Tierreich : Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

<p>Nichts als das Gerippe und ein Stück weiter auf der Wiese das Fell und die Eingeweide des Schafs sind übriggeblieben.</p>

Nichts als das Gerippe und ein Stück weiter auf der Wiese das Fell und die Eingeweide des Schafs sind übriggeblieben.

Gerissenes Schaf in Tangstedt weckt Furcht bei der Bevölkerung. Experten klären auf / Angriff in Polen wirft neue Fragen auf.

shz.de von
14. Juli 2018, 11:10 Uhr

Tangstedt / Pinneberg | „Kann ich mein Kind jetzt noch bedenkenlos mit dem Fahrrad durch die Feldmark fahren lassen?“, fragt ein besorgter Vater aus Tangstedt, nachdem bekannt wurde, dass ein Schaf etwa 500 Meter außerhalb des Ortes in Richtung Bönningstedt von einem Wolf gerissen wurde. Er ist mit seinen Bedenken nicht allein.

Da ist sie wieder, diese uralte Angst vor dem bösen Wolf. Erinnerungen an Grimms Märchen werden wach: Rotkäppchen und die sieben Geislein lassen grüßen. Noch älter sind die Fabeln, in denen Tieren menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden, die sogenannte Personifizierung. Und da ist Isegrim gierig, rücksichtslos, böse und für seine Lügen berüchtigt. Kein Wunder also, dass die Angst vor diesem Tier so tief sitzt.

„Das ist unberechtigt“, versichert Jens Madsen, Koordinator der Wolfsbetreuung in Schleswig-Holstein. Seit etwa 20 Jahren gebe es wieder Wölfe in Deutschland, auch in dichter besiedelten Gebieten, ohne dass es je zu einer riskanten Begegnung zwischen Menschen und dem Tier gekommen wäre. „Auch Kinder werden als Mensch wahrgenommen. Es zählt der Geruch, nicht die Größe“, betont Madsen. Wer kleine Kinder unbeaufsichtigt durch den Wald stromern lasse, bekomme wohl eher ein Problem mit dem Jugendamt als eines mit Wölfen.

Der pensionierte Forstdirektor und Wolfs-Experte Hans-Albrecht Hewicker aus Bullenkuhlen bekräftigt ebenfalls, dass es keinen Grund zur Angst gebe. „Auch im Kreis Pinneberg gab es schon Mensch-Wolf-Begegnungen aus nächster Nähe“, berichtet er. Doch selbst bei so kurzen Entfernungen wie vier oder fünf Metern hätte noch keins der Tiere Aggressionen gezeigt. „Das normale Verhalten ist Erschrecken und Flucht, eventuell bei jungen Tieren zunächst noch Neugier.  Aber selbst dann bleiben sie nur einen Moment lang stehen und flüchten dann“, sagt er.

Ganz anders sei die Lage jedoch, wenn Spaziergänger nicht, wie gesetzlich vorgeschrieben, ihre Hunde im Wald und in der Feldmark an der Leine führten. „Ein Wolf gibt dann dem Hund klare Signale: ,Hau ab!‘. Tut er das nicht, kann das tatsächlich gefährlich werden für den Hund“, erklärt Madsen. Das bestätigt Hewicker: „Der Wolf sieht im Hund einen Konkurrenten“, warnt er die Besitzer und ermahnt sie gleichzeitig eindringlich, ihre Tiere grundsätzlich  anzuleinen.

Der aus Polen bekannt gewordene Fall eines Wolfes, der drei Menschen gebissen hat, beschäftigte auch Hewicker. „Bei diesem Tier besteht der Eindruck, dass er zusammen mit Menschen aufgewachsen ist“, erklärt der Experte. Dies sei unter anderem daran festzumachen, dass das Tier sehr kurze, abgenutzte Krallen gehabt habe. „Das bedeutet, dass er überwiegend auf Beton, Zement oder auch Fliesen unterwegs war – also in Menschennähe“, erläutert Hewicker. Deshalb habe er auch wenig Scheu vor den Zweibeinern gezeigt und sei sogar während eines Jahrmarkts hinter der Pommes-Bude auf Nahrungssuche gewesen.

„Möglicherweise war er so habituiert, dass er in freier Wildbahn gar nicht hätte überleben können“, sagt Hewicker. Dazu passe auch, dass der erste Angriff auf einem Campingplatz passiert sei: Dort war gegrillt worden und die Überreste lockten das Raubtier an. „Ein weiterer Hinweis darauf, dass er Menschen gewohnt war, ist die Tatsache, dass er ein Kind ins Bein gebissen hat – also eben nicht töten wollte“, erklärt Hewicker. Bereits nach dem ersten Angriff sei dieser Wolf zum Abschuss frei gegeben, jedoch nicht mehr aufgefunden und erst einige Tage später tatsächlich getötet worden.

Wie bereits die Bönningstedter Jagdpächter, in deren Fotofalle der Wolf vor einigen Wochen gelaufen war, bestätigten, hat es zwischen Quickborn und Rellingen in der Zeit vor der Erkenntnis, dass in der Tat ein Wolf in der Gegend unterwegs ist, vermehrt Wildunfälle gegeben. „Das waren 13 überfahrene Rehe in nur zwei Wochen – so viel, wie sonst das ganze Jahr über“, berichtet Hewicker. Der Geruch des neuen Feindes sei den hier lebenden Tieren unbekannt, sie gerieten darauf hin in Panik und würden „kopflos“ die Flucht ergreifen. „Das ist jedoch eine Frage der Gewöhnung. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass das Wild lernt zu erkennen, ob ein Wolf oder sogar ein ganzes Rudel auf der Jagd ist oder nicht“, erläutert der Experte.

Immerhin könnten Wölfe auf ihren nächtlichen Streifzügen bis zu 70 Kilometer zurücklegen. „Vermutlich pendelt das Tier zwischen Eiderstedt/Dithmarschen und dem Kreis Pinneberg: Werden an dem einen Ort Tiere gerissen, ist am anderen Ort Ruhe“, so Hewickers Erfahrung.

Landwirten, die Schafe oder auch Kälber auf Weiden halten, empfiehlt er, die Nutztiere mit Zäunen gut zu sichern. „Schafe stehen normalerweise nicht auf dem Speiseplan des Wolfs, die Hauptnahrungsquelle ist Wild. Das können Rehe, Hasen und auch Mäuse sein“, erläutert Hewicker. Seien Schafherden unzureichend gesichert, lerne der Wolf jedoch sehr schnell, dass hier keine großen Jagdanstrengungen notwendig sind, um an Nahrung zu gelangen. „Einmal gelernt, werden Wölfe immer findiger, die Einzäunungen zu überwinden. Das haben wir in Sachsen schon erlebt“, berichtet der Fachmann. Besser sei es, von vornherein Informationen über mögliche Sicherungsmaßnahmen einzuholen und umzusetzen.

Für Werner Zorn, den Landwirt und Hobby-Schafzüchter aus Tangstedt, dessen Schaf gerissen wurde, ist der Rat kaum umzusetzen. „Die Behörde hat mir für vier Wochen einen Elektrozaun angeboten, später wurde das dann auf drei Monate ausgeweitet. Und dann?“, fragt er. Die 2,5 Hektar große Wiese mit einem Knotengeflecht-Zaun zu versehen, würde ihn mehrere 1000 Euro kosten. „Das kann und will ich nicht. Ich mache doch keinen Hochsicherheitstrakt aus meiner Wiese“, sagt Zorn.  Nun müsse er wohl seine Herde verkleinern und an einem anderen Ort unterbringen. „Die Tiere standen dort seit 20 Jahren. Als kleiner Junge wurde ich losgeschickt, um auf dieser Wiese Nutztiere zu tränken – das würde ich mich heute als  Kind nicht mehr trauen“, so seine Bedenken.

Grundsätzlich stelle sich ihm  die Frage: „Brauchen wir hier den Wolf? Passt das in unsere Zeit?“. Zorn meint nein, denn Lebensumstände, Siedlungsdichte und Kulturlandschaften seien nicht mehr vergleichbar mit der Zeit, als Wölfe hier heimisch waren. „Wir haben hier außerdem viel zu wenig Wald – da passen Wölfe nicht hin“, ist er überzeugt.

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