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„Nachts habe ich schlechte Träume“ : Flüchtling in Quickborn steht vor der Rückführung nach Ungarn

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

17-jähriger Flüchtling Aliakbar B. steht vor der Rückführung nach Ungarn.

Quickborn | In Trainingsmontur kommt Aliakbar B. schnellen Schrittes zum Kunstrasenplatz am Ziegenweg, begleitet von zwei Freunden. Er begrüßt die Umstehenden mit einem festen Händedruck und einem Lächeln im Gesicht.

Doch bevor er seine Schuhe schnürt und ins Training mit den A-Jugendfußballern des 1. FC Quickborn einsteigt, wird er noch eine halbe Stunde lang berichten. Über seine Gefühlslage angesichts der drohenden Rückführung nach Ungarn, wo der 17-Jährige nach seiner Flucht aus Afghanistan Asyl beantragte, ehe er im Herbst 2014 in Deutschland ein zweites Gesuch einreichte.

Aliakbar B. lernt Deutsch an der Beruflichen Schule in Pinneberg, seine Lehrerin bescheinigt ihm gute Fortschritte. Doch bis es auch für Gespräche mit offiziellem Charakter reicht, übersetzt sein Freund Moirtaba für ihn. „Es geht mir gut hier. Ich habe das Gefühl, dass es für mich hier weitergehen kann. Deshalb möchte ich hier bleiben“, antwortet Aliakbar B. auf die Frage, wie er sich in Deutschland fühle. Das gilt sowohl für den Fußball am Abend als auch für die Schule am Vormittag. „An jedem Tag denke ich, ich kann mich verbessern. Der Trainer hilft mir dabei“, erklärt Aliakbar B. und guckt Jan Ketelsen an.

Der Coach sagt: „Ein bisschen.“ Beide lachen. Dann klärt Ketelsen auf: „Ein bisschen, das wird zu einem Running Gag. Nach seinem ersten Einsatz in einem Freundschaftsspiel habe ich Aliakbar gefragt, wie es ihm gefallen habe. Offenbar hat er die Frage nicht richtig verstanden.“ Denn geantwortet habe Aliakbar mit leicht gespreiztem Daumen und Zeigefinger, so Ketelsen – landläufig das Zeichen für „ein bisschen“.

Aber es ist offensichtlich, dass Ketelsen mehr hilft. Er stellt Öffentlichkeit her, um dem Jugendlichen, der ohne Begleitung nach Deutschland kam, irgendwie doch noch den Aufenthalt zu ermöglichen – trotz des Urteils des Landesverwaltungsgerichts, dass Aliakbars Rückführung besiegelte. Und er stellt Vertrauen her.

Etwas, das bei Aliakbar B. grundlegend erschüttert sein dürfte. Details erzählt er nicht, aber er berichtet davon, wie er vor etwa einem Jahr aus seiner Heimatstadt Ghazni ganz im Osten Afghanistans vor den Taliban geflohen sei. Wie er mithilfe eines Schleusers in den Iran gelangte, wie er zu Fuß die Grenze zur Türkei überquerte, auf einem Boot mit 30 Personen auf eine griechische Insel übersetzte. Von Polizei, Flüchtlingslagern und von seiner weiteren Odyssee über Serbien nach Ungarn.

„Ich wollte immer nach Deutschland.“

Dort sei ihm von den Behörden mitgeteilt worden, er müsse einen Asylantrag stellen, sonst werde er nach Serbien zurückgeschickt. „Also habe ich den Antrag gestellt“, lässt Aliakbar übersetzen. „Aber ich wollte immer nach Deutschland.“

Das gelang ihm auch. Nach einer Fahrt mit 20 Menschen verschiedener Nationalitäten kam Aliakbar in Neumünster an, wo er bei der Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge den zweiten Asylantrag in Europa eingereicht habe, bevor er dem Kreis Pinneberg zugewiesen worden sei.

Hier fühlt er sich wohl, beim Fußball in Quickborn sowie in der Schule in Pinneberg. „Erst muss ich weiterlernen, dann möchte ich als Automechaniker arbeiten“, sagt Aliakbar, der laut eigener Aussage seit etwa vier Monaten von der drohenden Rückführung weiß. „Aber ich kenne noch keinen Termin.“ Es ist auch diese Ungewissheit, die Aliakbar Sorgen bereitet. „Nachts habe ich schlechte Träume. Wenn ich dann Autos höre, denke ich, es ist die Polizei, und ich muss zurück.“

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erstellt am 05.Mär.2015 | 10:00 Uhr

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