Spur der Trauer in Totenkopf-Rot

Das Team mit dem Pinsel bildete jeweils die Nachhut: Catalina Zukowsky (von links), Joris Dommel, Finn Kunzendorf und Tom Bellhäuser.
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Das Team mit dem Pinsel bildete jeweils die Nachhut: Catalina Zukowsky (von links), Joris Dommel, Finn Kunzendorf und Tom Bellhäuser.

Schüler des Elsensee-Gymnasiums begeben sich auf Erinnerungsmarsch für die Menschen, die im KZ Springhirsch ums Leben kamen

shz.de von
07. September 2018, 16:45 Uhr

Caput Mortuum („Totenkopf“) ist eine bläulich-violette Farbe, die an geronnenes Blut erinnert. Der historische Rot-Ton, den Alchemisten im 15. Jahrhundert erstmals aus Pigmenten herstellten, symbolisert Trauer, Qualen und Leid. Seit gestern zieht sich eine Caput-Mortuum-Spur von Quickborn nach Kaltenkirchen. Alle 50 bis 70 Meter malten Schüler des Elsensee-Gymnasiums (ESG) eine Zahl auf den linken Rad- und Fußweg. Mit dem Erinnerungsmarsch „Spurenlegung 192+“ gedachten sie der mehreren Hundert Menschen, die im Konzentrationslager Springhirsch, eine Außenstelle des KZ Neuengamme und heute Gedenkstätte, elendig ums Leben kamen. Die Aktion mündete gestern am frühen Nachmittag in die Eröffnung einer von den Schüler konzipierten Ausstellung mit dem Titel „Erinnerungsräume“ eröffnet.

Wie eine Blutspur solle die Zahlenreihe wirken, sagte Kunstlehrerin Laila Unger, die den Marsch der Schüler zusammen mit ihrem Kollegen Harald Kocks (Geschichte) begleitete. Die Schüler hätten damit einen ganz eigenen und sehr angemessenen Weg gefunden, das Thema begreiflich zu machen. „Es ist unheimlich schwer, den Schrecken des Genozids mit Mitteln der Kunst darzustellen. Das ist nur wenigen Künstlern gelungen“, so Unger. Entsprechend groß seien die Vorbehalte und Ängste gewesen, als die Schüler das Projekt vor einem Jahr starteten. Damals waren sie in der 10. Klasse. Die Jugendlichen konzentrierten sich deshalb auf Videoinstallationen.

Für Unger ist diese Form der Auseinandersetzung nicht zuletzt ein Weg, um die Schüler aus der gewohnten Unterrichtsroutine zu holen und die Erinnerungskultur zu pflegen. „Die Schüler haben nicht zuletzt mit Hilfe der Präsentationen verstanden, dass es hier um etwas sehr Ernstes geht.“ Und so nahmen sie auch die Mühe auf sich, ihre Ausstellung von der Quickborner Volkshochschule nach mehr als einem halben Jahr in die Gedenkstätte zu verlegen. „Sie mussten umdenken, denn in den ehemaligen Lagerräumen stehen keine weißen Wände zur Verfügung. Dort ist alles viel unruhiger, die Objekte müssen sich in einen vorhandenen Ausstellungsrahmen einfügen“, sagte die Kunstlehrerin.

192 Opfer, Häftlinge aus verschiedenen Nationen, sind namentlich bekannt. Viele Hundert andere haben dagegen keinen Namen. Für sie hinterließen die Schüler hinter jeder Zahl ein Pluszeichen. „Es kann auch als Kreuz gelesen werden, und genau so ist es auch gedacht“, sagte Unger.

Für die Mitglieder des Trägervereins KZ-Gedenkstätte Springhirsch ist die Zusammenarbeit mit Schülern in dieser Form neu. „Wir haben hier ein Projekt, bei dem ältere Schüler jüngere durch die Ausstellung führen, aber das, was die Schüler des Elsensee-Gymnasiums hier machen, ist bislang einmalig“, sagte Hans Werner Berens, der im Vorstand für die Kontakte zu den Schulen zuständig ist. Er lobte das Engagement der Jugendlichen und bezeichnete ihre Ausstellung als sehr präsentabel, würdig und aussagekräftig. Zu sehen ist sie in den Baracken und im Foyer bis Donnerstag, 13. September. Die Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes Springhirsch ist montags von 10 bis 15 Uhr, dienstags bis samstags von 10 bis 18 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

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