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Quickborner Tageblatt

18. Dezember 2017 | 23:49 Uhr

Quickborn : Leben in deutsch-afghanischer WG

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Der Quickborner Peter Buschner hat zwei Flüchtlinge kostenlos in seinem Haus aufgenommen. Zusammenleben als Bereicherung.

shz.de von
erstellt am 08.Nov.2015 | 11:00 Uhr

Quickborn | Von außen sieht es aus, wie ein ganz normales Reihenhaus. Doch darin lebt eine deutsch-afghanische Männer-WG der besonderen Art. Peter Buschner (71), das zwölfjährige Pflegekind Leon sowie neuerdings Aliakbar Bayat (18) und Hossein Mohammadi (29), zwei Flüchtlinge aus Afghanistan.

„Ich habe vor Jahren durch Zufall dieses Haus hier gekauft. Hier ist relativ viel Platz. Da habe ich immer gedacht: Wenn jemand in Not ist, kann ich ihn hier aufnehmen“, sagt Buschner. Gesagt, getan. Bereits seit vielen Jahren bietet er immer wieder verschiedenen Menschen in Not Platz zum Wohnen an. Seit etwa fünf Monaten lebt Bayat mit im Haus, seit fast zwei Monaten nun auch Mohammadi, die jeweils allein nach einer monatelangen Flucht über den Iran, die Türkei, Griechenland und weitere europäische Länder – auf Booten, Lkw und zu Fuß – schließlich in Quickborn gestrandet waren.

Geld wollte Buschner für die Unterbringung der beiden Flüchtlinge nicht haben. „Ich habe der Stadt gesagt, ich nehme sie kostenlos auf“, so Buschner. Denn finanzielle Nöte habe er nicht. „Aber die Stadt überweißt mir Verbrauchskosten wie für Strom und Wasser“, erklärt er.

Im Haus herrscht eine positive Atmosphäre. Kerzen brennen im Wohnzimmer. In einer Ecke liegen Meditationskissen. Im Obergeschoss haben Leon, Aliakbar Bayat und Hossein Mohammadi jeweils ein Schlafzimmer. Alles sieht pikobello aus. Wie es mit dem Saubermachen läuft? Alle grinsen sich an. „Das klappt gut“, so Buschner. „Und wenn ich etwas mache, dann kommt Hossein und fragt sofort nach, ob er mir helfen kann.“  

Beim Kochen des gemeinsamen Abendessens wechseln sich die vier ab. Geändert hat sich kaum etwas. „Ich koche Reis mit Fleisch, Spaghetti, Kohl“, sagt Mohammadi. „Nur Schwein kommt nicht mehr auf den Tisch“, sagt Buschner. „Und ich habe von den beiden gelernt, dass man beim Kochen sehr viel Öl braucht.“ Die Stimmung beim täglichen gemeinsamen Abendessen ist entspannt, ausgelassen. „Wir vier leben wie eine Familie“, sagt Buschner.

Hossein Mohammadi (r.) erledigt seine Deutschhausaufgaben immer an seinem Schreibtisch, hier gemeinsam mit Leon. (Foto: Jankowski)
Hossein Mohammadi (r.) erledigt seine Deutschhausaufgaben immer an seinem Schreibtisch, hier gemeinsam mit Leon. (Foto: Jankowski)
 

Probleme? Alle schütteln den Kopf. Gibt es nicht. „Man vermutet, dass da irgendwelche Schwierigkeiten sein müssten“, sagt Buschner. „Aber nichts ist kompliziert.“ Leon nickt zustimmend. Das Zusammenleben klappt reibungslos. Die beiden jungen afghanischen Männer sind  einfach dankbar für die Unterkunft bei Peter Buschner. Endlich können sie die Nächte durchschlafen, finden Ruhe, müssen ihre Zimmer nicht mehr mit anderen Flüchtlingen teilen und haben die Chance, im Alltag Deutsch zu lernen, ein Leben in Deutschland zu starten. „Es ist gut hier“, sagen Bayat und Mohammadi übereinstimmend und zurückhaltend lächelnd.

„Jeder darf hier seinen eigenen Lebensstil haben. Jeder braucht sein Eigenleben. Das kann ich geben“, sagt Buschner. Bevor er die Flüchtlinge aufnahm, sprach Buschner mit dem Pflegesohn und den Nachbarn. „Das Feedback war so, wie ich es normal finde. Manche haben gesagt: ,Das ist gut. Finde ich wunderbar.‘ Manche sagten: ,Das würde ich auch gern tun, aber ich traue mich nicht so richtig,‘“ so Buschner.

Der 71-Jährige hat bis zu seiner Pensionierung als Sonderschullehrer in den Hamburger Stadtteilen Wilhelmsburg und St. Pauli gearbeitet, ist als selbstständiger Therapeut für Menschen da, die Schlaganfälle erlitten haben, und arbeitet zudem nun als Lehrer an einer Privatschule in Quickborn. Indirekt kam er über seine Arbeit als Lehrer auch an seine neuen Mitbewohner.

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„Jeder darf hier seinen
eigenen Lebensstil
haben. Jeder braucht sein Eigenleben.“

Peter Buschner

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Im Rahmen des Schulprojekts „Fremde verstehen“ sei er mit Schülern ins Quickborner Rathaus gegangen, die Fragen zur Flüchtlingssituation hatten. „Am Ende der Diskussion habe ich zum zuständigen Mitarbeiter im Rathaus gesagt: ,Wenn du nicht weißt, wo du sie unterbringen sollst, kannst du mich ansprechen.‘“

Es dauerte nur wenige Tage, bis die Anfrage aus dem Rathaus kam und Bayat, der zuvor in einer größeren Unterkunft der Stadt lebte, mit seinem Fußballtrainer vom 1.FC Quickborn vor der Tür stand. „Es war Ruckzuck Sympathie“, sagt Buschner. Bayat blieb.

Um auch für Mohammadi eine Unterkunft zu bieten, zog Buschner aus seinem Zimmer ins Wohnzimmer und schläft nun auf der Couch. „Jeder respektiert hier, wenn ich mich mal zurückziehen möchte, Das ist gar kein Problem“, sagt er.

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„Viele Menschen, die Schwierigkeiten mit
Flüchtlingen haben, kennen ja gar keine.“

Peter Buschner

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Auch Buschner hat eine Geschichte, die seinen eigenen Lebensweg geprägt hat. „Ich kenne das Elend. Ich habe grundsätzlich ein offenes Ohr für Menschen, die kein Zuhause haben, denen es schwer fällt, in unserer Gesellschaft zu existieren“, sagt er.

Sehr eng sei seine eigene Jugend gewesen. Mit 13 hätten seine Eltern ihn auf ein Internat nach Österreich geschickt. Ziemlich allein habe er sich gefühlt. „Wenn man sich allein fühlt, ist man  gezwungen, für sich eine Form zu finden. Es lohnt nicht, die anderen dafür verantwortlich zu machen, die Eltern, den Staat.“ Buschner ging seinen Weg und wurde Sonderschullehrer. Ein Job, in dem er auch mit Menschen zu tun hatte, die Schwierigkeiten haben.

Aliakbar Bayat ist sehr glücklich über sein eigenes Zimmer in der Quickborner WG. (Foto: Jankowski)
Aliakbar Bayat ist sehr glücklich über sein eigenes Zimmer in der Quickborner WG. (Foto: Jankowski)
 

Er hilft seinen beiden Mitbewohnern bei den Deutschhausaufgaben und vermittelte Mohammadi sogar in eine Ausbildung als Parkettleger in Norderstedt. Erst habe der Firmenchef gar keine Ausländer gewollt. „Als er Hossein hat arbeiten sehen,  hat er gefragt: ,Hast Du noch einen zweiten?“, so Buschner. Er lacht. Den zweiten ausbildungsfreudigen Flüchtling fand er auch. Er weiß, dass die jungen Flüchtlinge ihre Chance nutzen wollen, fleißig, gewissenhaft und pünktlich arbeiten. Fragt man Mohammadi nach seinen Träumen, antwortet er: „Den Ausbildungsplatz behalten und in Deutschland bleiben.“ Buschner sagt: „Hossein kann dadurch auch finanziell selbstständig sein.“ Die Stadt muss für ihn nicht mehr aufkommen. Bayat möchte zukünftig eine Ausbildung zum Automechaniker machen.

Buschner hilft beiden Männern, ihren Weg zu gehen. Der 71-Jährige sagt: „Es ist immer eine Bereicherung, Menschen kennenzulernen.“ Er möchte auch anderen Bürgern die Scheu nehmen und zeigen: „Das läuft gut.“ Er sagt: „Wenn ich die Geschichten von Flüchtlingen höre, denke ich: Uns geht es so gut. Wir müssten eigentlich mehr tun, mehr abgeben. Eigentlich sollten wir die Leute offen in Empfang nehmen so gut wir können. Ich glaube, sie erwarten keinen Luxus. Die Politik sollte ein bisschen mutiger sein und die Bürger mal ansprechen. Denn viele Menschen, die Schwierigkeiten mit Flüchtlingen haben, kennen ja gar keine.“

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