Gedenkkultur im Kreis Pinneberg : Ein Mahnmal gegen das Vergessen

Ein Ort mit trauriger Geschichte: Jens-Olaf Nuckel, Vorsitzender des Vereins Henri-Goldstein-Haus, vor dem Gebäude an der Himmelmoorstraße in Quickborn.
Ein Ort mit trauriger Geschichte: Jens-Olaf Nuckel, Vorsitzender des Vereins Henri-Goldstein-Haus, vor dem Gebäude an der Himmelmoorstraße in Quickborn.

In Quickborn soll ein Gebäude, in dem jüdische Kriegsgefangene untergebracht waren, als Gedenkstätte eingerichtet werden.

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19. Mai 2015, 13:00 Uhr

Quickborn | Quickborn, Himmelmoorstraße: Felder, Wiesen und Wälder bestimmen die Szenerie. Bis zur Pinnau sind es nur wenige Meter. Idylle pur. Kaum vorstellbar, doch ein Gebäude erzählt dort eine traurige Geschichte. Gemeint ist das sogenannte Henri-Goldstein-Haus, ein unscheinbarer Bau aus rotem Backstein. In dem Gebäude wurden während des Zweiten Weltkriegs jüdische Kriegsgefangene untergebracht und mussten im nahe gelegenen Moor Torf abbauen. Bis vor wenigen Jahren war kaum etwas darüber bekannt. Aus diesem Grund haben mehrere Kreis Pinneberger 2013 einen Verein gegründet, dessen Ziel es ist, das Wissen um die Geschichte des Lagers am Leben zu erhalten und nachfolgenden Generationen zu vermitteln. Dazu soll das Haus zu einer Gedenkstätte hergerichtet werden.

Sie soll der Startschuss für eine neue Form der Gedenkkultur im Kreis Pinneberg sein − das wünscht sich Jens-Olaf Nuckel, Vorsitzender des Vereins Henri-Goldstein-Haus. Denn bislang gibt es im Kreis keine Gedenkstätte wie sie beispielsweise in Kaltenkirchen im Kreis Segeberg existiert, wo ein Mahnmal an das Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme erinnert. Auch dort engagiert sich Nuckel, der aber einen großen Unterschied zwischen den Standorten sieht: „In Quickborn steht noch das Original-Haus.“

Mehr als 50 jüdische Kriegsgefangene wurden ab 1943 in dem kleinen Gebäude untergebracht. „Das ist unvorstellbar“, so Nuckel. Auf Anweisung der Wehrmacht wurden die Juden von den übrigen Kriegsgefangenen abgesondert. Unter ihnen war der Belgier Henri Goldstein, der die Bedingungen im Lager in seinen Memoiren als „äußerst eng und voller Gestank“ beschrieb. Täglich mussten er und seine Mitgefangenen bis zu zwölf Stunden lang Torf abbauen. Die Lagerleitung beschrieb Goldstein als grob, teilweise sadistisch.

Viele Jahre später, im April 1994, wandte sich Goldstein erstmals direkt an die Stadt Quickborn. Er wünschte eine offizielle Bestätigung für seinen Aufenthalt in dem Lager, doch damals war noch kaum etwas darüber bekannt. Nach einer Initiative des Historikers Gerhard Hoch und einer zweiten Anfrage Goldsteins im Jahr 2000 wurde schließlich Nuckel auf das Thema aufmerksam. „Wir wollen es in die Köpfe der Menschen bringen“, beschreibt der Architekt sein Ansinnen, das er mit den derzeit zwölf weiteren Vereinsmitgliedern teilt. Dazu sollen die Besucher das Haus „erleben, fühlen und riechen“, so Nuckel, der selbst zweimal in dem 1936 erbauten Gebäude war. „Es hat mich erschreckt und berührt.“

Das bereits unter Denkmalschutz stehende Goldstein-Haus liegt auf dem Gelände des Torfwerks, das gesamte Areal gehört dem Land Schleswig-Holstein. 2020 endet der Torfabbau. Dann wollen Nuckel und seine Mitstreiter vorbereitet sein und ein Konzept vorlegen. Ein Konzept für eine „Denk- und Gedenkstätte“, so Nuckel − und gegen das Vergessen.

Eine Internetseite zeigt
NS-Spuren im Kreis Pinneberg

Widerstand, Zivilcourage und Engagement, aber auch Gewalt, Antisemitismus und Rassismus will der Förderverein „Gegen das Vergessen − Spurensuche im Kreis Pinneberg“ aufzeigen. Dazu haben die Mitglieder eine Homepage entwickelt, auf der Punkte im Kreisgebiet markiert sind. Die Spuren sollen die persönliche Verantwortung und Täterschaft sowie Mitläufertum aufzeigen. „Es geht uns um die Erinnerungskultur insgesamt, wir wollen die gesamte Bandbreite darstellen“, erläutert Erhard Vogt aus Uetersen, Gründungsmitglied des Vereins, dessen Ziel es ist, das anonyme Schulwissen über die NS-Zeit in das heutige Lebensumfeld zu verlagern. Interessierte können aktiv an der Spurensuche mitarbeiten. Auf der Internetseite lassen sich − nach Anmeldung − Kommentare verfassen, die anschließend bei der Redaktionsgruppe auflaufen. Nach Prüfung werden diese freigeschaltet. „Jeder ist zum Mitmachen eingeladen“, sagt Vogt.

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