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Glocken läuten für die Explosionsopfer : Heute vor 100 Jahren detonierten zwei Munitionsfabriken in Quickborn-Heide

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Gedenktag: Heute vor 100 Jahren detonierten zwei Munitionsfabriken in Quickborn-Heide. Hunderte Menschen starben.

Quickborn | Sämtliche Kirchenglocken in Quickborn sollen heute ab 6.58 Uhr fünf Minuten lang läuten. Die Stadt will an die Explosion von zwei Munitionsfabriken heute vor 100 Jahren in Quickborn-Heide erinnern. 218 bis 400 Menschen starben, vor allem junge Frauen aus Hamburg und kriegsunfähige Männer. „Es war die größte Katastrophe, die Quickborn je erlebt hat“, sagte der Erste Stadtrat Klaus-Hermann Hensel (CDU).

Die Explosion ereignete sich auf dem grün markierten Gelände und griff auf die Hamburger Explosivstoffwerke (blau) über.

Die Explosion ereignete sich auf dem grün markierten Gelände und griff auf die Hamburger Explosivstoffwerke (blau) über.

Foto: Geschichtswerkstatt Quickborn

Um 6.58 Uhr explodierte am 10. Februar 1917 die Munitionsfabrik Explosivstoffwerke Thorn. Sie lag wenige Meter südöstlich der heutigen Kita Zwergenvilla der Arbeiterwohlfahrt an der Theodor-Storm-Straße. „Die Explosion ereignete sich, als die Nachtschicht im Gehen und die Tagschicht im Kommen war“, sagte Irene Lühdorff, Leiterin der Geschichtswerkstatt der Volkshochschule Quickborn, bei der Eröffnung einer Ausstellung zu dem Thema im Rathaus.

Wie der Zeitzeuge W. Rohde in einem Brief vom 17. Februar desselben Jahres berichtete, kam es gegen 8 Uhr zu einer zweiten Detonation bei den Hamburger Explosivstoffwerken Glückauf, deren Gelände an die Kita angrenzt und bis heute brach liegt. Friedrich Trimborn führt in dem Buch „Explosivstoffabriken in Deutschland“ eine Massenexplosion bei den Norddeutschen Sprengstoffwerken zwischen der heutigen Lornsenstraße und der Theodor-Storm-Straße auf.

Rohde schilderte erschreckende Eindrücke: „Hunderte von Verwundeten, teils halb verrückt geworden, pilgerten die Straße entlang“, schrieb er. Ein Arbeiter sei ihm mit einer klaffenden Wunde im Kopf entgegengekommen. „Das Blut lief ihm nur immer so übers Gesicht“, erinnerte sich Rohde. In einer Wirtschaft am Bahnhof Ellerau und anderen Lokalen hätten die Verletzten dicht gedrängt gestanden. „Die allermeisten Mädchen hatten in der Erregung alle ihr Haar losgerissen und weinten bitterlich“, schrieb er. Bauern aus Quickborn, Renzel, Ellerau, Ulzburg und Friedrichsgabe hätten die Opfer mit Fuhrwerken zur Bahn gebracht. Zwei Lazarettzüge hätten sie in Krankenhäuser transportiert.

Termine Feierlichkeiten und Ausstellungen

Kranz

Vertreter der Stadt Quickborn werden heute um 14 Uhr einen Kranz am Mahnmal für das Explosionsunglück auf dem Nordfriedhof am Friedhofsweg niederlegen.

Gottesdienst

Eine ökumenische Gedenkfeier in der Martin-Luther-Kirche, Lornsenstraße  21-23, beginnt um 18 Uhr. Pastorin Solveig Nebl, Pastor Jörn-Detlef Dau-Schmidt und eine Vertreterin der katholischen Kirche wirken daran mit.

Ausstellungen

Die Geschichtswerkstatt der Volkshochschule Quickborn zeigt bis Freitag, 3. März, im Foyer des Rathauses, Rathausplatz 1, eine Ausstellung über das Explosionsunglück. Das Rathaus ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr und sonnabends von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Eine kleine Rückschau auf das Ereignis ist heute im Anschluss an den Gottesdienst in der Martin-Luther-Kirche zu sehen.

 

Die Druckwelle war noch zehn Kilometer entfernt in Bönningstedt zu spüren. Unsere Zeitung gab 1992 die Erinnerungen von Heinrich Hinz wieder, der als 13-Jähriger am Tag der Katastrophe mit seiner Familie am Kaffeetisch saß. Am Türrahmen habe eine Petroleumlampe gehangen. „Bei dem Explosionsknall und der Druckwelle flog die Lampe vom Nagel und zerbrach auf dem Fußboden“, berichtete er.

Werner Berg (v. l.), Bodo Schmidt, Irene Lühdorff und Jürgen Hühnke von der Geschichtswerkstatt der Volkshochschule Quickborn stellen im Quickborner Rathaus historische Fotos und Dokumente über die Katastrophe aus.
Werner Berg (v. l.), Bodo Schmidt, Irene Lühdorff und Jürgen Hühnke von der Geschichtswerkstatt der Volkshochschule Quickborn stellen im Quickborner Rathaus historische Fotos und Dokumente über die Katastrophe aus. Foto: Frank
 

Sechs Tage nach dem Unglück beerdigte Pastor Ludolf Weidemann 107 namenlose Leichen auf dem Nordfriedhof in einem Massengrab. Ein Mahnmal erinnert bis heute daran. Totenlisten wurden nicht erstellt. Von offizieller Seite bestand daran kein Interesse, heißt es im Quickborner Lesebuch. Ein Schadensersatzprozess endete mit einem Vergleich, berichtete die Geschichtswerkstatt. Die letzten Überreste der Fabriken wurden 2011 abgerissen. Auf dem Gelände der Norddeutschen Sprengstoffwerke steht inzwischen auch die Martin-Luther-Kirche. In der Kapelle hängt ein Kreuz, das aus den Trageisen eines Fabriktors geschmiedet wurde.

Das Gelände der Hamburger Explosivstoffwerke „Glückauf“ liegt bis heute brach. Noch immer sind die Erdwälle zu sehen, hinter denen die Pulverbunker lagen.
Das Gelände der Hamburger Explosivstoffwerke „Glückauf“ liegt bis heute brach. Noch immer sind die Erdwälle zu sehen, hinter denen die Pulverbunker lagen. Foto: Frank
Ende des 19. Jahrhunderts wurden Pulverfabriken bei Geesthacht betrieben. Da die Bevölkerung gegen den Bau weiterer Werke protestierte und der Bahntransport von Sprengstoff erlaubt wurde, entstand nach 1900 in Quickborn ein Zentrum für die Munitionsproduktion. 1891 wurde eine Fabrik für Jagd- und Exerziermunition, 1892 die Firma Thorn für Sprengstoffe und Pulver, 1904 die Hamburger Explosivstoffwerke „Glückauf“ und zu Anfang des Ersten Weltkriegs die Norddeutschen Sprengstoffwerke errichtet. Zeitweilig arbeiteten dort mehr als 2000 Menschen. Quickborns Bürgermeister Thomas Köppl (CDU) betonte bei der Eröffnung einer Ausstellung zu dem Thema: „Es war indirekte Zwangsarbeit. Opfer sind nicht die, die den Krieg zu verantworten hatten, sondern Menschen, die aus Not oder Druck dort arbeiteten. Es ging ums Überleben.“ Das Risiko war bekannt. Vor allem das Pressen des Pulvers in die Munitionsbehälter war gefährlich. Bereits vor dem 10. Februar soll es Todesopfer gegeben haben. „Tweemol in'n Johr geiht bei Thorn'n Preß in de Luft“, hieß es. Nach dem Unglück lief die Produktion wieder an. Die Thorn-Gesellschafter sollen 1917 wie im Vorjahr 500.000 Reichsmark verdient haben.
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erstellt am 10.Feb.2017 | 12:00 Uhr

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