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Quickborner Tageblatt

22. November 2017 | 10:37 Uhr

Im Schein der schönen Schusterkugel

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Serie Teil 2Im Ellerauer Heimatmuseum wird gezeigt, warum es bei Schuhmachern nicht dunkel war, wie oft behauptet wird

Ein guter Schuhmacher ist nur der, der einen Schuh von Grund auf selbst herzustellen imstande ist. Das wusste schon Max Sahm, der Verfasser zahlreicher Lehrbücher für angehende Schuster und Namensgeber für die Max-Sahm-Meisterschule für Orthopädietechnik in Frankfurt. „Erst dann beherrscht er die Arbeit seines Faches und damit die Grundlagen für eine Handwerkerexistenz mit goldenem Boden“, schrieb er 1960 in seinem Buch „Arbeits- und Fachkunde für Schuhmacher“. Nun würde wohl niemand so ohne Weiteres auf die Idee kommen, ausgerechnet den Beruf des Schuhmachers mit materiellem Wohlstand in Verbindung zu bringen.

„Sie wurden meistens in Naturalien bezahlt und hatten deshalb wenig Geld“, sagt Winfried Schild, Beisitzer mit Vorstand des Ellerauer Heimatmuseums. Folglich lebten sie nicht nur in ärmlichen Verhältnissen. Auch ihre Werkstatt war klein und dunkel. Wollten sie arbeiten, brauchten sie Licht, hatten aber meistens nicht die finanziellen Mittel, um Petroleum oder Karbid für mehrere Lampen zu kaufen. Also besorgten sie sich eine Schusterkugel, eine ebenso simple wie effektive Methode, Licht zu verstärken. Vier dieser Kugeln aus klarem Glas gibt es auch im Ellerauer Heimatmuseum mitten in der kleinen Schuhmacher-Ecke.

Die Erfindung geht zurück auf die Zeit vor der Elektrifizierung und soll sogar schon im 13. Jahrhundert genutzt worden sein. Das Prinzip ist einfach: Die Glaskugel wird mit Wasser gefüllt, das wie eine Linse wirkt, sobald Licht darin gebündelt wird. Stellt oder hängt man sie in die Sonne, vor eine Kerze oder eben eine Petroleumlampe, lässt sich mit der Schusterkugel ein Arbeitsplatz punktgenau ausleuchten. Gleichzeitig nimmt sie der Lichtquelle die Wärme und macht es so möglich, auch mit temperaturempfindlichen Materialien dicht an einer starken Lichtqulle zu arbeiten. „Der Schuhmachermeister und seine Gesellen saßen gemeinsam an einem Tisch, für jeden gab es eine Schusterkugel, und so wurde gearbeitet“, sagt Schild. Wenn ein Meister etwas auf sich hielt, reservierte er für sich die größte Kugel. Die Gesellen bekamen die kleinere Ausführung und die Lehrlinge schließlich die kleinste.

Viele der ausgestellten Exponate stammen aus den Schuhmachereien von Richard Zeuschel und Karl Bichels aus Quickborn. Ob sie auch die Schusterkugeln schenkten, ist nicht bekannt. Sie könnten ebenso gut aus der Schusterstadt Barmstedt stammen. Der Name erinnert an die Blütezeit dieser Handwerkskunst Anfang des 19. Jahrhunderts, als jeder dritte männliche Erwachsene in Barmstedt in einer Schusterei beschäftigt war. 133 Meister, 100 Gesellen und 80 Lehrlinge soll es 1835 gegeben haben, schreibt die Heimatforscherin Claudia Kollschen in ihrem 2015 erschienenen Buch „Die Schusterstadt Barmstedt“. Das Ellerauer Heimatmuseum im Hoejerweg 2 ist wieder am Sonnabend 21. Oktober, von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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