Unterwäsche in luftiger Höhe

<strong>Der Lichtkünstler Tobias Zaft</strong> und seine Frau Zijuan Zaft statteten gestern dem Offenen Atelier in Quickborn einen Besuch ab.  Mit auf dem Sofa: Atelier-Hund 'Luna'.<foto>erdbrügger</foto>
Der Lichtkünstler Tobias Zaft und seine Frau Zijuan Zaft statteten gestern dem Offenen Atelier in Quickborn einen Besuch ab. Mit auf dem Sofa: Atelier-Hund "Luna".erdbrügger

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11. Januar 2013, 01:14 Uhr

Quickborn/Hamburg | In China ist er schon ein Superstar der Kunstszene. In Europa steht er womöglich vor dem ganz großen Durchblick: Tobias Zaft (31). Ab Montag will er in Hamburg mit seiner neuen Lichtinstallation "Dresscode" für Furore sorgen. Dort wird er ein 30 Meter langes Stahlseil in 16 Meter Höhe über die Mönckebergstraße spannen lassen. Zwischen dem Levantehaus und der gegenüberliegenden Straßenseite. Daran hängen Wäschestücke aus Acrylglas, die von innen mit LEDs beleuchtet werden - ein Spektakel, hinter dem allerdings eine tiefere Bedeutung steckt. Die Vernissage beginnt um 18.30 Uhr.

Gestern waren Tobias Zaft und seine charmante Frau Zijuan Zaft (38) zu Besuch in Quickborn. Beide leben und arbeiten hauptsächlich in Peking. Aber: Jedes Jahr halten die beiden sich mehrere Wochen in der Eulenstadt auf. Die Familie wohnt hier. Sein Vater, Edwin Zaft, ist selbst Künstler und führt das Offene Atelier an der Kieler Straße. Der junge Künstler ist auch in Quickborn gemeldet, hierhin lässt er auch seine Post schicken. Weilt er in China, hält er den Kontakt mit der Eulenstadt: "Über Skype unterhalten wir uns mit Tobias in Peking, Shanghai oder Tokio häufiger als mit unserem Sohn in Hamburg", sagt Edwin Zaft.

Die Familie hat den Berufswunsch von Tobias Zaft, als freier Künstler zu arbeiten, von Anfang an gefördert und unterstützt. "Seine Begabung war schon als Kind und in der Grundschule sichtbar - selbst ein Laie konnte das erkennen", sagt sein Vater stolz. Tobias Zaft, der fließend Chinesisch und Englisch spricht, winkt ab. Das müsse ja nicht in die Zeitung. Er ist hochkonzentriert. Trinkt Tee. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Tablet, auf dem er den digitalen Entwurf von "Dresscode" zeigt. Der PC - auch er gehört wie Stift, Pinsel und Papier zum Instrumentarium eines modernen Künstlers.

Tobias Zaft berichtet über seine Vita und sein Kunstthema: "Der Mensch in seiner Umgebung." Nach dem Studium der Freien Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, wo er seine Frau kennen lernte, kommt er über ein Stipendium nach China, wo er an der Central Academy of Fine Arts Beijing studiert.

Vor drei Jahren erregte seine Videoinstallation "Ding, Gang, Chui" auf den Fassaden der Hochhaus-Türme des Jinchangan-Towers in Peking weltweit Aufsehen (wir berichteten): Jeden Tag sind auf dem Gebäude die Umrisse von zwei Händen zu sehen, die " Schere, Stein, Papier", wie es bei uns heißt, gegeneinander spielen. "In einem chinesischen Spielfilm sieht man sie sogar im Hintergrund, und auch in einem Werbetrailer über China, der am Times Square gezeigt wird, ist sie zu sehen", sagt er.

In Asien hat er sich damit seine ersten Meriten verdient. Inzwischen kann er auch von seiner Arbeit leben: "Früher waren die Fürsten die Mäzene der Kunst", sagt Tobias Zaft. Heute seien es teilweise die multinationalen Unternehmen.

Auf acht bis zwölf Projekte kommt Tobias Zaft jedes Jahr. Jüngste Werke: Sein Objekt "Fragile", ein getunter Getränkeautomat, und seine Raum-/Licht-Installation "Flexipolis", für die Fritz Langs Filmklassiker Metropolis" (1927) als Inspiration diente, ein Highlight auf der Messe "Design Week" in Peking.

Warum arbeitet er in Asien? "China gibt mir die zur Arbeit nötige Inspiration als Gegenmodell zum westlichen Weltbild", sagt er. In China hat er in den Metropolen die riesigen Flächen von Hochhäusern, die er für seine Lichtinstallationen braucht. Die Chinesen seien unbürokratischer, schneller zu begeistern und durch persönliche Kontakte besser zu erreichen.

Reinreden lässt er sich indes nicht. "Meine Arbeiten entstehen intuitiv. Es geht um die Idee dahinter", sagt er. Wie bei seinem neuen Lichtkunstwerk. "Ich will damit die Grenze vom Privaten zum Öffentlichen überschreiten. Öffentliche Räume werden heute von Politik und Wirtschaft gestaltet. Je weiter die Entwicklung eines Landes voranschreitet, desto austauschbarer ist es. Übrig bleibt eine kalte, sterile Atmosphäre", sagt Tobias Zaft. Bis zum 28. Februar wird er in Hamburg mit "Dresscode" auf künstlerische Weise dagegen angehen.

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