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Ellerau : Polizisten berichten über „Dagobert“

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Ellerau: Spannende Lesung der Kriminalpsychologin Claudia Brockmann ergänzt von Berichten des Ermittlers Klaus Springborn

Ellerau | „Am 13. Juni 1992 um 1 Uhr explodieren in der Karstadt-Filiale in der Hamburger Mönckebergstraße drei Rohrbomben. Sie sind miteinander verbunden, der Täter hat sie in der Porzellanabteilung im Kellergeschoss versteckt“ – an diese Nachricht erinnern sich noch viele. Der Fall „Dagobert“ erregte jahrelang die Gemüter. Die damaligen LKA-Ermittler Klaus Springborn und die Polizeipsychologin Claudia Brockmann können sich nur allzu gut an den Fall erinnern, der ihnen zahlreiche schlaflose Nächste bereitete.

Beide waren zu Besuch im Ellerauer Bürgerhaus. Brockmann las dabei aus ihrem Buch „Warum Menschen töten“ vor. Etwa 130 Besucher lauschten aufmerksam den Erzählungen der Polizeibeamten. Zu den spektakulärsten Fällen ihrer Karriere zählt auch der Fall „Dagobert“. Er wurde zum längsten und aufwändigsten Erpressungsfall der deutschen Kriminalgeschichte. Zwei Jahre lang führte Arno Funke, alias Dagobert, die Polizei an der Nase herum. Insgesamt fünf Bomben legte er in Karstadt-Filialen. Springborn spielte in diesem Fall eine große Rolle, denn er war derjenige, der die Telefonate mit dem Erpresser führte. „Ich stand unter großer Anspannung. Jedes falsche Wort hätte die nächste Bombe auslösen können“, erinnert sich der Ermittler. Während der Gespräche baute Funke Vertrauen zu ihm auf. „Die Telefonate waren für mich wie ein Drehbuch. Stundenlang bin ich mit Frau Brockmann alle Eventualitäten durchgegangen, um auf alles vorbereitet zu sein“, erklärte Springborn.

Funke forderte damals mehrere Millionen Deutsche Mark. „Es wurde mit der Zeit immer mehr“, erinnert sich Brockmann. Mit gewieften technischen Tricks gelangte er an sein Geld, jedoch klappte nicht immer alles. Erst 1994 konnte er geschnappt werden. Nach sechs Jahren und vier Monaten, die Funke in der Justizvollzugsanstalt Plötzensee absaß, wurde Funke am 13. August 2000 wegen guter Führung entlassen. Der Fall stieß bei den Besuchern im Bürgerhaus auf reges Interesse und besonders spannend schien es für sie, die damaligen Ermittler direkt befragen zu können. „Das Austüfteln seiner Tricks und seines Vorgehens bildeten seinen Lebensinhalt. Alles andere war Dagobert nicht wichtig“, erklärte die Polizeipsychologin.

Seine Geschichte hielt der heute 66-Jährige Funke in einem Buch fest. „Das schönste an der ganzen Sache ist, dass er ein Buch geschrieben hat. Wenn wir es lesen, fühlen wir uns darin bestätigt, was die Kriminalpsychologie alles bewirken kann“, betonte Springborn.

Einen weiteren Fall las Brockmann aus ihrem Buch vor. Während es beim Fall „Dagobert“ zahlreiche Lacher gab, kam beim Fall „Denise“ Stille auf. Das sechsjährige Mädchen wurde von ihrem Schwarm verführt, gefesselt, vergewaltigt, erdrosselt und die Leiche in einen Umzugskarton verstaut. „Die Sache ist uns allen sehr nah gegangen und wir werden und wollen sie nicht vergessen“, betonte die Autorin. Auf die Frage aus dem Publikum, wie sie mit so einem Fall fertig wird, antwortete Brockmann: „Es bewegt mich. Aber es ist nicht mein Schmerz. Für meine Arbeit wäre es ein großes Problem, wenn ich die Schmerzen aller auf mich projizieren würde.“

In ihrer langjährigen Erfahrung hat sie festgestellt, dass eine Störung meist aus der Vergangenheit eines Menschen heraus entsteht. „Allerdings muss man sagen, dass die Biografie auf keinen Fall eine Entschuldigung für die Tat ist“, betonte die Polizeipsychologin. Besonders Gewalt in der Familie würde zu Bindungs- und Kontaktstörungen führen. „Die Phantasien reichen irgendwann nicht mehr aus und dann kommt es nach außen“, erklärte sie.

Ihre spannenden Geschichten stießen auf Begeisterung der Ellerauer Bürger. Mit tosendem Applaus wurden Springborn und Brockmann belohnt.


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