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Deutsch als Zweitsprache : „Hier treffen Welten aufeinander“

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Wie die Bönningstedter Gemeinschaftsschule Rugenbergen den Kultur-Spagat mit Kindern aus verschiedenen Herkunftsländern meistert

Sie kommen aus dem Iran, Afghanistan, der Türkei, Thailand, Kamerun, Portugal und Spanien. In der Regel sind sie nicht freiwillig hier – wenn die Eltern die Heimat verlassen, bleibt dem Nachwuchs keine andere Wahl, als mitzukommen. In Deutschland angekommen, sind sie schulpflichtig, doch meist der Sprache nicht mächtig. Und so sitzen derzeit neun Jungen und Mädchen zwischen elf und 17 Jahren in einem Raum der Bönningstedter Gemeinschaftsschule Rugenbergen und haben ein gemeinsames Ziel vor Augen: das Erlernen der deutschen Sprache.

Für Lehrerin Daniela Zimmerriemer besteht die tägliche Herausforderung darin, jedem Kind einen individuellen Stundenplan zu erstellen, der an das Lerntempo, das Alter und das Herkunftsland angepasst ist. Hinzu komme die persönliche Situation sowohl in der Familie als auch der Status der Aufenthaltsgenehmigung. „Wenn der Duldungsstatus in zwei Monaten abläuft, ist es schwierig, jemanden zu motivieren, eine fremde Sprache zu erlernen“, weiß Zimmerriemer. Für sie stehe daher immer im Vordergrund, die bereits erworbenen Kompetenzen zu loben, statt lediglich auf Fehler hinzuweisen.

„Für manche Kinder ist es die dritte oder vierte Sprache, die sie erlernen, andere müssen erst einmal neu alphabetisiert werden“, zeigt Zimmerriemer die Bandbreite der Ausgangsvoraussetzungen auf. So mussten die Mädchen aus Thailand und dem Iran zunächst nicht nur neue Buchstaben lernen, sondern auch die Schreibrichtung ändern: von links nach rechts statt anders herum. „Ich bin immer wieder verblüfft, wie unglaubliche schnell manche dieser jungen Menschen neues Wissen aufnehmen und behalten können“, sagt die Pädagogin.

Die Unterrichtsmateriali en sind ebenso individuell wie die Schüler: Vom Wimmel-Bilderbuch von Ali Mitgutsch über zweisprachige Geschichten bis hin zu vereinfachten Klassikern der Li teratur. „Eine Elfjährige las die überarbeitete Version von ‚Effi Briest‘“, berichtet Zimmerriemer. Die simple Zusammenfassung der Schülerin „Sie war einfach viel zu jung“ versetzte die Lehrerin einmal mehr in Erstaunen.

Die Leidenschaft für fremde Sprachen und Kulturen entwickelte die 31-jährige Pädagogin bereits während des Studiums. Eigene Auslandsaufenthalte und das Beherrschen dreier Fremdsprachen mündeten in der Examensarbeit über Identitätsentwicklung und Spracherwerb. „Manche Kinder sind schon nach fünf Monaten voll in der Sprache drin, andere benötigen dafür zwei Jahre“, berichtet Zimmerriemer. Vom bloßen Verständnis der Worte sei es jedoch noch ein weiter Weg bis zum Erwerb der Bildungssprache, erklärt Zimmerriemer. Um so wichtiger sei es, die Schüler in manchen Fächern von Anfang an in ihrer Klassenstufe zu unterrichten. „In Sport und Kunst sind sie von Anfang an mit dabei“, erzählt die Lehrerin. Einer ihrer Schüler, der in seinem Herkunftsland einen Mathematik-Wettbewerb gewonnen hatte, habe auch in Deutschland sofort am Unterricht in der Klasse teilnehmen können und ein anderer sei in Englisch seinen Klassenkameraden so weit voraus, dass er diesen Unterricht nicht brauche – und stattdessen lieber deutsche Grammatik büffelt. „Ich erlebe hier jeden Tag intelligente, ehrgeizige junge Menschen, die ein riesengroßes Potenzial haben, das es zu fördern gilt“, stellt die Lehrerin fest. Oft landeten begabte Migranten mangels Sprachkenntnissen auf Förder- oder Sonderschulen. „Deutsch als Zweitsprache sollte es an jeder Schule geben“, ist daher ihre Überzeugung.

„Kinder und Jugendliche, die plötzlich in einem fremden Land mit einer ihnen fremden Sprache und Kultur leben müssen, erfahren eine große Verunsicherung“, sagt Rektorin Maike Hinrichsen. Deshalb sei es so wichtig, in einer geschützten Kleingruppe persönliche Zuwendung zu erfahren, die individualisiertes Lernen ermögliche. „Mit dieser sorgfältigen Betreuung helfen wir nicht nur den Kindern, sondern auch unserem Land: Ein Schulabschluss ist der beste Garant für eine nachhaltige Integration“, so die Schulleiterin.

Derweil hört ein Schüler eine Detektivgeschichte, die er parallel mitliest, zwei spielen Memory, um den Wortschatz zu erweitern, andere üben Grammatikbögen, schreiben Vokabeln auf oder überprüfen ihre Kenntnisse mit dem LüK-Kasten. Und träumen von ihrer Zukunft – ob als Computerfachmann oder als YouTube-Star: Sie sind hier angekommen und fühlen sich gut aufgehoben.

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erstellt am 11.Jan.2014 | 16:00 Uhr

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