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Sturm „Sebastian“ Gestrandet am Rendsburger Bahnhof

Von Lars Friedrich | 15.09.2017, 11:14 Uhr

Verbindungen nach Kiel, Flensburg und Husum waren mindestens 17 Stunden unterbrochen. Reisende füllten die Hotels in der Innenstadt.

Sturm „Sebastian“ hat am Mittwoch wortwörtlich viel bewegt, den Bahnverkehr im Kreis Rendsburg-Eckernförde legte er allerdings komplett lahm. Seit 13.30 Uhr war die Strecke zwischen Hamburg und Flensburg (RE 7) gesperrt. Bäume auf dem Gleis hatten die Oberleitung beschädigt, erklärte eine Bahn-Sprecherin gestern. „Ein Regionalzug stand in Owschlag, Fahrgäste wurden mit dem Bus weiterbefördert.“ Ein dauerhafter Ersatzverkehr mit Bussen wurde aber nicht eingerichtet. Gegen 21.30 Uhr sollte die Strecke zumindest eingleisig wieder befahrbar sein. Tatsächlich dauerte es bis zum nächsten Morgen, bevor wieder ein Zug durch Rendsburg rollte.

Noch länger dauerte die Räumung der Strecke zwischen Rendsburg und Kiel. Zunächst sei der Zugverkehr der Linien RE 74 (Kiel – Husum) und RB 75 (Kiel – Rendsburg) nur vorsorglich eingestellt worden, hieß es. Am späten Nachmittag hätten dann ebenfalls Bäume auf den Gleisen gelegen. Erst gestern Mittag fuhren die Züge wieder planmäßig.

Von den Ausfällen der drei Zuglinien waren im Kreisgebiet unter anderem die Haltestellen Owschlag, Rendsburg, Nortorf, Felde, Schülldorf, Bredenbek und Achterwehr betroffen. Der Totalausfall wurde von der Bahn nur nach und nach kommuniziert. So meldete die Fahrplanauskunft auf der Internetseite der Bahn noch bis 22.45 Uhr, dass der Zug in Richtung Flensburg um 23.10 Uhr planmäßig fahren soll. Doch dann hieß es kurzfristig wie bei allen anderen Bahnverbindungen am Mittwochabend: „Fahrt fällt aus.“ Die Bahn verwies auf Nachfrage darauf, dass man keine Verbindung als gestrichen melden wollte, solange nicht klar gewesen sei, ob ein Zug wirklich nicht fahren konnte. Leider habe die Bahn ihre Prognosen nicht einhalten können, „da die Aufräumarbeiten sehr aufwändig waren“.

Zur Frage, warum kein Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet wurde, erklärte die Sprecherin: „Leider waren Busse nicht in ausreichender Zahl verfügbar. Die wenigen verfügbaren Fahrzeuge mussten für Evakuierungsfälle verwendet werden.“ Spätabends seien allerdings wartende Reisende in Kiel und Lübeck in Richtung Flensburg/Aarhus und Kopenhagen gefahren worden.

Im Bahnhof Rendsburg stand um Mitternacht ein Zug auf Gleis drei Richtung Flensburg. Das sorgte bei einer Handvoll Fahrgäste auf dem Bahnsteig kurzzeitig für Hoffnung. Der Zug war aber verlassen und abgeschlossen. Der Bahn zufolge habe er dort gestanden, um bei einer Freigabe der Strecke zur Verfügung zu stehen. Am nächsten Morgen sei er dann für Streckenerkundungsfahrten eingesetzt worden, um zu prüfen, ob die Gleise nach Kiel frei von Hindernissen sind.

Unterdessen übernachteten gestrandete Reisende in Rendsburg in den ohnehin sehr gut ausgelasteten Hotels. Bei einer Stichprobe vermeldeten drei kontaktierte Unterkünfte in Bahnhofsnähe in der Nacht zu gestern jeweils: „Wir sind ausgebucht.“ Bahn-Kunden können sich die entstandenen Kosten erstatten lassen. Das genaue Verfahren hängt allerdings vom Einzelfall ab. Grundsätzlich ist die Bahn zur Übernahme der Kosten durch Übernachtungen und Taxi-Fahrten verpflichtet. Auch für Verspätungen und Ausfälle durch Unwetter müssen Bahnunternehmen ihre Kunden entschädigen, hatte der Europäische Gerichtshof 2013 entschieden. Auf ihrer Internetseite schreibt die Bahn, das Unternehmen übernehme Kosten bis zu 80 Euro für ein anderes Verkehrsmittel. Ob im Fall mangelnder Alternativen auch teurere Hotels oder Taxi-Fahrten bezahlt werden, wurde auf explizite Nachfrage gestern nur mit dem allgemeinen Verweis auf die gesetzlichen Fahrgastrechte beantwortet. Zuvor hatte die Kundenhotline am Mittwochabend ebenfalls nur unverbindlich Auskunft erteilt.

Verwirrung herrschte auch am Donnerstagmorgen noch. Um 5.59 Uhr stand im Rendsburger Bahnhof ein Zug auf Gleis drei. Dort fahren normalerweise die Züge nach Flensburg. Auf der Anzeigetafel am Gleis stand Flensburg, auf den Anzeigen am und im Zug stand Hamburg. Nachfrage bei einem Bahn-Mitarbeiter: „Wohin geht’s“ – „Der fährt nach Hamburg.“ – „Und der Zug nach Flensburg, der hier jetzt fahren soll?“ – „Der soll noch kommen.“ Mit 25 Minuten Verspätung fuhr nach insgesamt 17 Stunden Unterbrechung wieder ein Zug von Rendsburg nach Flensburg. Währenddessen verließen Menschen den gegenüberliegenden Bahnsteig, wie sie gekommen waren: zu Fuß. Die Strecke nach Kiel blieb noch länger gesperrt.

Und was sagt die Bahn zur ihrem Sturm-Krisenmanagement? „Alle Mitarbeiter arbeiten in diesen Situationen gemeinsam an Störungsbeseitigung, möglichst Aufrechterhaltung von Zugbetrieb und Kundeninformation. Nicht immer gelingt uns dies zur Zufriedenheit der Kunden und uns selbst.“