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Quickborner Tageblatt

22. September 2017 | 08:32 Uhr

Quickborn : Jeden Tag lernen sie ein neues Wort

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Die Chinesin Yanran Meng (7) besucht das Deutsch-als-Zweitsprache-Zentrum in der Quickborner Mühlenberg-Grundschule.

von
erstellt am 11.Apr.2014 | 12:00 Uhr

Quickborn | Tschüss Yanran.“ „Tschüss David.“ „Tschüss Anastasia.“ „Tschüss Persiyana.“ Wenn Yanran Meng (7) mittags die Grundschule Mühlenberg verlässt, tönen Abschiedsgrüße aus jeder Ecke. Und alle werden von ihr erwidert. Dass Yanran sich mit Kindern vieler Nationen verständigen kann, liegt daran, dass sie erfolgreich im Deutsch-als-Zweitsprache-Zentrum (DaZ) gefördert wird. Dort lernt sie jeden Tag ein neues Wort.

An der Grundschule Mühlenberg ist das DaZ-Zentrum für die umliegende Region eingerichtet worden. Jungen und Mädchen aus Quickborn, Bönningstedt, Hasloh, Hemdingen, Borstel-Hohenraden und Tangstedt, die ohne oder fast ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland kommen, erhalten dort Unterricht in einer Kleingruppe. Sie sollen in möglichst kurzer Zeit einen gewissen Sprachstand erreichen, um in ihren Stammschulen dem Unterricht folgen zu können. „Yanran ist ein besonderes Kind in unserem DaZ-Zentrum, denn sie muss nicht nur die deutsche Sprache erlernen, sondern auch ihren Schulvormittag mit einer leichten körperlichen Behinderung bewältigen“, sagt die Rektorin Uta Schmidt-Lewerkühne.

Die kleine Chinesin war gerade sechs Jahre alt, als sie Ende August vorigen Jahres mit ihren Eltern von Peking nach Quickborn zog. Niemand in der Familie sprach Deutsch. In Peking war sie wegen ihrer leichten körperlichen Behinderung von allen guten Schulen abgelehnt worden – als nicht integrierbar abgestempelt.

„Das DaZ-Zentrum wird von einer sehr engagierten Lehrkraft geleitet, die sich durch gezielte Fortbildungen zur Fachkraft für den speziellen Unterricht fortgebildet hat. Sie und drei weitere Lehrkräfte der Grundschule Mühlenberg unterrichten die Kinder insgesamt 20 Stunden in der Woche“, erläutert die Leiterin. Grundsätzlich sei die Grundschule Mühlenberg eine Schule, die als große Überschrift hat: Es ist normal, dass wir alle verschieden sind.

Auch in den Regelklassen werden Kinder beschult, die ein körperliches Handicap oder aber Probleme beim Lernen haben. Die Lehrkräfte schauen jeden Tag aufs Neue, dass sie der Vielfalt der ihnen anvertrauten Kinder mit individuellen Lösungen der jeweiligen Probleme gerecht werden.

„Auch die Aussprache von einzelnen Zeichen ist oft erheblich anders als in ihrem eigenen Kulturraum“, so die Leiterin. Die Schreib- und Sprechübungen nehmen deshalb einen großen Teil des Unterrichts ein. Viele Rituale erleichtern den Kindern das Lernen, das Wiederholen bestimmter Sätze oder das Singen von Liedern helfen dabei, die schwere deutsche Sprache Schritt für Schritt zu erlernen.

„DaZ-Klassen sind im Wesentlichen Teil der Inklusions-Diskussion. Die Kinder werden auf einen Sprachstand gebracht, so dass sie an Bildung teilnehmen können“, sagt Schmidt-Lewerkühne.

Demnächst wird Yanran im Unterricht einen Laptop mit einem Schulprogramm nutzen dürfen, denn eine unbehandelte Gelbsucht nach der Geburt hat bei ihr neurologische Schäden verursacht, die sich in Gleichgewichtsstörungen und leichten Muskelverkrampfungen bemerkbar machen. Mit dem Computer kann sie durch Fingertippen Zahlen und Buchstaben anwählen und so eine normale Lerngeschwindigkeit erreichen. Seit kurzem wird Yanran am Schulvormittag für insgesamt zehn Stunden von einer Schulbegleiterin betreut. Diese leistet vor allem beim An- und Ausziehen und im Sportunterricht wichtige Hilfe zur Selbsthilfe.

„Papa, die lernen ja gar nicht, die spielen ja nur“, war der Kommentar von Yanran nach einer Woche Unterricht. Und so spielerisch hat sie bis zum Weihnachtsfest im vorigen Jahr, nach nur vier Monaten Unterricht, das Alphabet, das Schreiben erster Worte, die Zahlen von 1 bis 50, addieren, subtrahieren und Deutsch sprechen gelernt.

„Schmetterling“ und „Gießkanne“ waren einige der ersten deutschen Wörter, die Yanran lernte. Diese Wörter und ihre Erlebnisse haben Einzug gehalten in ein Kinderbuch. Es heißt „Zu Besuch bei Fräulein PingPing“. Der Künstler Edwin Zaft vom Offenen Atelier Quickborn hat es gestaltet. Denn Yanran ist die Nichte seines Sohnes Tobias Zaft. Nachmittags kümmern sich Zaft und seine Frau Marianne Gehrke-Zaft liebevoll um das Kind. In Yanrans DaZ-Klasse hat Zaft jüngst aus dem Buch vorgelesen. Auf Deutsch. Alle Kinder haben sich köstlich amüsiert. Das Bilderbuch von Edwin Zaft kostet drei Euro und ist exklusiv im Offenen Atelier Quickborn, Kieler Straße 149, erhältlich. Telefon: 04106-618694.

Inklusive Schule oder Bildung heißt, dass alle Kinder unabhängig von ihren körperlichen oder geistigen Behinderungen sowie ihrer sozialen und ethnischen Herkunft gemeinsam in einer Regelschule unterrichtet werden. Im Schuljahr 2012/13 haben 60,1 Prozent der Schülerinnen und Schüler (entspricht 9586) mit sonderpädagogischen Förderbedarf am Unterricht in den öffentlichen allgemeinbildenden Schulen Schleswig-Holsteins teilgenommen. Im bundesweiten Vergleich werden durchschnittlich 25 Prozent dieser Schülerinnen und Schüler an Regelschulen unterrichtet.
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