Miniwelt im alten Gewächshaus

Sandkiste für Besitzer von Funktionsmodellen: Technikleiter Jürgen Förthmann (rechts) fachsimpelt mit dem Baggerfahrer Michael Wendscher, der zu den Gründungsmitgliedern des RC-Glashaus gehört.
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Sandkiste für Besitzer von Funktionsmodellen: Technikleiter Jürgen Förthmann (rechts) fachsimpelt mit dem Baggerfahrer Michael Wendscher, der zu den Gründungsmitgliedern des RC-Glashaus gehört.

Der Verein RC-Glashaus hat in Quickborn auf einem ehemaligen Gärtnereigelände eine deutschlandweit einzigartige Anlage geschaffen

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11. Juni 2019, 16:00 Uhr

Quickborn | Quickborn an einem Sonnabend um 12     Uhr. Auf Deutschlands vielleicht ungewöhnlichster Baustelle ist richtig viel los. Ein Lastwagen nach dem anderen fährt in die Sandkuhle ein, die Fahrer bugsieren sie in die Warteschlange und harren anschließend geduldig aus, bis sie an der Reihe sind. Ihr Blick ist nach vorne gerichtet, dort hin, wo die Bagger und Raupen im Akkord feinen Bausand umschichten.

Glücklich, wer endlich angekommen ist und seine Fuhre erhält. Dabei spielt Zeit keine Rolle für die Fahrer, die bringen sie reichlich mit. Sie werden ja auch nicht bezahlt für den Job, sitzen nicht mal hinter dem Lenkrad. Ihr Platz ist am Rand der Sandgrube. Dort stehen sie, einzeln oder in kleinen Gruppen, ihre Fernsteuerungen fest in der Hand, hoch konzentriert, mit glänzenden Augen und unglaublich stolz auf sich, ihre Modellfahrzeuge, ihre Navigationskünste.

Oder sie stehen beim Bauhof, fahren ihre Raupen auf einen Tieflader und zuckeln dann gemächlich über schmale Straßen und Brücken. Szenen wie diese liebt Jürgen Förthmann ganz besonders. Er ist als Technikleiter der vielleicht wichtigste Mann auf der Anlage der Interessengemeinschaft RC-Glashaus und besitzt natürlich selbst einen Kipper.

Das Wetter ist gut an diesem Tag, die Temperaturen unter den Glasdächern sind angenehm, die Zahl der Besucher ist hoch. Förthmann fachsimpelt hier, erkundigt sich da nach dem Fortschritt der Arbeiten, hat Straßen, Brücken und Baustellen im Blick. Wenn es irgendwo hakt, kleinere und größere Reparaturen notwendig werden, ist er der richtige Mann. Er weiß alles über Modellfahrzeuge, kann sie bauen und überholen, hat unendlich viele Ideen.

Dass die Anlage im Harksheider Weg, untergebracht auf einem ehemaligen Gärtnereigelände, in ihrer Art einzigartig in Deutschland ist, verdanken die Fahrer zu großen Teilen ihm. Unter seiner Führung sind in den vergangenen Jahren mehrere Themenwelten entstanden, die Modellbauer aus dem ganzen Bundesgebiet anziehen. Da gibt es einen Parcours für Formel-1-Rennwagen, Strecken für Tourenwagen, unwegsames Gelände für Allradfahrzeuge. Ein Spieleparadies der Extraklasse.

Förthmann ist leidenschaftlicher Modellbauer und Fan von allem, was sich fernsteuern lässt. Schiffe hat er schon gebaut und natürlich mit einer Modelleisenbahn angefangen, zu Hause in Moorrege als kleiner Junge. „Die ist zehn Mal mit mir umgezogen, hat mich fast mein ganzes Leben begleitet“, sagt er. Zwei Jahre vor der Rente schließlich habe er sie verkauft, „weil ich gemerkt habe, dass ich beim Spielen immer allein bin“. Das so verdiente Geld investierte der gelernte Drucker in seinen ersten Lastwagen im Maßstab 1:14.

Wer in dieser Szene einen Lastwagen kauft, das Fahrzeug gehört zur Gruppe der sogenannten Funktionsmodelle, muss nicht nur etwas Kleingeld über haben, sondern auch noch eine gewisse technische Begabung mitbringen. Ein Chassis, das Fahrerhaus, Vorder- und Hinterachse, ein kleines Schaltgetriebe, mehr muss es auch für Förthmann nicht sein. Reicht auch, denn 400  Euro ist man immer los. Was dann noch fehlt, schraubt und schweißt er aus Einzelteilen zusammen und orientiert sich beim Anstrich schließlich an optisch ansprechenden Originalen. Das geht bis hin zum Firmenschriftzug. Vier Lastwagen gehören zu seinem Fuhrpark, dazu drei Anhänger beziehungsweise Auflieger.

Ein halbes Jahr rechnet er vom Kauf bis zur Fertigstellung. Am Ende hat der Spaß gut und gerne 1500 Euro gekostet. Mit Summen wie dieser befindet sich Förthmann eher am unteren Ende der Skala. Wer es drauf anlegt, kann 3000 Euro und mehr für ein Funktionsmodell ausgeben. „Man zahlt alles extra. Das Motorengeräusch, die Hupe oder die Getriebegeräusche“, sagte er. Das läppert sich.

Weil er das Handwerkern liebt, aber nicht andauernd ein neues Fahrzeug kaufen kann, investiert er viel Energie in die Erweiterung der Anlage. Die Köhlbrandbrücke und die Norderelbbrücke hat er schon gebaut, eine Klappbrücke entworfen und realisiert, deren Architektur er an die des Este-Sperrwerks anlehnte. Gerade erst hat er Schienen verlegt, damit auf der Anlage auch eine Modelleisenbahn verkehren kann. Es ist seine Lok, er hat sich nun doch wieder eine zugelegt, wie er vergnügt erzählt.

Zu Hause sitzt er derweil an einem Kran, der am Ende schon echte Lasten heben soll. „Wir wollen ihn einsetzen, um ein Holzlager zu bauen“, sagt Förthmann. Auch das ist nämlich eine Besonderheit des RC-Glashaus. Was an beruflichem Knowhow bei den Stammfahrern vorhanden ist, wird ebenso genutzt wie deren Fahrzeuge. Angefangen hat allerdings alles dann doch etwas größer dimensioniert.

„Um diese Anlage zu bauen, haben wir zuerst sechs Sattelzüge Mutterboden ankarren lassen. Dann haben unsere kleinen Fahrzeuge die ganze Anlage ausgebaggert, wir haben die ersten Brücken und Straßen gebaut und Häuser und Bäume aufgestellt“, sagt er. Jahre hat es gedauert, und fertig ist die Anlage immer noch nicht. Dazu hat Förthmann einfach zu viele Ideen. In Planung ist derzeit unter anderem eine Tiefgarage.

Derweil ist es noch voller geworden. Jetzt sind auch die ersten jungen Familien angekommen. In den Körben und Tüten, die sie anschleppen, haben sie nicht nur Fahrzeuge, sondern auch Verpflegung. Ihr Plan: Sie bleiben, bis der Laden so gegen 20 Uhr schließt. „Unsere jüngsten Fahrer sind fünf Jahre alt“, sagt Bauleiter Förthmann. Nach oben gibt es keine Grenze. Allerdings gibt es ein Problem mit der Geschlechterparität. „Tatsächlich haben wir hier deutlich mehr Männer als Frauen“, räumt er ein und widmet sich wieder seinem Lastwagen.

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