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Deportation polnischer Juden : Rendsburg 1938 – ein Tag, ein Bus und elf Schicksale

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Stadtgeschichtler entdeckt historische Aufnahmen der Deportation polnischer Juden am 28. Oktober 1938.

shz.de von
erstellt am 30.Okt.2017 | 12:14 Uhr

Rendsburg | Der historische Schatz liegt noch verborgen in der Aktentasche. Der Mann hält die Mappe fest in der Hand und klingelt an der Tür. Neben ihm steht seine Ehefrau. Der Hausherr öffnet und hört sich das Anliegen der Gäste an. Der Besucher erklärt, der in Rendsburg verstorbene Vater seiner Gattin sei Hobby-Fotograf gewesen und habe jahrzehntelang Szenen aus seiner Heimatstadt abgelichtet. Diese Sammlung, die fast schon im Müll gelandet wäre, habe er gerettet und biete sie nun zum Verkauf an. Der Angesprochene ist interessiert. Denn Uwe Jäckel sammelt seit Jahren Informationen zur Stadtgeschichte. Es könnte sich um spannende Dokumente handeln.

Diese Vermutung erweist sich als Volltreffer. In dem Nachlass finden sich sensationelle Zeitzeugnisse. Eine Serie von zwölf Aufnahmen zeigt die Abschiebung polnischer Juden aus Rendsburg im Oktober 1938. Es sind die bisher einzigen Fotografien, die diese sogenannte „Polenaktion“ in Schleswig-Holstein dokumentieren.

Uwe Jäckel, pensionierter technischer Offizier bei der Bundeswehr und Vorstandsmitglied in der Gesellschaft für Rendsburger Stadt- und Kreisgeschichte, ahnt allerdings lange nichts von der hohen Bedeutung der Foto-Dokumente. „Bei dem ersten Besuch hatte der Schwiegersohn des Fotografen, der Karl Frömert hieß, nur einen Bruchteil der Sammlung in der Aktentasche zur Ansicht mitgebracht.“ Der Rendsburger sichtet weitere Kartons und Alben, die bei dem Anbieter lagern. Zwei Jahre lang dauern die Verhandlungen, bis Karl Frömerts Foto-Erbschaft im Jahr 2015 den Besitzer wechselt. „Ich musste hunderte von Negativen einscannen und zuordnen“, beschreibt Jäckel den Beginn der Forschungsarbeit. Frömert, ein ehemaliger Verwaltungsangestellter im Rendsburger Rathaus, hatte die Ausbeute seiner Spaziergänge mit der Kamera weder mit Daten noch mit weiteren Hinweisen beschriftet. Wie ein Detektiv spürt der neue Eigentümer der historischen Quellen nach Angaben zu den abgebildeten Orten, Gebäuden und Personen.

Bei der Aufklärung, wie die zwölf Szenen der Abschiebeaktion einzuordnen sind, spielt der Zufall eine Hauptrolle. Uwe Jäckel liest eines Tages das neue Buch von Dr. Frauke Dettmer mit dem Titel „Bei uns war der Jude ebenso ein Mensch wie jeder andere“. Die Wissenschaftlerin schildert in ihrer Publikation die Schicksale von 39 Männern, Frauen und Kindern, die in Rendsburg als Juden verfolgt wurden. Die Volkskundlerin und ehemalige Leiterin des Jüdischen Museums Rendsburg gilt als beste Kennerin der jüdischen Geschichte in der Region. „Die Strukturen der NS-Diktatur funktionierten auch lokal, mit allen Konsequenzen“, lautet ihre Erkenntnis.

In Rendsburg, wo die NSDAP im März 1933 fast 55 Prozent erhalten hatte, wurden Menschen jüdischer Herkunft drangsaliert, in den Selbstmord getrieben und in die Konzentrationslager deportiert und ermordet. Uwe Jäckel erfährt bei der Lektüre, dass im Oktober 1938 vom Altstädter Markt in der Innenstadt die Rendsburger Juden polnischer Herkunft abgeschoben wurden, erinnert sich dabei an die Fotoserie, die er nicht deuten kann. Er zeigt die Aufnahmen der Autorin, die ebenfalls im Vorstand der Gesellschaft für Rendsburger Stadt- und Kreisgeschichte aktiv ist.

Ankunft auf dem Altstädter Markt: Das Kindermädchen Senta Bloch (Mitte) und die Kinder Heinz und Renate sind mit einem Auto in die Innenstadt gebracht worden. Ein Schutzpolizist hilft beim Aussteigen. Rechts gebückt steigt die Mutter Mathilde Seelenfreund aus dem Wagen.

Ankunft auf dem Altstädter Markt: Das Kindermädchen Senta Bloch (Mitte) und die Kinder Heinz und Renate sind mit einem Auto in die Innenstadt gebracht worden. Ein Schutzpolizist hilft beim Aussteigen. Rechts gebückt steigt die Mutter Mathilde Seelenfreund aus dem Wagen.

Foto: Sammlung Uwe Jäckel

„Ich habe auf Anhieb fast alle Personen auf den Bildern erkannt“, sagt Frauke Dettmer, die für ihr Buch zahlreiche Fotos der Verfolgten zusammengetragen hat und die Gesichter der Opfer kennt. „Alles passte zusammen.“ Die Expertin kann die zwölf Aufnahmen, die der Verwaltungsmitarbeiter Karl Frömert vor acht Jahrzehnten auf dem Altstädter Markt machte, eindeutig dem in der Sprache der Nazis kurz „Polenaktion“ genannten Vorgang zuordnen. Dabei handelte es sich um die brutale Abschiebung von rund 17.000 polnischen Juden aus Deutschland. Sie wurden über Nacht aus dem „Dritten Reich“ ausgewiesen. Diese Diskriminierungsmaßnahme des NS-Regimes gegenüber den Juden stellte einen ersten Höhepunkt der Verfolgung dar und gilt mit der darauf folgenden „Reichskristallnacht“ als ein Auftakt zu der Politik, die zur Vernichtung der europäischen Juden führte.

„In Rendsburg wurden die Betroffenen in der Nacht zum 29. Oktober, einem Sonnabend, von ihrer Ausweisung informiert. Da der Bus erst gegen Mittag abfuhr, hatten die Menschen noch Zeit, sich der Jahreszeit entsprechend anzuziehen und etwas Gepäck mitzunehmen“, weiß Frauke Dettmer. Die Fundstücke aus dem Frömert-Nachlass machen die Ereignisse anschaulich. Der Betrachter der Schwarz-Weiß-Aufnahmen sieht den Altstädter Markt. An einer Seite steht ein Bus der Firma Thordsen. Eine kleine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern ist zu Fuß oder mit dem Auto eingetroffen. Sie haben Koffer oder Handgepäck bei sich. Sie sind warm, aber nicht winterlich gekleidet, zwei Frauen tragen Halsketten. „Man könnte an einen herbstlichen Ausflug denken“, beschreibt Frauke Dettmer die Szenerie, „wären da nicht die ratlosen, besorgten und ängstlichen Gesichter und wäre da nicht die sichtbare Anwesenheit von Schutzpolizisten und Kriminalpolizei.“

Zu den Menschen, die sich hier nicht freiwillig versammelt haben, gehören elf Männer, Frauen und Kinder, die als Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit seit den 1920er-Jahren in Rendsburg lebten: Die Ehepaare Paula und Max Ring, Regina und Harry Kader sowie Mathilde und Jonas Seelenfreund mit ihren Kindern Heinz und Renate; Treitel Weisbart, Rosa Fordonski und ihr Ehemann Jakob Fordonski befinden sich in der Gruppe – „er ist der einzige, den ich nicht sicher identifizieren kann“, schränkt Dettmer ein.

Rettungsversuch: Kindermädchen Senta Bloch (links, mit Baskenmütze) versucht den Mann in Zivil mit Parteizeichen am Revers, offenbar der Verantwortliche vor Ort, zu überzeugen, dass sie als deutsche Jüdin nicht zur Gruppe gehört.

Rettungsversuch: Kindermädchen Senta Bloch (links, mit Baskenmütze) versucht den Mann in Zivil mit Parteizeichen am Revers, offenbar der Verantwortliche vor Ort, zu überzeugen, dass sie als deutsche Jüdin nicht zur Gruppe gehört.

Foto: Sammlung Uwe Jäckel

Mit der Familie Seelenfreund ist ihr Kindermädchen, die Hamburgerin Senta Bloch, eingetroffen. „Sie versucht, den Mann in Zivil mit Parteiabzeichen am Revers, der offenbar der Verantwortliche vor Ort ist, zu überzeugen, dass sie als deutsche Jüdin nicht zu der Gruppe gehört“, beschreibt die Wissenschaftlerin ein weiteres Bild der Serie. „Und der in der Wallstraße allein lebende Kaufmann Treitel Weisbart, ein Verwandter der Seelenfreunds, wollte sich vermutlich der Festnahme entziehen“, deutet die Forscherin ein entsprechendes Bild.

Zahlreiche Beobachter sind Zeugen der Abschiebung, darunter Kinder und Jugendliche, auf dem Weg aus der Schule nach Hause, mit Schultaschen und Ranzen. Es ist offenbar Mittagszeit. Marktstände säumen den Platz. Die Stadtkasse an der Nordseite des Platzes hat geöffnet. Mitarbeiter schauen aus den Fenstern, Frauen, die an den Marktständen eingekauft haben, bleiben stehen. Auch die Marktfrauen schauen zu. „Die Stimmung wirkt nicht aggressiv, manche plaudern oder lachen“, so Frauke Dettmer.

Abfahrbereit: Schutzpolizisten bewachen den Bus, der die Rendsburger Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit nach Polen abschieben soll. Rechts der Schutzpolizist Paul Gosch. Paula Ring ist durch eines der Fenster zu sehen.

Abfahrbereit: Schutzpolizisten bewachen den Bus, der die Rendsburger Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit nach Polen abschieben soll. Rechts der Schutzpolizist Paul Gosch. Paula Ring ist durch eines der Fenster zu sehen.

Foto: Sammlung Uwe Jäckel

Hetzrufe von Beobachtern wie etwa aus Hannover überliefert, gebe es offensichtlich nicht. „Die Passanten können das Geschehene wahrscheinlich nicht so recht einordnen“, vermutet die Wissenschaftlerin. „Wenn die Zuschauer auch zumindest einige der Betroffenen aus dem Rendsburger Geschäftsleben und Sportleben gut kennen dürften.“ Unter dem Publikum befinden sich auch zwei Männer in der Uniform der Freiwilligen Feuerwehr. „Vielleicht sind sie aber gar keine zufälligen Beobachter, sondern sollen eingreifen, sollte es Probleme geben.“

Begleitet von der Polizei: Der Kaufmann Treitel Weisbart (Mitte) versuchte vermutlich, sich der Festnahme zu entziehen. Er ist der einzige der zur Abschiebung versammelten Juden, der kein Gepäck bei sich hat und von einem Polizisten herbeigeführt wird.
Begleitet von der Polizei: Der Kaufmann Treitel Weisbart (Mitte) versuchte vermutlich, sich der Festnahme zu entziehen. Er ist der einzige der zur Abschiebung versammelten Juden, der kein Gepäck bei sich hat und von einem Polizisten herbeigeführt wird. Foto: Sammlung Uwe Jäckel

Karl Frömert drückt immer wieder auf den Auslöser seiner Kamera. Bild für Bild hält der Fotograf die Abschiebung fest. Als Hobby-Stadtforscher und Mitglied im Rendsburger Museumsverein ist er stets auf der Suche nach Material für seine Sammlung von Postkarten und Dokumenten zur Geschichte seiner Geburtsstadt. „Warum Frömert an diesem Sonnabend, 29. Oktober 1938, diese Szenen abgelichtet hat, wissen wir nicht“, sagt Frauke Dettmer. „Vielleicht ist er zufällig als Spaziergänger am Altstädter Markt vorbeigekommen. Vielleicht wusste der Verwaltungsangestellte aber auch von der Aktion.“ Denn er war im Rathaus tätig, wo auch die Kriminalpolizei und die Schutzpolizei, die bei der Abschiebung Hand in Hand arbeiteten, ihre Büros hatten. „Aber eins ist sicher“, betont die Volkskundlerin, „aus Mitgefühl hat der Zeitzeuge ganz sicher nicht seine Bilder gemacht.“

Das letzte Foto zeigt den abfahrbereiten Bus. Deutlich ist Paula Ring durch ein Fenster zu sehen. Die Gruppe wird auf ihrer Reise nach Polen von dem Kripobeamten Willy Tramm begleitet. „Außer ihm können wir von den Tätern mit Hilfe von Material aus dem Stadtarchiv noch Max Stehl, Mitarbeiter der Verwaltungspolizei, und den Schutzpolizisten Paul Gosch erkennen“, berichtet Frauke Dettmer und hofft, dass sie durch die Veröffentlichung der Fotos weitere Hinweise erhält.

Was die Männer, Frauen und Kinder im Bus nicht wissen können: Die Abschiebung der polnischen Juden aus Schleswig-Holstein scheitert. Es gab offenbar bürokratische Pannen, die dazu führten, dass die Aktion zu spät eingeleitet wurde. Die polnische Grenze war mittlerweile geschlossen. Die Menschen durften in ihre Wohnungen zurückkehren. Auch der Busfahrer aus Rendsburg dreht an der Grenze wieder um und die Fahrt endet irgendwann nach Mitternacht wieder an ihrem Ausgangsort.

Es vergehen jedoch nur einige Monate, bis die Menschen im Sommer 1939 endgültig ausgewiesen werden. Von der elfköpfigen Gruppe vom Altstädter Markt überleben nur die beiden Kinder Renate und Heinz Seelenfreund sowie ihr Onkel Treitel Weisbart. Paula und Max Ring, Regina und Harry Kader und Mathilde und Jonas Seelenfreunde werden in Auschwitz ermordet. Jakob und Rosa Fordonski kommen ebenfalls in den Lagern um.

„Die aufgetauchten Fotos sind einmalig“, ordnet Frauke Dettmer den Zufallsfund ein. Es seien die bisher einzigen Aufnahmen, die die „Polenaktion“ in Schleswig-Holstein zeigen. Vergleichbare Bilder gebe es bisher nicht – abgesehen von Boykottfotos und Bildern zerstörter Synagogen und Wohnungen. „Die Mehrheit der Fotos, die erhalten geblieben sind, zeigen private und familiäre Szenen oder Porträts aus dem Fotoatelier.“ Doch die Dokumente aus dem Nachlass des Rendsburgers halten einen historischen Tag für die Nachwelt fest und geben wichtige Hinweise zur Maschinerie des NS-Staates. Die Bilder erinnern daran, dass schon vor der „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 die Verfolgung der Juden einen ersten Höhepunkt erreichte. „Das ist im allgemeinen Bewusstsein kaum verankert“, weiß Dettmer. Dabei könne die „Polenaktion“ durchaus als logistische „Generalprobe“ für die späteren Deportationen gesehen werden.

Erstmals sei eine massenhafte Ausweisung von Menschen reichsweit organisiert worden. „In Rendsburg vollzog sich diese Deportation in aller Öffentlichkeit.“ Das Fahrzeug sei nicht etwa abseits in einer Seitenstraße am frühen Morgen oder späten Abend bereit gestellt worden. Im Gegenteil: Zur hellen Mittagszeit an einem belebten Sonnabendvormittag, direkt im Zentrum der Stadt werden die Opfer von der Polizei zum Abtransport geführt. „Die Aktion scheint auffallend ruhig abzulaufen“, sagt Frauke Dettmer. Kein Passant fragt nach. Niemand mischt sich ein. Geräuschlos verschwinden die Menschen, die seit Jahren zum Rendsburger Leben dazugehörten, aus der Stadt. Über der Frontscheibe des Busses prangt das Wort „Sonderfahrt“.

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