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Quickborner Tageblatt

20. November 2017 | 16:42 Uhr

Ein Kind der DDR erinnert sich

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Lesung Renatus Deckert erzählt Schülern des Elsensee-Gymnasiums von einem untergegangenen Regime

shz.de von
erstellt am 24.Jun.2017 | 16:00 Uhr

Der Essayist, Herausgeber und Lyriker Renatus Deckert hat 25 Autoren aus West- und Ostdeutschland gebeten, jene historische Nacht, in der die Mauer fiel, für ihn Revue passieren zu lassen. In ihren Texten schildern sie, wie sie den 9. November 1989 erlebten, was sie fühlten und wie sie sich heute daran erinnern. In dieser Woche war der in Berlin lebende Deckert zu Gast am Quickborner Elsensee-Gymnasium und schilderte vor Schülern der neunten und zehnten Klassen seine Motivation und wie es war, die Kindheit in der DDR zu verbringen.

Deckert, zusammen mit drei Geschwistern in Dresden aufgewachsen, ist ein strukturierter Mensch. Drei Exemplare seines Buchs lagen sorgsam gestapelt auf dem Tisch in der Schulaula, die Zettel seines Manuskripts rückte er immer wieder gerade. Wortgewandt ist er, klar in der Sprache und in seinen Aussagen. Bei seinen jungen Zuhörer kam das gut an. „Ich sehe die DDR kritisch, auch weil es in dem Regime nicht erwünscht war, selbst zu denken“, sagte der Sohn eines Pastor, der von sich sagt, trotz aller Widrigkeiten eine glückliche Kindheit verlebt zu haben.

Das mag auch daran liegen, dass es bei ihm zu Hause „nicht besonders staatstragend“ zugegangen ist. Den Vater beschrieb er als einen ausgleichenden Menschen, der sich mit der DDR-Politik wohl kritisch auseinandergesetzt, dabei aber nicht die Konfrontation gesucht habe. Damit sei er gut durchgekommen. Andere, daraus machte Deckert keinen Hehl, hatten es da schlechter, so der Autor, der vom Schießbefehl, Bespitzelungen sogar unter Geschwistern und Verhaftungen berichtete. Er klärte die Schüler auf, erläuterte das repressive System, die Folgen unliebsamen Verhaltens, das Leben in einer Mangelwirtschaft und den durch Misstrauen belasteten Umgang mit Mitschülern, Freunden und Bekannten. Dabei untersagte er sich jeden Anflug von Pathos und verzichtete auf große Emotionen – selbst in den Momenten, in denen es komisch bis grotesk wurde: „Die DDR war ein atheistischer Staat, in dem Engel als Symbole des Religiösen verpönt waren. Also nahm man das Wort ,Engel’ nicht in den Mund und behalf sich stattdessen mit der Umschreibung ,geflügelte Jahresendfiguren“, sagte er. Die Lesestunde in dem Quickborner Gymnasium war eine spannende politische Lehrstunde, in der er diejenigen, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls noch nicht geboren waren, mitnahm auf eine Reise in die deutsche Vergangenheit. Er erinnerte an eine irrtümlich während einer Pressekonferenz verlesenen Mitteilung, mit der der Fall der Mauer und damit die Öffnung des Eisernen Vorhangs eingeleitet wurde. „Und wenn ihr mich jetzt fragt, wo ich in dieser historischen Nacht war, dann muss ich euch sagen, ich habe tief und fest geschlafen.“ Deckert war damals gerade zwölf Jahre alt, begriff aber sehr wohl, welche Bedeutung diese Entwicklung hatte. Für ihn, den wenig verwöhnten Jungen aus der DDR, gab es plötzlich Pizza, Bananen und Jeans – „für uns alles Symbole für ein Leben in einem gewissen Wohlstand.“

Freiheit, so seine Botschaft, die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben, sei ebenso wichtig wie Brot. „Aber es gibt auch heute vieles, was ich kritisch sehe, zum Beispiel die Fixierung auf grenzenloses Wachstum, Konsum und Spaß. Ich bin ganz anders aufgewachsen.“ In seinem beeindruckenden Buch kommen Autoren wie Jürgen Becker, Robert Menasse, Katja Oskamp und Uwe Tellkamp zu Wort.

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