Sportstacker dreht Werbefilm

Daniel Kern stapelt für Telekommunikationsunternehmen vor der Kamera seine Becher / Clip läuft im Internet

shz.de von
17. Juli 2018, 16:00 Uhr

Das Telekommunikationsunternehmen Vodafone hat einen Coup gelandet: Für einen Werbefilm holte der Konzern den Quickborner Speedstacker Daniel Kern vor die Kamera, einen der besten Becherstapler Deutschlands. Der Clip, mit dem auf ein Produkt aufmerksam gemacht wird, das die Form eines großen Bechers hat, läuft seitdem im Internet auf Plattformen wie Instagram, Facebook und Twitter. Dort wurden die Produzenten auch auf ihn aufmerksam: Kern hat einen You-Tube-Kanal mit 1200 Followern.

Da steht ein junger Mann hinter einem Tisch und stapelt seelenruhig vor laufender Kamera weiße Becher mit dem Logo des Unternehmens, das ihn für einen Dreh unter Vertrag genommen hat. Am Ende wirft er den letzten Becher in die Luft und setzt ihn schließlich langsam auf die Spitze - gedreht wurde diese Szene in Slowmotion. Um Geschwindigkeit ging es bei den Filmaufnahmen denn auch nur nachrangig, eher um Perfektion und Schönheit – für den 21 Jahre alten Kern eine völlig neue Erfahrung. Noch steht der Clip nicht lange im Netz, aber in seinem Freundeskreis und in der kleinen Schar der Top-Speedstacker hat er für Aufsehen gesorgt.

Damit dürfte es ihm endgültig gelungen sein, aus dem Schatten seines Bruder Patrick zu treten, der mit seinen Rekorden beim Stacking und Auflösen von Zauberwürfeln in allen Formen immer wieder für Schlagzeilen sorgte (unsere Zeitung berichtete). „Mein Bruder hat diesen Sport in unsere Familie gebracht“, sagt Kern denn auch. Mit 13 Jahren bekam er sein erstes Set aus zwölf Bechern und begann mit dem Training. „Nach einer Weile habe ich erstmal wieder aufgehört, bin dann aber nach fünf Monaten trotzdem zu meinem ersten Wettkampf gegangen“, erinnert er sich. Er scheiterte, nicht etwa, weil ihm das Talent fehlte, sondern die Übung. Aber er beobachtete die Besten dieser Sportart, einen Schweizer und einen Amerikaner, und wusste nach dem Turnier: Was die können, will ich auch schaffen. „Seitdem trainiere ich eigentlich jeden Tag“, sagt Kern.

Die Disziplin zahlte sich längst aus: Er wurde schneller und schneller. Sein Maßstab ist die Königsdisziplin der Sportstacker, der sogenannte Cycle. Mehr als 40 verschiedene Handgriffe sind nötig, um die Choreographie zu vollenden. Kern schafft das in unter acht Sekunden und gehört damit zur deutschen Stacker-Elite. Überholt wird er nur von den Mitgliedern seines eigenen Teams: Die Quickborner Becherstapler sind derzeit die Besten in Deutschland und setzen auch europaweit Maßstäbe. Schwierig wird es allerdings, wenn sie gegen asiatische Sportler antreten. „Die sind absolute Spitze“, so Kern. Und mit verantwortlich für den Umstand, dass der Rekord für den Cycle in den vergangenen acht Jahren von 5,9 auf 4,8 Sekunden gefallen ist.

„Ich merke, dass Geschwindigkeit beim Stacken auch eine Frage des Alters ist. Die heute 16-Jährigen sind für mich eine echte Herausforderung, weil sie einfach unfassbar schnell sind“, sagt er. Aber sie haben nicht seine Erfahrung und ruhige Ausstrahlung. Beides ist ihm während der Dreharbeiten zugute gekommen. Als ihn eine Filmproduktionsfirma aus Hürth anmailte, dachte er zunächst an einen Scherz. Er hat dann aber doch wunschgemäß zurückgerufen, nachdem er sich mit seinem Bruder besprochen hatte. „Patrick war sich sicher, dass das kein Spam ist.“ Danach ging alles schnell. „Die Produktionsfirma hat den Flug nach Köln und das Hotel gebucht.“ Eine Woche nach dem ersten Kontakt stand er hinter dem Tisch und stapelte weiße Becher.

„Ich hatte vorher genau gesagt, was ich brauche, und als ich ins Studio kam, war alles vorbereitet.“ Aufgeregt sei er nicht gewesen. „Nach fünf Stunden waren wir fertig.“ Von dem Ausflug in die Welt des Werbefilms hat Kern nur wenigen Menschen erzählt. Auch aus Neugier, denn er habe wissen wollen, wie lange es dauert, bis jemand den Film im Netz entdeckt. „Als es dann soweit war, waren viele echt überrascht.“ Weil wohl die meisten ihren Augen nicht trauten, erreichten ihn vorsichtige Nachfragen. Allerdings ist das spitzbübische Grinsen am Ende des Spots unverkennbar.

Die Becher hat Kern wieder mit zurück nach Quickborn gebracht. Es waren ohnehin seine. Bislang hat er allerdings die Folie mit dem Logo noch nicht wieder entfernt, obwohl die Becher damit für ihn unbrauchbar sind: Bei Turnieren muss das Sport-stacking-Logo sichtbar sein. Er kann es sich aber leisten, ein unbrauchbares Set zu haben, denn die Zeiten von vor sieben Jahren, als das erste Set sein ganzer Stolz war, sind vorbei. Wie viele er heute hat? Kern weiß es nicht genau, aber es sind viele. „Ich hatte schon mal über hundert, aber davon sind einige kaputt gegangen, und andere habe ich verkauft.“

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