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Austausch : Freundeskreis Tschernobyl hilft Waisen

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Seit mehr als 20 Jahren kommen zahlreiche Kinder nach Hasloh. Zeitweise verbrachten 30 Kinder ihre Sommerferien in der Kleinstadt.

Hasloh | Es war ein Zufall, der den damaligen Hasloher Pastor Siegfried Illg Anfang der 90er Jahre auf eine Einrichtung im weisrussischen Retschitza, unweit des Unglücks-Reaktors von Tschernobyl, aufmerksam machte: Ein Heim für schulpflichtige Waisen, die dort versorgt werden und die Schule besuchten. „Damals waren es etwa 300 Kinder, das war eine richtige kleine Stadt“, erinnert sich Peter Kröger. Spontan lud der Pastor damals drei Kinder nach Hasloh ein. „Die Einrichtung ist im Sommer für drei Monate geschlossen, also blieben die Kinder ein Vierteljahr hier“, erklärt Kröger.

Das war der Anfang, der kurz darauf zur Gründung des „Freundeskreis Tschernobyl“ führte. Jahr für Jahr kamen Jungen und Mädchen nach Hasloh, zeitweise verbrachten 30 Kinder ihre Sommerferien in der Kleinstadt. „Es war damals überhaupt kein Problem, Gastfamilien zu finden“, berichtet Kröger. Auch er und seine Frau Gisela seien von Anfang an dabei gewesen. „Das erste Kind, das immer bei uns war, wurde später von einer Quickborner Familie adoptiert“, erzählt Kröger.

Es folgten Sammlungen für das Schul-Internat und zahlreiche Besuche. „Neun Mal packten wir einen 40-Tonner bis unters Dach voll mit Kleidung, Schuhen und Spielzeug“, so Kröger. Elf Mal fuhr Kröger sogar selbst den Bus mit den Besuchs-Kindern, um die Kosten so gering wie möglich zu halten. Bis heute war Kröger stolze 92 Mal in Retschitza.

Vor 14 Jahren lernte das Ehepaar auf der Krankenstation den sechsjährigen Viktor kennen. „Den nehmen wir mit“, war die spontane Reaktion von Gisela Kröger. So erlebte der kleine Junge das erste Mal ein Weihnachtsfest in Deutschland. „Wir waren auf einer Feier eingeladen, dort stand ein riesiger Weihnachtsbaum“, erzählt Kröger. Mit großen Augen habe Viktor vor der bunten Pracht gestanden. „Zu Hause hat er sich dann manchmal einen Stuhl genommen und sich vor den Tannenbaum gesetzt – er konnte sich nicht sattsehen daran“, so Kröger.

„Es war zu Anfang nicht einfach, weil Viktor durch die schlechten Erfahrungen seines Lebens sehr misstrauisch war“, berichtet Kröger. Zu Hilfe kam Hündin „Betty“, die gerade mal sechs Monate alt war. „Sie wurde sozusagen zum Therapeuten: Viktor liebt sie heiß und innig, damals legte er sich sogar zum Schlafen mit in den Hundekorb“, sagt Kröger und lacht. Auch Viktor selbst muss heute darüber lachen. „Ich kann mich noch gut daran erinnern“, so der 20-Jährige, der noch bis Ende nächster Woche – zum 22. Mal – in Hasloh bei Krögers zu Gast ist. Inzwischen hat der junge Mann nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zum Schlosser gemacht – und Arbeit gefunden. „Ich bin gerade in meine erste eigene Wohnung eingezogen“, berichtet Viktor stolz. Als Waisenkind bekommt er die vom Staat gestellt, was jedoch häufig mit langen Wartezeiten verbunden ist.

Nach Hasloh kommt Viktor immer wieder gern. Seitdem er arbeitet, nutzt er seinen vierwöchigen Jahresurlaub für den Besuch. „Ich gehe jedes Mal zum St.-Pauli-Laden und kaufe Fanartikel“, sagt Viktor, der seit vielen Jahren für den Vereins schwärmt. „Er ist früher sogar mit dem Fahrrad von Hasloh bis nach Hamburg zum Fanladen geradelt“, sagt Kröger und schmunzelt.

Viele Hasloher Familien haben heute noch regelmäßigen Kontakt zu den früheren Gastkindern, die inzwischen selbst erwachsen sind. „Teilweise haben sie inzwischen selbst schon Kinder und kommen mit der ganzen Familie zu Besuch“, berichtet Kröger über die engen Verbindungen, die in mehr als zwei Jahrzehnten entstanden sind. Neue Gastfamilien sind indes nicht in Sicht: „Es wird immer schwieriger, Familien zu finden, die über einen längeren Zeitraum Gastkinder aufnehmen können“, bedauert Kröger.

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erstellt am 06.Mai.2014 | 13:00 Uhr

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