Hasloh : Einer der letzten Zeitzeugen

„Ein schwieriges, aber wichtiges Buch“, sagt Rudolf Zeinecker  (78) über seine Erinnerungen an Theresienstadt.
„Ein schwieriges, aber wichtiges Buch“, sagt Rudolf Zeinecker (78) über seine Erinnerungen an Theresienstadt.

Eine mühsame Bewältigung der eigenen Schuldgefühle: Rudolf Zeinecker veröffentlicht Buch über seine Kriegserfahrungen.

von
02. November 2013, 16:37 Uhr

Nach vielen Jahren im Ausland, darunter Frankreich, England, Südafrika und Brasilien, kehrt der erfolgreiche Manager Rudolf Zeinecker mit seiner Familie zurück nach Deutschland. Sie wohnen in Hasloh, Zeinecker arbeitet in Hamburg.

Am Tag seines „Amtsantritts“ zeigt sein Vorgänger ihm eines der Gebäude des Unternehmes in der Rothenbaumchausse 38 und erzählt ihm dessen Geschichte: Einst war hier der Sitz der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, später war es die Gestapo-Leitstelle. Wenige Tage vor Ende des Kriegs wurden noch 276 Mitglieder der jüdischen Gemeinde nach Theresienstadt abtransportiert.

Als er bereits im Ruhestand war, kam die Anfrage seines ehemaligen Vorgesetzten, eine Gedenktafel für die jüdischen Opfer des Nationalsozialistischen Regimes zu enthüllen. Erst, als er den Hörer aufgelegt hatte, begriff Zeinecker, dass ihn seine eigene Vergangenheit eingeholt, geradezu überrannt hatte. „Es war wie ein Faustschlag in den Magen, mir blieb die Luft weg, ich wäre beinahe zusammengebrochen“, erinnert sich Zeinecker.

Da war es wieder: Theresienstadt. Die kleine Festung. Sein Vater. Und der Entschluss, das quälende Trauma der Vergangenheit endlich loszuwerden. Nach der Wahrheit zu suchen. Es sollte ein langer Weg zurück an die Wurzeln seines eigenen Seins werden. Mit dem Buch „Der Junge und die kleine Festung“ (Verlag Badnerbuch,Rastatt, 14,90 Euro) ist so ein Zeitdokument entstanden.

„Ich hatte für meine Kinder und Enkelkinder meine Lebensgeschichte aufgeschrieben, doch an diesem Tag wurde mir klar, dass ich dieses Buch für die jüngeren Generationen schreiben muss“, sagt der Autor. Dem übermächtigen Wunsch folgend begann er, die Biografie zu überarbeiten. Als „Maximilian“ erzählt er seine Geschichte aus der Sicht des kleinen Jungen, der er damals war, als Autor fügt er die Fakten hinzu, die er in akribischer Kleinarbeit zusammentrug.

Geboren wurde Zeinecker 1935 in einer kleinen Stadt im Böhmerwald als Sohn einer Künstlerfamilie. Kurz nach Kriegsbeginn wurde sein Vater mit dem „Fronttheater“ auf Tournee geschickt. „1943 wurde er dienstverpflichtet bei der Gestapo, der Geheimen Staatspolizei“, erzählt Zeinecker. Der Arbeitsort: Sowohl die „Kleine Festung“, die vor den Toren Theresienstadts als Gefängnis diente, als auch das Jüdische Ghetto Theresienstadt. „Mein Vater hatte einen besonderes Status, konnte sich frei bewegen und war wohl unter anderem für die Koordination zwischen dem Ältestenrat des Ghettos und der Gestapo zuständig“, so der Autor.

Mit minutiöser Erinnerung beschreibt er das Leben vor und während des Krieges – und den Tag, als er und seine Mutter von den tschechischen Rotarmisten abgeholt wurden. „Auf dem Weg in die Festung sahen wir Menschen, die an Bäumen aufgehängt oder erschlagen worden waren – der entfesselte Mob rächte sich fürchterlich“, sagt Zeinecker nachdenklich. Bilder, die ihn nie wieder loslassen sollten.

Keine Gespräche mit dem Vater möglich

Ebensowenig wie die bangen Wochen als Gefangene in der Festung, die unmenschlichen Schreie derer, die dort gefoltert und ermordet wurden. „Meine Mutter und ich waren Geiseln für meinen Vater, der vermutlich mit einem besonderen Auftrag der Sieger tätig werden musste “, sagt der Autor, der bis heute keine genauen Einzelheiten kennt. Dann die Freilassung und die Flucht mit der Mutter und dem kranken Großvater. Quer durch Deutschland an der Elbe entlang. 850 Kilometer in 170 Tagen. Zu Fuß.

Als Flüchtlinge landen sie in Mecklenburg-Vorpommern – der späteren DDR. Nach dem Tod der Mutter gelingt ihm die abenteuerliche Flucht in den Westen zum Vater, der inzwischen in Altenbeken (Westfalen) lebt und wieder verheiratet ist.

„Das war nicht die Generation, die über das Geschehene reden konnte“, bedauert Zeinecker heute. Erst, als sein Vater auf dem Totenbett lag, habe er gewagt, ihm Fragen zu stellen, doch die Antworten blieben aus. „Die lückenlose Aufarbeitung hat nie stattgefunden“, sagt Zeinecker.

Nur sein eigenes Trauma konnte er durch eine Reise an die Stätten seiner Kindheit bewältigen, die Schuldgefühle, die ihn all die Jahre quälten, mindern. „Es ist perfide, dass ich als Kind bei Besuchen in der ‚Kleinen Festung‘ dort gespielt habe, wo andere ihr Leben lassen mussten“, sagt er heute. Sein wichtigster Wunsch ist, mit seinem Buch auch Hoffnung zu machen – und als einer der letzten Zeitzeuge zu mahnen, wehrhaft zu bleiben. „Die schweigende Mehrheit ist der Nährboden solchen Unrechts“, sagt er. Und die ist seine erklärte Zielgruppe.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen