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Folk-Baltica Ohrenschmaus mit Polit-Botschaft

Von Sabine Sopha | 20.04.2013, 07:49 Uhr

Konzert vor 180 Zuhörern in der ACO-Wagenremise wurde zum kulturellen Höhepunkt

Wer hätte das gedacht? "Dat du min Leevsten büst" gibt es auch auf Schwedisch. Mit einer zweisprachigen Version überraschten zum Abschluss die Schweden Hazelius&Hedin und das Grenzgänger-Duo aus Bremen - und die knapp 180 Gäste in der ACO-Wagenremise sangen textsicher mit. Dieses Folk-Baltica-Konzert war ein echter Ohrenschmaus, wie ihn Folk-Freunde in der Region Rendsburg nicht alle Tage serviert bekommen.

Das musikalische Drei-Gänge-Menü war zwar leicht zu konsumieren, enthielt aber durchaus kräftige Kost. Den Anfang machten die beiden Schweden. Tunes und Polkas auf Nyckelharpa (Johan Hedin) und Mandoline (Esbjörn Hazelius) - das war virtuos. Beeindruckend war vor allem die Nyckelharpa: Schlüsselgeige lautet die Übersetzung. Gespielt wird das Instrument mit einem Bogen wie eine Geige. Die sogenannten Schlüssel ermöglichen mit einem Strich verschiedene Töne. Hedin ist ein wahrer Meister auf diesem Instrument. Seine Ausbildung hat er, wie so viele hervorragende skandinavische Musiker, an der Stockholmer Hochschule absolviert.

Viel zu schnell war die erste Stunde vergangen. Der überwiegende instrumentale Part wurde nun von Liedern auf Deutsch abgelöst. Die "Grenzgänger" waren angekündigt, die seit einiger Zeit eigentlich als Quartett touren. Warum nur zwei gekommen waren, erfuhr das Publikum leider nicht. Aber Band-Gründer Michael Zachcial und Felix Kroll ließen keine Lücke entstehen, im Gegenteil - Krolls Akkordeon-Spiel ersetzte ein ganzes Orchester. Wieder einmal ein Beweis, dass dieses Instrument zu unrecht als Quetschkommode und angestaubt angesehen wird. Wer es beherrscht, vermag ihm einen modernen Sound zu entlocken.

"Die Grenzgänger" lassen sich nicht festlegen: Sie haben eine Kinderlieder-CD gemacht und ebenso Lieder der Märzrevolution von 1920 aufgenommen. Was wie ein Widerspruch erscheint, erklärte Michael Zachcial: "In alten Kinderliedern haben wir Spuren von politischen Botschaften entdeckt." Und so gilt bei ihren Stücken: Genau hinhören. Interessant ist es, wie sehr manche Aussagen auch nach hundert Jahren nichts an Aktualität eingebüßt haben. Oder wie andere überdauert haben - beispielsweise "Dunkel war’s, der Mond schien helle", dieses herrlich widersinnige Gedicht, das die Gruppe vertont hat.

Auch Stücke von Rio Reiser hat die Gruppe im Programm. "Jetzt schlägt’s 13" hat Reiser mit seinem Bruder Bernd Möbius für das Theaterstück "Märzstürme" geschrieben, erzählte Zachcial. In diesem Zusammehang fiel der Name Claudia Roth. Mancher glaubte, sich verhört zu haben. Aber Dramaturgin des Theaterstücks war damals die spätere Managerin von "Ton-Steine-Scherben" und heutige Grünen-Politikerin.

Insgesamt war dieser Abend Spitzenklasse. Die Musiker waren aus dafür aus Schweden und Bremen angereist, die Gäste von Kiel, Eckernförde oder weiter. Ein Zuhörerin brachte es auf den Punkt: "So etwas bekommt man hier ja nicht so oft zu hören."

Konzert der Grenzgänger: "Licht ins Dunkle", So., 21.April, 15.30 Uhr; Schleswig, St.-Johannis-Kloster, Tickets: www.folkbaltica.e