Fern der Heimat zu Hause

Familie Akandzedii: Die Eltern Anastasia und Immanuel stammen aus verschiedenen Regionen Ghanas und  lernten sich in einer Hamburger Kirchengemeinde kennen.
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Familie Akandzedii: Die Eltern Anastasia und Immanuel stammen aus verschiedenen Regionen Ghanas und lernten sich in einer Hamburger Kirchengemeinde kennen.

Wie zwei Ghanaer nach Bönningstedt kamen

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12. März 2014, 16:00 Uhr

Vom 21. bis zum 23. März werden in Bönningstedt die „Aktionstage für Menschlichkeit und gegen Rassismus“ gefeiert. Zahlreiche Familien aus anderen Ländern sind in der Gemeinde zu Hause. Diese Zeitung stellt in einer Serie Migranten vor, die in Bönningstedt zu Hause sind.

Als sich der Ghanaerin Anastasia die Chance bot, griff sie zu: Für den Pavillion ihres Landes für die Expo in Hannover im Jahr 2000 wurden Haar-Stylistinnen gesucht. Kurzerhand bewarb sich die junge Frau – schließlich gehörte das kunstvolle Flechten und anschließende Stylen vieler kleiner Zöpfe seit Jahren schon zu einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen.

Es klappte, kurz darauf reiste sie von einem kleinen Dorf im Norden der Republik Ghana nach Deutschland. „Hier gibt es Arbeit und das Leben ist viel leichter“, stellte sie schnell fest. In ihrer Heimat hatte Anastasia nach dem Schulabschluss sowohl eine Computerschule besucht als auch eine Ausbildung zur Sekretärin absolviert. Um den Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete sie nicht nur in ihrem Beruf, sondern machte sich ganz nebenbei auch als Haar-Stylistin einen Namen und schaffte damit den Schritt in ein anderes Leben.

Noch während sie bei der Expo beschäftigt war, verliebte sie sich in einen Deutschen, den sie wenig später heiratete und mit ihm nach Hamburg zog. „Es hat nicht funktioniert – die kulturellen Unterschiede waren einfach zu groß, 2005 haben wir uns getrennt“, erzählt Anastasia. In einer afrikanischen Kirchengemeinde in Hamburg traf sie wenig später Immanuel – der ebenfalls gerade eine Trennung hinter sich hatte.

„Ich kam 1989 zum ersten Mal nach Deutschland“, berichtet er. Geboren im Süden Ghanas, wuchs er in der Region „Upper East“ auf, arbeitete nach der Schule als Maschinenführer bei einer Firma, die Goldminen erschließt. „Als junger Mensch in Ghana hat man entweder einen Super-Job – oder man will auswandern“, beschreibt er das Lebensgefühl junger Afrikaner. Doch gut bezahlte Jobs sind rar gesät, also kehrte er der Heimat den Rücken.

Zunächst als Tourist, der länger blieb, als er eigentlich durfte. „Im jugendlichen Leichtsinn habe ich das Visum überzogen“, sagt er heute. Nach dem er 1992 seine Papiere in Deutschland und seinem Heimatland in Ordnung gebracht hatte, reiste er wieder nach Deutschland, denn zwischenzeitlich hatte er sich mit einer in Hamburg lebenden Asiatin verlobt. Doch nach zehn Jahren ging auch diese Ehe in die Brüche. „Dann traf ich Anastasia, die Frau, mit der ich eine Familie gründen wollte“, sagt Immanuel und strahlt.

Der ersten Tochter Phanuel (7) folgte Nora (6) und schließlich Audrey (zweieinhalb). „Als wir nach Bönningstedt zogen, hatte ich erst ein bisschen Angst“, gibt Anastasia zu. Doch dann erlebte sie eine Überraschung: „Die Menschen sind überwiegend freundlich und nett zu uns“, berichtet sie. Kontakte mit anderen Müttern durch Kindergarten und Schule waren schnell geknüpft. Nur selten habe es befremdliche Situationen gegeben: „Es gab schon auch Eltern, die nicht wollten, dass ihr Kind mit unserem spielt“, erzählt Anastasia. Auch Phanuel hat das schon erlebt: Ein Kind wollte nicht mit ihr spielen, weil ihre Haut so braun sei. „Das ist mir aber egal, ich finde mich toll so wie ich bin“, so die selbstbewusste Siebenjährige. Mit ihren Freundinnen treibt sie viel Sport: Rhönrad, Tischtennis, Schwimmen, HipHop – und demnächst Tennis.

Immanuel machte inzwischen eine Ausbildung zum zertifizierten Flugzeugabfertiger am Hamburger Flughafen und arbeitet dort im Schichtdienst, während Anastasia die Kinder versorgt und das Familienbudget mit einem Mini-Job aufbessert. Die Kinder wachsen zweisprachig auf, denn zu Hause wird meist englisch gesprochen. „In unserer Stammessprache könnten wir uns nicht verständigen, Anastasia spricht Frafra, ich Twi“, erklärt Immanuel.

Heimweh haben sie manchmal schon, doch Besuche sind kostspielig: Nicht nur die Flüge kosten viel Geld, auch Geschenke für die Familie müssen besorgt werden. „Zuletzt waren wir 2009 in Ghana“, erzählt Anastasia. Einfach zurückzugehen, können sich beide im Moment nicht vorstellen. „Vielleicht wenn die Kinder groß und selbstständig sind“, sagt Anastasia.

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