prüft mit einem Anwalt „die Einschaltung der Staatsanwaltschaft“.

Die monatlichen Gebühren könnten für die Senioren um bis zu 428 Euro pro Monat auf 2172 Euro steigen. Das wäre ein Anstieg von beinahe 50 Prozent in einem Jahr. Bereits einen Monat nach der Übernahme der Imland-Seniorenhäuser in Jevenstedt und Eckernförde hatte die Diakonie Ende Oktober 2016 eine Entgelt-Erhöhung angekündigt. Schon damals hatten SPD-Politiker das Vorhaben harsch kritisiert.

Nun plant die Diakonie die nächste Erhöhung in Jevenstedt. „Wir haben die Bewohner darüber informiert, dass wir mit den Pflegekassen und Sozialhilfeträgern entsprechende Verhandlungen aufnehmen“, sagte Engler. Die Reaktion folgte prompt. Neugebauer, zu dessen Wahlkreis Jevenstedt gehörte, schrieb in einer Pressemitteilung: Das Vorhaben der „angeblich gemeinnützigen Diakonie Kropp“ sei „nicht nachvollziehbar“. „Jetzt beweist sich die Berechtigung der Warnungen an die Politiker des Kreistages, das Seniorenheim Jevenstedt nicht zu privatisieren und damit die Bewohner der Geldgier privater oder kirchlicher Eigentümer auszuliefern.“

Neugebauer appellierte an die Kassen und Träger, die Preisvorstellungen der Diakonie abzulehnen. Außerdem forderte er die Diakonie Rendsburg-Eckernförde und Landespastor Heiko Naß auf, sich „gegen die skandalösen Manieren zu Lasten alter Menschen“ auszusprechen.

Engler wies die Vorwürfe zurück: „Es ist keineswegs so, dass wir ohne nachvollziehbare Begründung die Pflegesätze erhöhen.“ Die Erhöhungen seien notwendig, weil die Gebühren in dem Haus unter Imland-Führung jahrelang nicht angepasst worden seien. Daher sei nicht kostendeckend gewirtschaftet worden. Für drei Seniorenheime hatte Imland 2014 einen Verlust von insgesamt 800 000 Euro ausgewiesen. Engler sagte, die Diakonie sei ein gemeinnütziger Träger, dessen wirtschaftliches Ziel die schwarze Null, also eine Rendite von bis zu einem Prozent sei. Diese werde verwendet, um die Einrichtungen weiterzuentwickeln. „Als wir die Häuser übernommen haben, haben wir nie gesagt, dass es für die Bewohner und ihre Angehörigen künftig nicht teurer wird“, sagte Engler. Verdientes Geld werde aber wieder reinvestiert.

Neugebauer hingegen bemängelte in einem Gespräch mit der Landeszeitung fehlende Transparenz: „Die Diakonie weigert sich, Zahlen zu nennen. Natürlich wird alles teurer, aber normalerweise halten sich Steigerungen im Rahmen.“ Die Diakonie lebe zu 91 Prozent von Steuergeldern, lasse sich aber nicht in die Bücher schauen. „Wir kennen nicht die Gehälter der Geschäftsführer. Wir wissen nicht, welche Dienstwagen sie fahren. Die Diakonie ist nicht mal bereit, dem Finanzausschuss des Landtags Zahlen zu liefern.“

Neugebauer stellte auch die Verhandlungsbereitschaft der Diakonie infrage. „Aus dem Kreis der AOK wurde mir vor einem Jahr erzählt, dass sich die Diakonie Kropp geweigert habe, an Gesprächen teilzunehmen.“ Daher sei letztendlich ein Durchschnittswert zur Berechnung der Heimkosten verwendet worden. „Die AOK war über dieses Verhalten empört, teilte mir aber mit, dass ihr die Hände gebunden seien.“

Die Zustände in dem Seniorenhaus hätten sich nicht verbessert, beklagte Neugebauer. „In diesem Jahr ist nicht investiert worden. Unter Imland als Betreiber wurde Essen noch frisch zubereitet, jetzt wird es nur noch warm gemacht. Nachweislich wurde nicht mal in eine neue TV-Anlage investiert.“ Nach der Abschaltung von DVB-T-Empfang hätten sich Bewohner daher neue Fernsehapparate kaufen müssen.

Die Aufregung bei den Senioren sei groß, sagte Neugebauer, dessen Mutter in dem betroffenen Haus lebt. „Das sind dort alles alte Menschen, die trauen sich natürlich nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen.“ Sollte die Diakonie die Erhöhung wie geplant durchsetzen, müssten wohl – wie vor einem Jahr – erneut einige Bewohner ausziehen, mutmaßte Neugebauer. „Aber dem Betreiber ist das egal, weil die Nachfrage leider sehr groß ist. Die Diakonie kann jeden Preis nehmen. Wenn sich die Senioren oder ihre Angehörigen die Kosten nicht mehr leisten können, aber Anspruch auf Betreuung besteht, kommt der Steuerzahler dafür auf.“

Engler verweist auf einen Angehörigenabend am 6. November: „Wir hören zu und stellen uns der Diskussion. Uns ist daran gelegen, Verständnis bei den Bewohnern zu erreichen.“ Die Vorwürfe Neugebauers seien haltlos. „Ich bin sicher, dass wir die Erhöhung gut begründen können, auch wenn uns klar ist, dass das viel Geld ist.“ Er müsse damit leben, dass nicht alle Menschen mit der Entscheidung zufrieden sein werden, sagte Engler. Das lasse ihn nicht kalt.